„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Drogen, Gehirn, Bewusstsein

Unter dem Begriff Droge wird mehrerlei verstanden. Im heutigen, deutschen Sprachgebrauch assoziiert man mit „Drogen(in diesem Sine auch: Rauschgift, Rauschmittel) stark wirksame psychotrope Substanzen, die zumeist auf das zentrale Nervensystem einwirken. Dabei soll die menschliche Psyche gezielt verändert und Sinneseindrücke, Gefühle und Stimmungen herbeigeführt oder beeinflusst werden. Kulturell als Genussmittel (Alkohol) konsumierte oder als Medikament (Ritalin) eingeschätzte Drogen werden öffentlich oft nicht als solche wahrgenommen.

Alkohol, eine gesellschaftlich akzeptierte Droge.
Alkohol, eine gesellschaftlich akzeptierte Droge.

Ein erster Überblick

    Bewusstsein

Es gibt weltweit unzählige Arten von Drogen. Ihre Herkunft, Herstellung, Wirkungsmechanismen, Bewusstseinseffekte und Gefährdungspotential sind komplex und unterschiedlich, sodass mehrere Formen der Klassifizierung möglich sind. Wobei jede Klassifizierung bestimmte Aspekte miteinbezieht, und zeitgleich andere auslassen muss. Die letzte, finale Klassifizierung von Drogen gibt es also nicht.

Ich halte (um einen ersten Überblick zu erhaschen) diese Klassifizierung für sinnvoll:

(1) Anästhetika: schalten das Bewusstsein kurzzeitig aus. Früher verwendete man einfache Gase zur Betäubung, wie etwa das als Lachgas bekannte Dickstoffmonoxid. In hohen Dosen verabreicht führt es zur Bewusstlosigkeit und in geringeren Dosen soll es einem angeblich in transzendente Zustände versetzen können. Moderne Anästhetika sollen das Bewusstsein nicht ausknipsen, sondern Schmerzlinderung, Vergessen und Entspannung herbeiführen.

·       Man könnte meinen, Anästhetika seien eine gute Möglichkeit um mehr über das Bewusstsein zu erfahren. Schließlich könnte man beispielsweise verschiedene Dosierungen verwenden, um herauszufinden wann das Bewusstsein „aus“ ist und dann schauen, welches Zentrum im Gehirn nicht mehr aktiv ist. Allerdings wirken Anästhetika auf das gesamte Gehirn und das auf eine unheimlich komplexe Weise, dass man beim besten Willen kein „Bewusstseinszentrum“ ausmachen kann, das von Anästhetika ein- und ausgeschaltet wird.

Stimulanzien: sind anregende Stoffe wie Nikotin, Amphetamine und Kokain. Die meisten unter ihnen besitzen ein starkes Suchtpotential und verlangen immer höhere Dosen, um nochmal dieselbe Wirkung zu erzielen. Beim Entzug treten stark unangenehme Symptome und ein starkes Verlangen nach dem Stimulantia auf. Kokain schnupft bzw. „zieht“ man für gewöhnlich durch die Nase, wird aber auch in Form von Crack geraucht, was noch stärker: wirkt, süchtig macht und den Körper zerstört. Zu der großen Gruppe der Amphetamine zählen u.a. moderne Designerdrogen, wie beispielsweise Ecstasy, ein Zusammenschluss von Stimulantien und Halluzinogenen.

·       Konsumenten reden gerne davon, dass stärkere Stimulantien das Bewusstsein erweitern. Für die Bewusstseinsforschung selbst ist aber auch dieser Drogentyp eher uninteressant.

Betäubungsmittel: betäuben Schmerzempfindungen oder ähnliche Bewusstseinsinhalte. Sie kommen in Psychiatrien zum Einsatz und sollen dort etwa bei der Behandlung von Psychosen oder Depressionen helfen, oder einfach beruhigend wirken. Manche Betäubungsmittel werden als Rauschmittel missbraucht, genauso wie Depressiva. Hierzu zählen Alkohol, Heroin, Morphium, Methadon oder Codein. Indem sie körpereigene Endorphine nachahmen, die mit Stress und Belohnung in Verbindung stehen, bewirken Betäubungsmittel extreme Rauschzustände und machen ausgesprochen süchtig. Doch dazu mehr später.

Halluzinogene: sind psychotrope Substanzen, die Halluzinationen hervorrufen können. Für die Bewusstseinsforscher sind dies die interessantesten Drogen, denn mit ihnen lässt sich bewusst erlebte „Realität erschaffen“. Technisch ist eine Halluzination genau dies, eine subjektive Erfahrung, die fälschlich mit objektiver Realität  verwechselt wird. Ein Schizophreniepatient, der meint Stimmen aus der Wand sprechen zu ihm, obwohl da niemand ist, erleidet zum Beispiel eine Halluzination. Wer Halluzinogene einnimmt weiß im Gegensatz zum unfreiwillig Schizophrenen jedoch meist, dass das Erlebte nicht real ist. Aus diesem Grund werden die Halluzinogene alternativ auch als psychedelische oder bewusstseinserweiternde Drogen bezeichnet.

