„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Strohmann-Argument

Das Strohmann-Argument (Lehnwort aus dem Englischen: straw-man fallacy; auch: Strohmann-Trugschluss, Pappkameraden-Argument) ist i. Normalfall eine rhetorische Technik, bei der die tatsächliche Auseinandersetzung mit der Gegenposition nur fingiert wird. In Wahrheit aber wird gegen einen "Strohmann" argumentiert, einem fiktionalen und wehrlosen Gegner also, dem eine verkürzte, überhöhte oder falsche Version der gegnerischen Argumentation in den Mund gelegt wird. Für gewöhnlich wird daraufhin beansprucht, die Widerlegung der Strohmann-Position stelle eine Widerlegung der tatsächlichen Position des Diskussionsgegners dar. Da der Strohmann im Gegensatz zu einem realen Streitgegner nicht auf Einwände eingehen kann oder sie gar zurückweisen kann, handelt es sich hierbei um einen Sophismus.

Außerdem ist das SA ein Argumentationsfehler, da es unrechtmäßig eine nie getroffene Aussage unterstellt. Es stellt eine Spezialform des Fehlschluss der falschen Prämisse dar.

Die Strohmann-Analogie resultiert aus dem Schwert- und Fechtunterricht. Dort übte man oft gegen Strohmänner oder Pappkameraden, die bewegungsunfähig sind und nur besiegt werden können. Anschließend fackelte man den Strohmann dann häufig unter großem Getöse ab. Wer im Sinne des Strohmanns argumentiert, imitiert folglich nur den Feind und feiert den Sieg gegen die Imitation ab, als hätte er ein echtes (Wort-)Gefecht gewonnen. 

Die falsche Darstellung der Gegenposition erfolgt entweder (1) bewusst als rhetorisches Mittel oder (2) unbewusst, weil man sie nicht richtig verstanden hat. Eine wichtige, implizite Erkenntnis hieraus ist: Pappkameraden entstehen nicht immer aus schlechten Absichten (2) - das zu unterstellen wäre selbst ein Pappkamerad! Es ist nicht einmal so, dass Pappkameraden immer den (moralischen oder intellektuellen) Unzulänglichkeiten ihrer Urheber geschuldet sind: Wenn Person A sich bspw. missverständlich ausdrückt und Person B aufgrund dessen mit einem Strohmann argumentiert, liegt das Missverständnis nicht an Person B.

1. Methoden & Beispiele

Es gibt verschiedene Methoden der Strohmann-Argumentation:

(1) Die These des Gegenüber wird überhöht, verkürzt, sonst wie verzerrt oder gar falsch wiedergegeben und dann, anstelle gegen den eigentlichen Standpunkt, nun gegen diesen "Strohmann" argumentiert. Meist wird ein solcher Strohmann so konstruiert, dass man ihm leichter entgegenreden kann als dem eigentliche Intendierten, was die Gegenrede künstlich vereinfacht. Nach der Widerlegung des Strohmanns wird fälschlicherweise behauptet, dass nun die eigentlich intendierte These widerlegt sei.

Beispiel:

 

A: Sonnige Tage sind toll.
B: Es wäre furchtbar, wenn alle Tage sonnig wären und es nie mehr regnen würde. Wir würden hungern und sterben.
(B unterstellt A implizit eine Allaussage, die A nicht getätigt hat.)

 

 

Journalist: Die Weltgemeinschaft macht sich Sorgen ob ihrem militärischem Aufrüsten.
Nationaler Pressesprecher: Die Weltgemeinschaft möchte also, dass unser Land ohne Verteidigung dasteht.
(N.P. gibt die Aussage des J.en inkorrekt wieder.)

(2) Es werden wackelige Argumente für die Thesen des Gegenübers herangezogen, diese Argumente werden widerlegt und anschließend behauptet, dass infolge jeder Vertreter dieser Thesen und somit auch der Gegenüber widerlegt sei.

Beispiel:

 

 

A: Organismen verändern sich gemäß den vorherrschenden Umweltbedingungen.
B: Der Zoologe Jean-Baptise Lamarck glaubte das auch. Lamarck meinte zum Beispiel, dass Giraffen in Vergangenheit immer wieder ihren Hals ausgestreckt hatten, um an die Nahrung in den Bäumen zu gelangen, und sich so durch die häufigen Streckungen ihr Hals den Umweltbedingungen angepasst habe. Die lamarksche These gilt als widerlegt, also stimmt es nicht, dass sich Organismen den vorherrschenden Umweltbedingungen anpassen.
(B zieht einen widerlegten Erklärungsansatz für die These von A heran und behauptet, damit die These von A widerlegt zu haben. Würde sich A mehr auskennen wüsste er, dass etwa 50 Jahre nach Lamarck der Naturwissenschaftler Charles Darwin einen alternativen Erklärungsansatz aufgestellt hatte (Organismen werden passiv durch Selektion angepasst). Jener darwinsche Erklärungsansatz hat sich bis heute gehalten und gilt heute als einer der fruchtbarsten in der gesamten Geschichte der Naturwissenschaften.)

