„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

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Nur Atheisten kommen in den Himmel

Der folgende Text wurde inspiriert von Richard Carrier, dessen Ausführungen hier zu finden sind: The End of Pascal's Wager: Only Nontheists Go to Heaven (2002)

Die 
Pascalsche Wette wettet darauf, dass nur gläubige Christen ins Paradies kommen, weil nur diese an den einzig wahren Gott glauben. Der Glauben sowie die Befolgung der mit dem Glauben verbundenen Gebote (gute Werke etc. - man kann hinzufügen, was man will) sind also die Voraussetzungen, um einen unendlichen Lohn zu bekommen. Wie fragwürdig dies unter Betrachtung der Bibel ist, habe ich in den Artikeln Der Heilsplan I und Der Heilsplan II bereits beschrieben. In der Pascalschen Wette werden nun einige Annahmen gemacht - hier werde ich, in Anlehnung an Richard Carrier versuchen, zu zeigen, dass auf Basis dieser Annahmen das Setzen auf den Unglauben immer noch die sicherste Wahl ist.

Argument 1: Wer gelangt ins Paradies?

Angenommen, dass nur Menschen mit moralisch korrektem Verhalten ins Paradies kommen. Dieser Glauben wird von sehr vielen Gottgläubigen gehegt. Aus gutem Grund - denn andernfalls würde sich der Himmel mit Menschen füllen, die moralisch schlecht sind, die Gott ablehnen, die seine Gebote nicht erfüllen und somit seiner nicht würdig sind. Selbstverständlich spielt auch die Gnade noch eine große Rolle, denn kein Mensch ist moralisch perfekt. Menschen sind mehr oder weniger gut, die einen mehr, die anderen weniger. Gott, so wird argumentiert, will den Himmel nur mit guten Menschen füllen, weil Gott selbst gut ist (moralisch perfekt). 

Um den Glauben muss man sich bemühen, d. h. man muss von dem Willen beseelt sein, herauszufinden, was im Sinne Gottes gut ist und was nicht, und man sollte zumindest ehrlichen Herzens versuchen, danach zu leben. DiesesLeben aus dem Glauben heraus kann nur funktionieren, wenn man zumindest einige grundlegende Fakten über das Universum weiß und beherzigt. Einer dieser Fakten ist beispielsweise, dass Gott existiert. Daraus folgt, dass nur diejenigen in Frage kommen, die nach der Wahrheit und dem Guten aktiv suchen, ihr Verhalten testen und so zu guten Gründen kommen, ihren Glauben für wahr zu halten und sich danach zu richten. Nur diejenigen können moralisch vertrauenswürdig sein, die sich ihrer moralischen Grundsätze vergewissern - außer natürlich, Gott möchte den Himmel mit bequemen, unverantwortlichen und nicht moralisch vertrauenswürdigen Personen bevölkern. 

Aber es gibt nur zwei Gruppen von Leuten, auf die diese Beschreibung zutrifft: die intellektuell redlichen aber kritischen Theisten und die intellektuell redlichen aber kritischen Nichtgläubigen (Agnostiker, 
Atheisten, aber mehr noch die säkularen Humanisten). Beide Gruppen suchen beständig nach Wahrheit und moralischem Wohlverhalten, nur diese sichern ihren Glauben an das Gute durch Überlegung und praktisches Handeln ab. Andere, die dem Glauben indifferent gegenüberstehen, die sich blind nach dem richten, was andere ihnen sagen, die zu faul zum Denken sind, die bequem den Weg des geringsten Widerstands gehen (sei es gläubig oder ungläubig oder halbgläubig) kommen wohl kaum in Frage. Wer immer daran interessiert ist, herauszufinden, was gut und was schlecht ist, der muss sich auch mit der Frage beschäftigen, ob Gott existiert, so dass man ein solides Fundament für seine Moral hat, oder ob er nicht existiert und man anderswo suchen muss, um die Basis für sein Handeln zu finden. Nur wer sich bemüht ist auch vertrauenswürdig. Und nur die beiden genannten Gruppen halten die moralischen Fragen für wichtig genug, um sich intensiv damit zu beschäftigen.

