„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Yves Bossart: Ohne Heute gäbe es morgen kein Gestern

Das Buch war ein Spontankauf, weil mir im Buchladen der Titel auf dem Einband auffiel, ein origineller Aphorismus. Yves Bossart ist ein Philosoph, der in seinen Seminaren mit Gedankenexperimenten arbeitet, ähnlich wie es Sokrates mit seinen Fragen an seine Mitmenschen getan hat. Einige davon kannte ich schon, viele waren mir neu. Vielleicht als Einstieg die Gedanken, die er zum Thema Letztbegründung äußert, etwas, das mich schon ein paarmal beschäftigt hat:

 

Aristoteles meint nun, dass dieses Lebensglück das letzte und eigentliche Ziel des Menschen sei. Gewisse Dinge wollen wir nur, um mit ihnen etwas anderes zu erreichen. Sie sind nur Mittel zum Zweck, wie etwa Geld, Macht und Besitz. Das Glück aber erstreben wir nicht, um damit etwas anderes zu erreichen. Es ist Selbstzweck. Spielen wir das an einem Beispiel durch: Angenommen, Sie wollen sich die Haare schneiden lassen. Wozu? Damit Sie gut aussehen. Und warum wollen Sie gut aussehen? Damit andere Sie attraktiv finden. Und warum wollen Sie attraktiv sein? Damit Sie mit anderen ins Gespräch kommen. Und warum möchten Sie das? Damit Sie einen Partner kennenlernen. Aber wozu das? Um geliebt zu werden. Und wozu möchten Sie geliebt werden? Weil Sie das glücklich macht. Und wozu wollen Sie glücklich sein? Hmm. Schwer zu sagen. Die Frage, wozu wir glücklich sein wollen, macht keinen Sinn. Daran zeigt sich: Ein gelungenes Leben ist nie Mittel zum Zweck, sondern der Endzweck allen Tuns.

Häufig bin ich in der letzten Zeit mit der Meinung konfrontiert worden, Philosophie wäre in der heutigen Zeit überflüssig geworden, die Naturwissenschaften würden nach und nach alle Rätsel lüften. Ich glaube, bereits das Eingangsbeispiel mit den Letztbegründungen beweist das Gegenteil. Ein weiteres Beispiel ist das Phänomen der Zeit. Damit beschäftigen sich Menschen bereits seit dem Beginn des systematischen Denkens. Die Physik des 20. Jahrhunderts hat nun in Form der Relativitätstheorien viel über die Zeit herausgefunden, aber was sie nun wirklich ist, das wohl eher nicht. Weil sich auch der Titel des Buchs davon ableitet, jetzt ein sehr langes Zitat aus dem Buch:

 

Können Sie sich eine Welt vorstellen, in der es keine Zeit gibt? Wenn Sie meinen, das sei ein Kinderspiel, dann haben Sie mit Sicherheit etwas falsch gemacht: Sie sollten sich eine Welt vorstellen, in der keine Zeit vergeht, nicht eine Welt, in der alles stillsteht und es keine Veränderung gibt! Eine Welt im Stillstand wäre nämlich immer noch eine Welt in der Zeit. Denn damit etwas stillstehen kann, braucht es Zeit. Jeder Stillstand hat eine Dauer und ist daher ohne Zeit nicht möglich. Also noch einmal: Wie sähe eine zeitlose Welt aus – eine Welt, in der es weder Veränderung noch Stillstand gibt?

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat festgestellt, dass es gewisse Dinge gibt, die wir nicht wegdenken können. Die Zeit gehört dazu. Aber auch die Farben: Stellen Sie sich ein Objekt vor, das keine Farbe hat – also weder rot, grün, schwarz, weiß usw. ist. Unmöglich. Auch die räumliche Ausdehnung ist etwas, von dem wir nicht abstrahieren können. Oder können Sie sich ein Objekt vorstellen, das keine Ausdehnung hat? Für Dinge und Eigenschaften gilt dasselbe: Können Sie sich ein Ding denken, das keine Eigenschaften hat? Oder eine Eigenschaft, die nicht die Eigenschaft irgendeines Dinges ist, sondern losgelöst existiert? Was auf die Zeit, den Raum, auf Farben, Dinge und Eigenschaffen zutrifft, gilt auch für kausale Ereignisse: Versuchen Sie sich ein Ereignis vorzustellen, das nicht durch ein anderes Ereignis verursacht worden ist. Eine Fensterscheibe etwa, die einfach so zerbricht, ohne dass ein Stein sie zerschlagen oder sich eine innere Spannung aufgebaut hätte. Einfach so, aus dem Nichts. Unvorstellbar.