(3) Eine (vielleicht: fiktive) Person mit fragwürdigen Anschauungen oder Taten wird beschrieben und behauptet, dass diese Person die Gruppe vertrete, die der Sprecher kritisieren möchte.

 

Beispiel:

 

A: Ich bin der Meinung, dass die Finanzmärkte viel Unheil anrichten.
B: Auch Hitler war ein Feind der Finanzmärkte. Er glaubte, dass das Finanzjudentum die Welt unterjochen möchte. Hängst du wirklich dieser abstrusen Verschwörungstheorie an?
(A behauptet, dass Hitler alle Finanzmarktkritiker vertrete.)

 

Siehe auch: Reductio ad Hitlerum

(4) Falsche Analogien bezüglich der gegnerischen These aufstellen, die Analogien widerlegen und damit die These als widerlegt behaupten.

 

Beispiel, siehe: Uhrmacher-Analogie

2. Wege des Umgangs

Man kann verschieden auf ein Strohmann-Argument reagieren. (1) Ein Weg ist, es als solches zu benennen. Man kann das sehr diplomatisch tun, indem man aufzeigt: Ich fühle mich von Ihnen falsch wiedergegeben. Ist der Andere tatsächlich an einem fairen Diskurs interessiert, wird er sich korrigieren und ihr könnt ungestört fortfahren. Werden Pappkameraden dahingegen bewusst und in polemischer Absicht eingesetzt, ist es legitim, den anderen damit an die Wand fahren zu lassen. Das kann zum einen damit geschehen, dass man wieder (1) den Strohmann– und somit auch den Gegenredner – entlarvt, diesmal auf rhetorisch-attackierende Weise. Wenn andere Leute eurem Diskurs beiwohnen und bisher neutral waren, werden sie ab sofort sehen, dass Ihr Gegner unredlich argumentiert hat und euch wahrscheinlich ihre Gunst schenken.

Es gibt aber auch (2) eine zweite rhetorische, und noch einmal potentere Art den Gesprächsgegner mit seiner eigenen Waffe, dem Strohmann, zu schlagen. Sie funktioniert aber nur u.U.: Sie können von der falschen Prämisse ausgehen, dass Sie wirklich behauptet haben, was Ihr Gesprächspartner Ihnen in die Schuhe schieben will. Wenn Sie die Diskussion nun trotzdem gewinnen, obwohl Sie sich den Strohmann zuschieben lassen haben, zeigen Sie, dass ihr Gegenüber nicht einmal in der Lage war, mit Lügen und Verzerrungen die Diskussion zu gewinnen. Sie haben ihn endgültig bloßgestellt.

Ein wehrloser Strohmann,
Bildquelle: Larch

3. Verweise

  • Rhetorik: Das Pendant zum Strohmann-Argument ist die Technik des Advocatus diaboli, bei dem ebenfalls ein fiktiver Gegner der eigenen Position ersonnen wird, in ihm jedoch die Gegenrede so stark wie möglich hervorgebracht werden soll. Damit soll die Stichhaltigkeit des eigenen Arguments geprüft und eventuelle Schwachstellen behoben werden können.

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Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 18 Januar 2017 02:45)

    https://www.youtube.com/watch?v=xdHkbrdpWgo

  • #3

    WissensWert (Dienstag, 17 Januar 2017 01:44)

    Der amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann stellt in seinem Buch „Schnelles Denken – langsames Denken“ (2011) eine Reihe kognitiver Verzerrungen vor. Eine davon ist die Substitutionsheuristik. Wenn wir mit einer komplizierten Frage konfrontiert werden, dann ersetzen wir diese oft unbewusst durch eine einfachere, leicht beantwortbare Frage – und beantworten diese. Damit glauben wir, die ursprüngliche Frage adäquat beantwortet zu haben.
    (Komplizierte Frage: „Hat Angela Merkel eine sinnvolle Politik für die nächsten vier Jahre“: Leicht beantwortbare Ersetzungsfrage: „Wirkt dieses Foto von Angela Merkel auf mich sympathisch und kompetent?“ Es wird unbewusst die zweite Frage beantwortet – und dann als Antwort für die erste gesetzt. „Ja.“)

  • #2

    WissensWert (Sonntag, 25 Dezember 2016 19:22)

    Bei einem Strohmann-Argument werden Positionen des Gegners attackiert, die dieser tatsächlich gar nicht vertritt. Anstatt auf die tatsächlichen Argumente des Gegners einzugehen, wird gegen einen fiktiven Gegner – den „Strohmann“ argumentiert. Es wird dann behauptet, die Widerlegung der Strohmann-Position wäre eine Widerlegung der tatsächlichen Position des Diskussionsgegners.

  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 26 Mai 2016 21:43)

    https://youtu.be/oPvZSO3tYKo


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