Argument 2: Warum gibt es diese Welt?

Eine weitere wichtige Frage ist die, warum Gott mit seiner Allmacht sich nicht einfach zeigt und die Menschen von seiner Existenz überzeugt. Die "göttliche Verstecktheit" ist eines der Mysterien dieser Welt. Erklären kann man dies eigentlich nur, wenn man diese Welt als einen Test ansieht, wer dafür würdig ist, in den Himmel zu kommen und wer nicht. Auch diese Überzeugung wird von vielen Gläubigen vertreten, wiederum aus gutem Grund. Denn wenn Gott von vornherein wüsste, wer dafür geeignet ist und wer nicht, dann hätte er sich diese Welt sparen können und die Leute gleich schon vor ihrer Geburt auswählen können. Gott müsste dazu nur vorher wissen, wie sich jemand verhalten wird. 

Der freie Willen kann diese Schlussfolgerung nicht aufheben, weil wenn der Willen wirklich frei ist (und nicht nur eine Illusion), dann zeigt sich das darin, dass wir unseren Willen jederzeit umkehren können und unser Verhalten ändern können. Dies gilt vor allem für den Fall, dass wir unseren freien Willen auch im Paradies behalten. Jeder könnte im Paradies durch einen unerwarteten Akt des freien Willens sich dazu entschließen, Böses zu tun. Folglich braucht Gott einen Test, um herauszufinden, wer aus freiem Willen bereit ist, stets das Gute zu tun.

Argument 3: Kein Gott oder ein böser Gott?

Wenn man nur die Wahl hätte zwischen den beiden Alternativen, dass entweder kein Gott existiert oder aber ein böser Gott, dann würde auch der gläubigste Christ sich dafür entscheiden, dass kein Gott existiert. Denn einen bösen Gott zu verehren ist sicher eine böse Tat. Nun gibt es aber gute Gründe, anzunehmen, dass Gott nicht gut ist oder dass es keinen Gott gibt. 

Wenn man sich das 
AT genauer ansieht, dann findet man für diese Behauptung viele Belege. Gott hat alle Menschen (bis auf acht) in einer großen Sintflut ersäuft, er hat Vernichtungskriege befohlen, er hat mit Satan eine Wette abgeschlossen und Hiob gequält, er hat den Glauben Abrahams getestet, ob dieser bereit ist, seinen Sohn Isaac zu opfern. Und er hat Abraham dafür belohnt, dass er Loyalität über alle moralischen Prinzipien gestellt hat. Das alles sind Werke eine bösen Gottes. Dann gibt es in dieser Welt noch die Naturkatastrophen, Erdbeben, Seuchen, Überflutungen, Vulkanausbrüche und ähnliches mehr. Außerdem verhindert Gott auch die vielen moralischen Übel der Menschen nicht, wie beispielsweise den Holocaust. 

Alternativ kann man zwar annehmen, dass die biblischen Geschichten nicht wahr sind, aber damit entzieht man dem 
Christentum den Boden.

Argument 4: Der Test

Von den beiden genannten Gruppen sind aber nur die Ungläubigen bereit, die Konsequenz zu ziehen, und lieber an keinen als an einen bösen Gott zu glauben. Folglich ist nur die Antwort der Nchtgläubigen im Sinne des moralischen Tests, um herauszufinden, wer gut ist und wer nicht. Wer intellektuell redlich ist, auf der Suche nach der Wahrheit, nach einem wahren und gerechtfertigten Glauben, der setzt nicht einfach voraus, dass Gott gut ist, sondern sucht nach Fakten, die seinen Glauben bestätigen. Hinzu kommt, dass der Glauben selbst seine Probleme hat (siehe Der Glauben als Konflikt. Der Glauben selbst hat über Kreuzzüge, Hexenverfolgungen und Religionskriege das moralische Verhalten der Menschen nicht gebessert, im Gegenteil, er hat neue Konflikte geschaffen, die er aus sich heraus nicht bewältigen kann. 

