„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Argument aus dem Neandertal

DNA: Der winzige Code, der die Evolution zu Fall bringt

Bei ihrer Erforschung einer neuen Welt – der Welt innerhalb der Zelle – entdecken Wissenschaftler erstaunliche Informationssysteme, die komplexer sind als alles, was sich die besten menschlichen Köpfe je ausgedacht haben. Woher stammen diese zellulären Informationssysteme?

Bei genauerem Hinsehen und mit ein bisschen Fachkenntnis entpuppt sich die gesamte Argumentationslinie jedoch als großes Blendwerk! In gewisser Hinsicht verhält es sich bei dem Aufsatz wie mit Nietzsche-Texten: Die einzelnen Worte wirken so tiefgreifend, dass sie einen schnell vereinnehmen und über die eigentlich relevanten Sätze und Inhalte hinwegtäuschen. Dabei will ich hier aber auf keinen Fall den werten Herrn Nietzsche degradieren, er hat es nicht verdient gerade mit christlich-platter Religions"denk"weise verglichen zu werden.

Der „gutenachricht“-Aufsatz hingegen hat eine Degradierung verdient,- eine inhaltlich-sachliche versteht sich. Und die soll es stellvertretend für sein "Argument" über die Entstehung komplexer Information in der DNS bekommen. Gerne wird es von Religioten angebracht, was es nicht besser macht. Im Gegenteil, es ist nicht mehr als ein Scheinargument, ein Argumentationsfehler, den David Silverman in seinem Buch "Fighting God" treffenderweise als "Argument aus dem Neandertal" bezeichnet.

Es gibt viele Argumente, die ähnlich funktionieren wie das Neandertal-Argument, man nennt die Obergruppe "kosmologische Argumente". In der christlichen Theologie sind diese Argumente eigentlich tot, seit sie David Hume und Immanuel Kant einer vernichtenden Kritik unterzogen. Dafür trifft man sie immer häufiger bei muslimischen Gelehrten an, von denen erschlagend viele momentan die Aufklärung rückwärts zu durchlaufen scheinen.

Man kann die kosmologischen Argumente formal wie folgt darstellen:

(P1) Das Universum hat die Eigenschaft X.
(P2) Die Eigenschaft X des Universums kann nicht auf natürliche Weise erklärt werden.

(S) Gott hat dem Universum diese Eigenschaft X gegeben.

X kann sein: Existenz (oder Entstehung) des Universums, Entstehung des Lebens, Entwicklung des Lebens, Herkunft der Moral, Komplexität des Universums oder Lebens, Finetuning des Universums oder viele andere Dinge mehr, die wir nicht wissen (oder nicht genau genug, oder die wir wissen, bei denen aber das Wissen ignoriert wird).

Das Argument (und jedes seiner Art) weist (min.) FÜNF Fehler auf:

1. Ersetzen einer Erklärung durch eine Pseudo-Erklärung.

Gott ist (auch, was seine Existenz angeht) unbekannt. Man kann aber etwas Unbekanntes nur mit etwas Bekanntem erklären, sonst handelt es sich um eine Pseudo-Erklärung. Zudem: Nur weil man keine Erklärung besitzt (oder diese nicht verstanden hat), heißt es nicht, dass es keine alternative Erklärung gibt). Diese wird nicht berücksichtigt und macht das Argument ungültig.

2. Unendlicher Regress

Die DNS besitzt eine Fülle an Informationen. Wenn man dies mit einem Schöpfer erklärt, muss dieser ebenfalls über entsprechende Informationen verfügen. Wenn die Fülle an Informationen einen Schöpfer benötigt, braucht dieser einen Superschöpfer. Das führt zu einem unendlichen Regress. Dieser wird willkürlich und ohne Begründung abgebrochen, indem man erklärt, der Schöpfer benötige keinen Schöpfer mehr. Aber wenn man hier auf diese "Erklärung" verzichten kann, ist sie auch bei der DNS verzichtbar - oder man braucht eine alternative Erklärung. Damit ist das Argument ungültig.

3. Logischer Zirkel

Man setzt einen Schöpfer voraus, indem man behauptet, dass es keine Erklärung ohne einen Schöpfer gibt - selbst wenn es eine solche doch gibt. Und dann kommt man darauf, dass es einen Schöpfer gibt. Das ist nicht sofort sichtbar und trägt zur logischen Scheinplausibilität bei. Das Argument ist aber ungültig.