Unsere Vorstellungskraft und unser Verstand haben Regeln und Grenzen. Es ist, als ob wir eine blaue Brille tragen würden, durch die alles blau aussieht. Eine Brille, die wir niemals ablegen können. Diese Brille des Verstandes formt alles, was wir denken. Nach Kant ordnet sie alles nach einer zeitlichen und räumlichen Struktur, einem Nacheinander und Nebeneinander. Zudem formt sie die Eindrücke und Vorstellungen zu Dingen mit Eigenschaften und zu Ereignissen mit Ursachen. Unser Denken verleiht der Welt, die wir kennen, ihre Grundstruktur. Und zu dieser Grundstruktur gehört nach Kant die Zeit. Sie sei eine »Anschauungsform«, also gleichsam eine Brille unserer Anschauung, die wir nicht ablegen können. Darum ist es uns nicht möglich, eine Welt ohne Zeit zu denken. Manchmal wünschen wir uns, die Zeit würde stillstehen. Aber eigentlich meinen wir damit nicht die Zeit, sondern die Bewegung und Veränderung. Wir sagen: »Für einen kurzen Augenblick stand die Zeit still.« Aber wie kann die Zeit für einen kurzen Augenblick stillstehen? Es ist schlicht widersprüchlich zu behaupten, die Zeit stand für eine Sekunde still. Denn eine Sekunde kann nur vergehen, wenn die Zeit läuft, nicht wenn sie stillsteht.

Die Vergangenheit ist die Zukunft der Gegenwart, wie es so schön heißt. Zeit verrinnt, weil Zukünftiges gegenwärtig und Gegenwärtiges zu Vergangenem wird. Die Zeit besteht also aus Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Nun ergibt sich allerdings ein Problem: Die Zukunft existiert noch nicht, die Vergangenheit existiert nicht mehr und die Gegenwart ist eine ausdehnungslose Grenze zwischen Zukunft und Vergangenheit. Es gibt also weder das Zukünftige, noch das Vergangene, noch das Gegenwärtige. Da aber die Zeit aus diesen dreien zusammengesetzt ist, existiert auch die Zeit nicht.

Dieses schnörkellose Argument stammt von dem Philosophen und Kirchenvater Augustinus, den wir bereits kennengelernt haben und der um 400 n. Chr. seine berühmte Schrift »Bekenntnisse« verfasste, ein angebliches Zwiegespräch mit Gott, das einer Mischung aus Autobiografie, Seelenstriptease und philosophischer Abhandlung gleichkommt. Gegen Ende der Schrift kommt Augustinus auf die Zeit zu sprechen und stellt diese berühmte Paradoxie auf.

Die Zeit sei aus drei Teilen zusammengesetzt: Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Keiner dieser Teile sei jedoch wirklich, denn die Zukunft existiere noch nicht, die Vergangenheit sei bereits vorbei und die Gegenwart sei ohne Ausdehnung und entwische uns bei jedem Versuch, sie zu fassen. Also existiere auch die Zeit nicht. Aber ist diese Konsequenz nicht absurd? Wir sehen doch Tag für Tag und Sekunde für Sekunde, wie sich die Dinge um uns herum verändern. Und wir vergleichen zeitliche Prozesse miteinander, etwa wenn wir sagen: »Mit dem Zug fährt man doppelt so lange wie mit dem Auto.« Aber wie können wir, so fragt Augustinus, die Zeit messen, wenn sie nicht existiert? Wie können wir ihre Ausdehnung bestimmen, wenn sie doch keine hat? Überhaupt: wie misst man die Zeit?

Aristoteles meinte, wir messen die Zeit mit Bewegung – und zwar mit einer gleichförmigen Bewegung. Zu Aristoteles‘ Zeiten dienten die Umläufe der Gestirne als Zeitmesser. Heute richten wir uns mit sogenannten Atomuhren an den gleichmäßigen Schwingungsprozessen von Elementarteilchen aus. Diese sind noch präziser als die Umläufe der Gestirne. Aber wie wissen wir überhaupt, dass eine Bewegung konstant ist, also weder schneller noch langsamer wird? Wir brauchen dazu eine weitere gleichbleibende Bewegung, die uns als Richtschnur dient. Wir messen also Bewegung mit Bewegung. Was aber wäre, wenn sich alle Prozesse in der Welt gleich stark beschleunigen würden, auch unser Denken? Würden wir etwas bemerken? Wäre das nicht so, wie wenn alle Objekte, die es gibt, sich gleichmäßig vergrößern würden? Würden wir dieses Wachsen überhaupt bemerken?

