„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Suche in der Dunkelheit

Wir haben gelernt, Hypothesen nur dann zu akzeptieren, wenn die Güte der Begründung in einem angemessenen Verhältnis zur Entfernung der Hypothese von unserer Erfahrung steht (je weiter entfernt, desto besser muss die Begründung sein). Unsere ganze Wahrnehmung und unser Denken beruht auf diesem Grundsatz (Bayes Theorem), offensichtlich hat sich dieser Satz im Laufe einer 3,5 Milliarden Jahre dauernden Evolution so gut bewährt, dass sich unser ganzes Wissen auf diese Grundlage verlässt.

Theisten und Theologen haben dagegen aber einen Einwand, der gerne mit folgendem Witz erläutert wird:

Mitten in der Nacht sieht Paul seinen Freund Erich, wie er auf der Straße ständig um eine Laterne herumläuft, den Blick auf den Boden gesenkt. 

Paul: Was machst Du denn hier?
Erich: Ich habe meinen Haustürschlüssel verloren, den suche ich jetzt.
Paul: Wo genau hast Du ihn denn verloren?
Erich: Etwa bei dem Häuserblock da hinten.
Paul: Warum suchst Du ihn denn nicht dort, sondern hier?
Erich: Weil es dort stockfinster ist - da sehe ich ja nichts!

Das Gleichnis will uns sagen, dass der Verstand unsere Umwelt nur in einem begrenzten Umkreis "erleuchtet". Vieles liegt im Finstern, und wenn wir dort etwas verloren haben, dann hilft uns der Verstand bei der Suche auch nicht weiter. Dann müssen wir, statt um die Laterne herumzulaufen, doch im Dunkeln suchen, wo wir etwas verloren haben, nicht im Hellen, wo wir nichts verloren haben.

 

Die Geschichte hinkt aber gleich auf mehreren Füßen. Zum einen ist es der Theist, der uns einreden möchte, wir hätten etwas im Dunkeln verloren, was wir unbedingt finden müssten (und was so wichtig ist wie ein Haustürschlüssel). Zum anderen kann uns der Theist nicht begründen, warum wir das, was wir eigentlich nicht suchen und nicht vermissen, im Dunkeln verloren haben und nicht im Hellen.

 

Warum sollten wir uns vom Theisten ins Dunkle locken lassen, wo wir nichts sehen können? Wenn man etwas verloren hat, aber nicht genau weiß wo, dann handelt Erich völlig sinnvoll, wenn er zuerst im Hellen sucht. Denn im Dunklen wird er es ohnehin nicht finden. Das gilt sogar für den Fall, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass er den Schlüssel in der Nähe der Laterne verloren hat, aber die Wahrscheinlichkeit, dort etwas zu finden, ist einfach größer als im Dunkeln  [1].

 

Glauben hilft uns hier einfach nicht weiter. Wir können etwas (in verschieden Graden der Verlässlichkeit) wissen oder in verschiedenen Graden der Ungewissheit vermuten oder glauben. Wir können Wahrscheinlichkeiten abschätzen, und wir können feststellen, dass sich die Frage nicht eindeutig oder ausreichend beantworten lässt und die Frage dann einfach offen lassen. Und die Begründung der Antwort muss von ausreichender Qualität sein. 

Wir haben keinen Beweis dafür, dass Gott existiert  [
2]. Es scheint, dass es keine logische Möglichkeit für uns gibt, zu Gott vorzustoßen und ihn zu erkennen - auch das wird von Theologen zugegeben. Gott ist unerkennbar (mindestens in Teilen). Gott ist im Dunkeln, und wir können ihn nicht sehen - falls er überhaupt da ist. Gott in der unendlichen Dunkelheit zu suchen macht überhaupt keinen Sinn. Gott müsste schon auf uns zukommen - immerhin soll er allmächtig sein. Er müsste ins Licht treten, damit wir eine Chance haben, ihn zu sehen. Und die Offenbarungen nützen uns nichts - es reicht nicht, dass jemand behauptet, er habe im Dunklen Gott erkennen können, genau dort, wo die Täuschungsmöglichkeiten am Größten sind. Es läge an Gott, sich uns zu offenbaren. Gott aber hat sich nicht offenbart. Es gibt nur einzelne Menschen, die behaupten, er habe sich ihnen offenbart, aber diese Art der Offenbarung geht uns nichts an, weil wir weder Täuschung, Selbsttäuschung noch Lüge ausschließen können. 

Warum ein allmächtiger Gott, der sich jederzeit zweifelsfrei zu erkennen geben könnte, ausgerechnet eine der unsichersten Methoden der Erkenntnis - den Glauben - bevorzugen sollte, ist schlechterdings unerfindlich. Das ist so, als ob wir unser Geld nur von Leuten zählen ließen, von denen wir sicher sind, dass sie sich verzählen - denn ist sind ja anderseits die Theologen, die uns ständig erzählen, wir könnten nicht ausreichend erkennen. Das macht eine Täuschung in dieser Frage aber eben nur wahrscheinlicher. Gerade, wenn die Theologen mit ihrem Zweifel am Verstand recht hätten, dann müssten wir noch mehr Sicherheit für ihre Behauptungen verlangen. Aber es es fast paradox: Unser Verstand soll zu schlecht sein, um Gott zu erkennen, und deswegen sollen wir ohne jeden Beweis akzeptieren, was sie uns sagen! 

Je schmaler meine Basis des Erkennens ist, desto sorgfältiger muss ich neue Erkenntnisse prüfen, nicht umso sorgloser kann ich glauben, was mir erzählt wird. 

Wer gerne den mathematischen Beweis sehen möchte, mit dem man zeigen kann, wieso es sinnvoller ist, im Licht zu suchen, dem sei das sehr gute und sehr vergnügliche Buch 
Der Schein der Weisen empfohlen. In diesem Buch wird gezeigt, von welcher Relevanz Bayes Theorem im alltäglichen Leben ist.

Konfusius, er zitiert: "Es ist besser, einen Flammenwerfer anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen." (Terry Pratchett)

Anmerkungen:

1.     In dem Buch von Beck-Bornholdt finden Sie dazu sogar einen mathematischen Beweis.

 

2.     Auf die so genannten Gottesbeweise gehe ich später noch ein. Ich kann Ihnen nur versichern, dass selbst ein Theologe wie Küng 2001 zu dem Ergebnis kommt, dass es keinen zwingenden Gottesbeweis gibt.

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

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