Cannabis: wird aus Hanf gewonnen und stellenweise schwache psychedelische Droge genannt. Seit über 5.000 Jahren wird Hanf zu medizinischen Zwecken oder zur Herstellung von Kleidungsstücken verwendet, im 19. Jahrhundert begannen Künstler damit ihre Kreativität zu steigern und auch die Medizin entdeckte damals die wundersame Substanz Cannabis für sich. Weil es auch psychisch abhängig machen soll, wurde Cannabis im 20. Jahrhundert in vielen Ländern verboten, was den weltweiten Konsum aber kaum einen Abbruch tat. Normalerweise wird Cannabis in Form von Graß (die getrockneten Blättern und weiblichen Blüten des Hanfs) oder Haschisch (ein zähes Etwas aus gestampften Blättern, Blüten, Pollen und Harz des Hanfs) geraucht. Oft wird gerauchtem Cannabis zusätzlicher Tabak beigemischt um seine Wirkung zu mildern oder Kosten zu sparen. Nur selten isst man Haschisch oder nimmt ihn in Milch oder Alkohol gelöst zu sich.

Tetrahydrocannabinol (kurz: THC) ist der zentrale Wirkstoff einer Cannabispflanze. Neben THC ihm schlummern noch etwas mehr als sechzig weitere Cannabinoide in ihr, die ganz unterschiedlich auf das Gehirn und Immunsystem eines Menschen einwirken und sich zusammen vermutlich noch verstärken. Die meisten unter ihnen sind fettlöslich und können wochenlang im Körper überdauern. Weil die Wirkung von Cannabis so unterschiedlich ausfallen kann und immer mehrere und stärkere Sorten gezüchtet werden ist es sehr schwer, die Wirkung von Cannabis allgemeingültig zu charakterisieren. Am häufigsten berichten zumindest Nutzer, und die müssen es ja wissen, von rasch einsetzender Entspannung, erweiterter Sinneswahrnehmung, einer Neigung zum Lachen, Offenheit gegenüber anderen, einem gesteigerten sexuellen Lustgefühl und einer verlangsamten Zeitwahrnehmung. All die Wirkungen sollen stärker werden, sobald „man sie zulässt“. THC lässt die mentale Konzentration sinken und beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses, beides aber meist nur vorrübergehend. Beim exzessiven Konsum können Konzentration und Kurzzeitgedächtnis aber auch dauerhaft Schaden nehmen.

2. Neurologische Wirkungsweisen

Nun haben wir einen ungefähren Überblick über das Erfahrungsspektrum, das von Drogen ausgehen kann. Neurowissenschaftlich interessanter ist jedoch, wie diese Erfahrungen hervorgerufen werden. Wie schaffen es Drogen unsere Erlebniswelt zu verändern?

Der grundlegende Wirkungsmechanismus ist immer derselbe: Egal, ob man eine Droge raucht, trinkt, schluckt oder spritzt, früher oder später gelangt sie in unseren Blutkreislauf. Über den Blutkreislauf geht eine Droge zu verschiedenen Synapsen an unseren Nervenzellen, insbesondere ins Gehirn. Und hier, an den Synapsen, entfalten Drogen dann ihre Kraft indem sie eines oder mehrere Transmitter beeinflussen. Bis hier hin funktionieren alle Drogen gleich. Wie jetzt aber die Beeinflussung der Transmitter abläuft ist von Droge zu Droge unterschiedlich:

Drogen können eine Dauererregung verursachen (Kokain, Speed): Indem der Wirkstoff einer Droge den Weg für die Neurotransmitter zurück zum Endknöpfchen versperrt, bleiben die Transmitter länger im synaptischen Spalt und können so mehrmals Rezeptoren an der postsynaptischen Membran aktivieren. Kokain sorgt außerdem dafür, dass weiterhin Neurotransmitter an den Vesikeln in den synaptischen Spalt ausgeschüttet werden. Das alles bewirkt eine länger anhaltende Erregung der Postsynapsen.

Drogen können die Ausschüttung der Transmitter beeinflussen (Speed oder Opioide): Bei Speed werden alle Transmitter des Endknöpfchens ohne Stimulation durch ein Aktionspotential ausgeschüttet, woraufhin ein postsynaptisches Signal entsteht. Einfacher gesagt bedeutet dies, dass schlagartig ein Haufen Transmitter in den synaptischen Spalt fallen und die Reizübertragung enorm verstärkt. Opiude wie Morphium oder Heroin gehen noch einmal einen anderen Weg: Sie unterdrücken bestimmte Signale, oft würden diese normalerweise ein Schmerzgefühl verursachen, indem sie einfach die Ausschüttung (schmerzerregender) Transmitter hemmen. Im Gegensatz zu Speed wirken Opioide nur indirekt.

Drogen können den Abbau an Transmittern stoppen (auch: Speed, Koffein): Normal läuft das so ab, dass die Neurotransmitter nach kurzer Zeit wieder an den Endknöpfchen aufgenommen werden. Dort werden sie dann „recycelt“ oder vernichtet. Aber Speed unterdrückt nun dasjenige Enzym, was den Transmitter eigentlich abbauen soll. Infolge stehen mehr Neurotransmitter zur Verfügung, als es normal ist und das Signal dauert länger an. Einige Neurotransmitter zerlegt es gleich am Synaptischen Spalt und an dieser Stelle kann eine Droge ansetzen und ihren Abbau verhindern.