Wir haben bereits gesehen, dass aus Sicht der Physik die Zeit schneller und langsamer laufen kann. Aber ist das wirklich so? Ist es wirklich die Zeit, die schneller und langsamer läuft? Sind es nicht vielmehr die Bewegungen? Tatsache ist, Atomuhren laufen langsamer, wenn sie in Bewegung sind. Aber zeigt das, dass die Zeit dann langsamer vergeht? Oder zeigt es lediglich, dass die Dinge sich langsamer bewegen? Dass also auch die atomaren Schwingungen langsamer sind? Warum soll das Tempo der Zeit identisch sein mit dem Schwingungsrhythmus von Elementarteilchen? Widerspricht das nicht dem, was wir mit »Zeit« meinen? Reden die Physiker also wirklich über die Zeit, wenn sie das Wort »Zeit« verwenden? Alles schwierige Fragen. Und die Zeit ist knapp. Widmen wir uns also wieder der Philosophie. Augustinus hat nämlich noch eine Lösung in der Tasche.

Augustinus rettet die Zeit, indem er sie in unseren Geist verlegt. Zukünftiges, Gegenwärtiges und Vergangenes sei in unserem Denken und unserer Vorstellung präsent. Wir erinnern Vergangenes, erwarten Zukünftiges und erleben Gegenwärtiges. Unser Geist streckt sich zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft, indem er Vergangenes und Zukünftiges vergegenwärtigt. Gleichzeitig verleiht er der Gegenwart eine Ausdehnung. Die Erinnerung hält das Jetzt noch ein Weilchen fest, während bereits neue Eindrücke auf uns einprasseln und wir uns ausdenken, was wohl als Nächstes auf uns zukommt.

Augustinus erläutert seine subjektive Theorie der Zeit mit einem musikalischen Beispiel: Wenn wir einer Melodie lauschen, dann hören wir nicht einzelne Töne. Vielmehr haben wir die vergangenen Töne noch im Kopf und nehmen die nachfolgenden bereits vorweg. Vor unserem inneren Ohr haben wir – auf seltsame Weise – die ganze Melodie präsent, von Anfang bis Ende. Die Gegenwart hat also eine Dauer. Allerdings nur innerhalb unseres Geistes. Augustinus vertrat als Erster eine subjektive Zeitauffassung, gemäß der die Zeit immer eine erlebte Zeit ist. Ohne Geist und ohne Seele gäbe es sie nicht. Außerhalb des Geistes gibt es keine Gegenwart, keine Zukunft und keine Vergangenheit.

Genuin philosophische Themen sind im 20. Jahrhundert Sprache und Logik geblieben (Wittgenstein!) und natürlich Ethik. Zu letzterem das folgende Beispiel:

 

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Tages auf und möchten aus dem Bett steigen, doch es geht nicht. An Ihrem Rücken klebt ein Mensch. Es handelt sich um den weitbesten Geiger. Wie es dazu kam? Nachdem man herausgefunden hatte, dass der Geiger an einer schweren Nierenkrankheit leidet, hatten Musikliebhaber aus der ganzen Welt beschlossen, ihn mit allen Mitteln am Leben zu erhalten. Leider sind Sie der einzige Mensch, der dieselbe Blutgruppe hat wie er. Also wurden Sie gekidnappt, betäubt und chirurgisch an den Blutkreislauf des Geigers angeschlossen. Nun filtern Ihre gesunden Nieren die Schadstoffe aus dem Blut des Geigers.

»Das geht doch nicht!«, sagen Sie voller Empörung. Der Leiter der Klinik versucht Sie jedoch zu beruhigen mit den Worten: »Es tut uns schrecklich leid, was die Musikfreunde Ihnen angetan haben. Wir wussten von nichts. Würden wir den Geiger jedoch chirurgisch von Ihnen entfernen, würde das zu seinem Tod führen – das dürfen wir nicht tun. Personen haben ein Recht aufleben. Sie selbst haben natürlich ein Recht zu entscheiden, was mit Ihrem Körper passieren soll, aber das Lebensrecht des Geigers wiegt schwerer. Darum dürfen wir Sie nicht loskoppeln. Es gibt allerdings keinen Grund zum Verzweifeln. Das Ganze dauert nämlich nur knapp neun Monate. Bis dahin wird sich der Körper des Geigers erholt haben und er kann ohne Schaden wieder von Ihnen entfernt werden.«

Wie würden Sie reagieren? Ist die Argumentation der Klinikleitung überzeugend? Und was wäre, wenn der Arzt statt von neun Monaten von neun Jahren gesprochen hätte? Oder wenn Ihre Nieren derart unter der Prozedur leiden würden, dass Sie innerhalb des nächsten Monats sterben würden, wenn der Geiger nicht von Ihnen entfernt wird?