4. Gestohlenes Konzept

Man etabliert zunächst das Konzept, das komplexe Information einen Schöpfer braucht. Ist man beim Schöpfer angekommen, "stiehlt" man das Konzept und erklärt, dass die komplexen Informationen des Schöpfers irgendwie aus dem Nichts (ohne Ursprung) gekommen sind. Aber wenn man behauptet, dass Informationen keinen Ursprung benötigen, kann man auf den Schritt, dass dies bei der DNS anders ist, verzichten. Man zieht sich sozusagen den Boden unter den Füßen weg. Daher ist das Argument ungültig.

5. Berufung auf Nichtwissen

Man weiß nicht, wie die Informationen in der DNS entstanden sind (Anm.: Wir wissen es sehr wohl, aber das wird im Video kurzerhand ignoriert, das spielt aber keine Rolle) ALSO muss die Information durch einen übernatürlichen Schöpfer auf magische Weise herbeigezaubert worden sein. Man beruft sich also auf einen logischen Schluss, der darauf basiert, dass man etwas nicht weiß. Ein solcher Schluss ist logisch ungültig.

Zwischenfazit

Jede der fünf Kritikpunkte für sich genommen ist für das Argument vernichtend. Zudem gibt es alternative Erklärungen, dazu gleich mehr.

Wenn man die defekte Logik dieses Arguments repariert, dann kommt man darauf, dass es einen Beweis dafür darstellt, dass es keinen Schöpfer geben kann. Denn es gibt keine Änderung an dem Argument, keinen Weg, es vor dieser Kritik zu retten als den, eine alternative Erklärung anzunehmen, nämlich: Alles, was existiert, ist aus etwas Einfacherem entstanden. Und dies muss man zurückdenken bis zum Einfachsten, das es geben kann - und das ist nicht Gott und kann es auch nicht sein.

Die Computer-Analogie

Um die Bauteile eines aktuellen Computers zu entwickeln, sind extrem komplizierte Berechnungen nötig. Ohne einen Computer können diese Berechnungen nicht gemacht werden. Das führt zu einem scheinbaren Paradoxon. Wenn die Planung eines Computers einen Computer erfordert - dann können Computer ursprünglich nur durch ein göttliches Wunder entstanden sein. Informatiker bleiben bis heute die Antwort auf dieses Problem schuldig.

Was ist die Auflösung?

Die ersten Computer waren simpler konstruiert. Ihre Berechnungen konnten auch ohne Computer erledigt werden. Erst später wurden Computer eingesetzt, um Computerbauteile zu berechnen. Die Geschichte zeigt eine allmählich komplexer werdende Generationenfolge von mechanischen und dann elektronischen Rechengeräten - bis zu den heutigen Computern.

 

Durch eine genauere Kenntnis der Entwicklungsreihe löst sich das angebliche "Geheimnis" in eine verständliche Folge von Entwicklungsschritten auf. 

Die DNA geht auf einfachere Vorläufer zurück. Biologen beschreiben RNA als Vorläufermolekül von DNA. RNA benötigt zu seiner Replizierung keine Proteine. Das Problem im Video entsteht überhaupt nicht. 

RNA übernimmt die Funktionen von DNA und die Funktion von Proteinen:

1. Informationen codieren (Aufgabe heutiger DNA)

 

2. durch räumliche Konformation enzymatisch wirken (Aufgabe heutiger Proteine)

Die enzymatische DNA-Replikation hat sich erst später als eine spezialisierte Funktion entwickelt.

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Kommentare: 2
  • #2

    IntellectusCreatur (Donnerstag, 22 Juni 2017 00:20)

    Was für ein Unsinn.
    Natürlich ist der erste Computer durch ein "Wunder" eines Schöpfers entstanden.
    Es ist sogar bekannt wer dieser war: Konrad Zuse nämlich.

    https://vimeo.com/44460215

    So verhält es sich mit allem, egal ob Computer, Autos, das Universum oder so etwas simplem wie ein Steinwerkzeug.
    Alles ist durch Intelligenz eines Urhebers entstanden.

    https://www.youtube.com/watch?v=cu6tRnguKec

  • #1

    Seelenlachen (Samstag, 30 Januar 2016 14:12)

    Hinweis: Ursprünglich wollte ich mich mit dem Text auf dieses Video beziehen, das nun wieder auf yt ist: https://youtu.be/jb-AQe8z15I


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