Ohne eine plausible Lösung des 
Theodizeeproblems ist es nicht gerechtfertigt, an die Existenz eines guten Gottes zu glauben und diesen als Maßstab für moralisches Verhalten zu nehmen. Aber einen Unglauben angesichts von Höllendrohungen (oder dem Verlust des ewigen Lebens) aufrecht zu erhalten, angesichts eines immensen gesellschaftlichen Drucks, einfach zu glauben, erfordert Mut und couragiertes Denken. Wer nicht so naiv ist, gegen alle Evidenzen einen Glauben an einen guten Gott blind zu halten, der gehört zu der Gruppe, die den Test bestehen. Denn vor allem vor dem Hintergrund des Schweigens von Gott ist es nicht gut, ohne Nachdenken tradiertes Glaubensgut zu übernehmen. 

Folglich sind nur die intellektuell redlichen, ernsthaft um die Wahrheit bemühten Ungläubigen dazu geeignet, ins Paradies aufgenommen zu werden. Nur diese erfüllen die Testbedingungen. Und das erklärt auch plötzlich viele der großen Geheimnisse:

  • Gottes Verstecktheit ist wichtig, weil viele von seiner schieren Machtpräsenz "erdrückt" aus Angst und Egoismus an ihn glauben würden, nicht aus intellektueller Redlichkeit und einem Bemühen auf der Suche danach, was gut und was böse ist.
  • Ein falsches Bild eines bösen Gottes wie in der Bibel ist wichtig, um zu testen, ob jemand Moral oder Glauben wählt. Dies prüft auch, ob jemand angesichts aller Drohungen und sozialen Drucks sich genug unabhängiges Denken bewahrt hat, um sich mutig gegen diesen Gott zu entscheiden. Es ist falsch, etwas zu glauben, nur weil jemand es geschrieben hat, gegen das, was uns uns die sinnliche Erfahrung sagt und was wissenschaftlich prüfbar ist.
  • Natürliche Übel und ungehinderte menschliche Bösartigkeit ist deswegen wichtig, weil wir nur so selbstverantwortlich uns für das Gute entscheiden können, ohne eine "moralische Macht" hinter allem zu vermuten. Wenn das Universum wohlgeordnet wäre, mit einer erkennbaren und universellen Moral, so müsste man vernünftig schließen, dass ein guter Gott existiert und würde diesem wegen der Angst vor ihm folgen, aber nicht deswegen, weil einem daran gelegen ist, moralisch richtig zu handeln.
  • Ein weiterer Test ist das NT, welches ein anderes, positiveres Bild von Gott zeichnet (abgesehen von der Androhung der Höllenstrafe, die wiederum eine üble Sache ist). Nur so wird einem intellektuell redlichen Menschen bewusst, wie widersprüchlich die moralische Grundlage der Bibel eigentlich ist, und würde diese Widersprüche als Verwirrungstaktik eines bösen Gottes zurückweisen und lieber annehmen, dass es keinen Gott gibt. Moralisch unreife Menschen werden sich einfach dem Druck der Höllendrohungen beugen.

Der einzige Weg, den Willen der Menschen zu testen ist der, zu sehen, ob sie zu Ungläubigen werden oder nicht. Und nur die selbstbewussten Ungläubigen bestehen diesen Test. Nur wer gut ist um des Guten willen und nicht wegen Paradiesversprechungen oder Höllendrohungen ist geeignet, dass Paradies zu bevölkern, ohne in seinem freien Willen dazu zu neigen, gleich wieder Böses zu tun (früher oder später, bei unendlicher Zeit ist dazu die Versuchung und die Wahrscheinlichkeit dazu sehr groß).

Schlussfolgerung

Aus den angeführten Gründen ergibt sich, dass dies eine bessere Erklärung für den Zustand der Welt und der Bibel ist als die gängigen Thesen der Gläubigen. Und weil dies gegen alle Schlussfolgerungen von Pascals Wette steht, folgt daraus, dass die Wette einen Glauben an Gott nicht rechtfertigt und daher zu verwerfen ist, weil der Glauben an Gott eben nicht die beste Wahl ist.

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

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