Drogen können die Sensitivität der Rezeptoren für Neurotransmitter manipulieren (~Alkohol): So können Drogen bspw. die Neurotransmitterrezeptoren anders – besser und damit länger oder schlechter und damit kürzer – binden.

Drogen können die Produktion von Neurotransmittern drosseln (LSD): Und wenn das Neurotransmittergleichgewicht in ihrem Hirn gestört wird, also zu wenig oder auch zu viel Transmitter im Gehirn wirken, verändern sich logischerweise auch ihre Gefühle und Wahrnehmung. Bei einer Drosselung stehen weniger Neurotransmitter zur Verfügung, Reize werden schlechter übertragen und alles verschwommener.

Drogen können das Transmittermolekül auch schlichtweg nachahmen (Nikotin, Heroin, THC): Nikotin, der Wirkstoff einer Zigarette, imitiert das Transmittermolekül Acetylcholin, was die nikotinischen Acetylcholinrezeptoren aktiviert. Dasselbe Prinzip verfolgen Opiate wie Heroin, die köpereigene Endorphine nachbilden. Oder aber auch das THC einer Cannabispflanze macht formell exakt das Gleiche. THC macht das, was normalerweise Transmitter tun und bewirkt was normalerweise die körpereigenen Cannabinoide bewirken. Es verzurrt die Cannabinoidrezeptoren in der postsynaptischen Membran woraufhin das Aktionspotential ausbleibt. Die Rezeptoren verändern anstatt die Effektivität der postsynaptischen Zellen. Und löst sich dann wieder vom Rezeptor, am Ende wird es vom Körper abgebaut. Außerdem können Drogen auch an den Rezeptoren von Neurotransmittern binden ohne deren Effekt zu kopieren, dann blockieren sie die Stelle einfach nur.

Meine Erfahrungen mit ... 

Bildquelle: Bierzelt

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 06 Juli 2016 23:45)

    Warum Menschen Werbung für Drogen machen und was das mit der erfolgreichsten Droge aller Zeiten zu tun hat
    Möglicherweise hängt das mit der verbreitetsten, absurdesten und zugleich unbemerktesten Droge überhaupt zusammen, der Sucht nach Anhäufung eines imaginären Symbols, das für die Übertragung anonymer Schuld anderer Menschen steht und aufgrund seines Suchtcharakters - die gleichen Hirnregionen wie Sex anregend - zum zentralen Antrieb menschlichen Handelns und bestimmenden Faktor der dahinterstehenden gesellschaftlichen strukturellen Macht wurde.
    Dabei trägt nicht der Inhaber einer akkumulierten Menge dieser rein symbolsemiotischen Droge (auch "Geld" genannt) diese Macht, sondern der dahinter stehende sich selbst verstärkende systemische Prozess der Rentabilitätslogik, den Verwertungsprozess durch fortschreitende technologische Entwertung menschlicher Arbeitskraft zu optimieren.
    Deshalb führt diese Drogensucht im großen und ganzen nicht zu gesundheitlichen Schäden des Drogenkonsumenten, sondern schädigt erstaunlicherweise zunächst - z.B. durch die Beschaffungskriminalität und ausgeschaltete Empathie der Süchtigen - eher jene, die freiwillig oder unfreiwillig abstinent bleiben - und bedroht darüber hinaus auf mehrfache Weise langfristig den Fortbestand der gesamten Spezies.
    Dass diese Sucht nicht als solche erkannt wird, hängt damit zusammen, dass die Droge - ähnlich wie in früheren Kulten, z.B. das Soma als Rauschmittel im Frühhinduismus - auf eine quasireligiöse Weise kultisch verehrt wird, epistemologisch verzerrt als alternativlose Basis des gesellschaftlichen Daseins gesehen wird, ähnlich wie ein Gott, und damit mehr ist als nur eine gesellschaftlich tolerierte Zellgift-Droge wie Alkohol oder Nikotin.
    Vornehmlich scheinen Primaten aufgrund ihres übersteigerten Sexualtriebes für eine solche Drogenkrankheit prädestiniert zu sein, da dieser nicht nur bestimmend für ihr Verhalten und ihre sozialen Strukturen ist, sondern aufgrund ihrer gesellschaftlichen Instrumentalisierung und Reglementierung auch stets zu starken Frustrationen führt, und damit sehr geeignet ist, von alternativen Reizen sublimiert zu werden. Versuche mit nichthumanen Primaten haben gezeigt, dass diese relativ schnell das Konzept von "Geld" erlernen und übernehmen - und sich auch bald Phänomene wie Prostitution herausbilden.
    Deswegen halte ich das merkwürdige Verhalten dieses Primatenexemplars nur für vorgetäuscht, um damit seiner wirklichen Sucht zu frönen.
    https://www.youtube.com/watch?v=MXqbQJ3d2hc


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