Dieses Gedankenspiel stammt von der US-amerikanischen Philosophin Judith Jarvis Thomson. Es geht dabei weder um den Wert der Musik, noch darum, was man tun darf, um bedeutende Persönlichkeiten zu retten. Das Thema ist Abtreibung. Genauer gesagt die Frage: Darf man bei einer ungewollten Schwangerschaft abtreiben? Der Geiger entspricht also dem ungewollten Kind im Bauch und Sie sind die schwangere Frau. Neun Monate lang kann der Geiger nicht ohne Sie überleben, ebenso wie das im Bauch heranwachsende Kind. Das ist die Analogie.

Ungewollte Schwangerschaften sind keine Seltenheit. Denken Sie an das Versagen von Verhütungsmitteln oder an Fälle von Vergewaltigung. Thomsons Gedankenexperiment bezieht sich nur auf solche Fälle der ungewollten Schwangerschaft. Und sie umgeht die ganze Debatte um den moralischen Status von Embryonen. Meist wird im Rahmen der Abtreibungsdebatte nämlich darüber diskutiert, ob und ab wann Embryonen überhaupt ein Lebensrecht haben. Dabei wird vielfach mit dem Begriff der Person argumentiert und gesagt, nur Personen hätten ein Lebensrecht. Die entscheidende Frage ist dann, ob Embryonen Personen sind. Bevor wir näher auf das Gedankenexperiment eingehen, sollten wir uns die wichtigsten Argumente der Abtreibungsgegner ansehen. Es gibt im Wesentlichen drei Argumente, die für den Schutz des ungeborenen Lebens sprechen: das Kontinuitätsargument, das Identitätsargument und das Potentialitätsargument.

Das Kontinuitätsargument behauptet, es gäbe eine fließende Entwicklung, ohne klare Brüche und Sprünge, von der befruchteten Eizelle bis zum Neugeborenen. Jede Grenzziehung sei willkürlich. Darum habe bereits die befruchtete Eizelle ein Lebensrecht, ebenso wie das Neugeborene. Das Argument hat jedoch Schwächen. Es gibt auch keine klare Grenze zwischen Tag und Nacht -dennoch ziehen wir sie. Ebenso wenig hat die Dämmerung einen klaren Anfang und ein klares Ende. Aber irgendwann ist es definitiv dunkel. Ähnlich verhält es sich bei der Schwangerschaft. Die befruchtete Eizelle empfindet keine Schmerzen und hat keine Interessen, das Neugeborene dagegen schon. Irgendwo dazwischen fängt der Zellhaufen an zu empfinden. Die Biologie geht davon aus, dass das Nervensystem die Grundlage der Empfindungsfähigkeit bildet. Die für Empfindungen relevanten Bereiche des Gehirns bilden sich nach der zwölften Schwangerschaftswoche heraus. Darum setzt man die Grenze in der Regel um die zwölfte Woche.

Während das Identitätsargument behauptet, die befruchtete Eizelle sei identisch mit dem Neugeborenen und genieße darum dieselben Rechte, behauptet das Potentialitätsargument, Embryonen hätten ein Lebensrecht, weil aus ihnen in naher Zukunft Menschen werden. Embryonen haben das Potential zum Menschsein. Darum dürfe man sie nicht töten. Dem wird entgegengehalten: Auch ein und dasselbe Ding kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten andere Rechte haben. Ein und derselbe Mensch darf als Kind nicht wählen, als Erwachsener dagegen schon. Derselbe Einwand spricht gegen das Potentialitätsargument. Nur weil etwas in Zukunft gewisse Rechte haben wird, heißt das nicht, dass es jetzt schon diese Rechte hat. Ansonsten hätte ein Prinz bereits als Kind dieselben Rechte, die er später als erwachsener König haben wird. Er könnte Befehle geben und sein Land führen, schließlich wird er irgendwann König sein. Doch das ist absurd. Rechte basieren auf Tatsachen, nicht auf Möglichkeiten.

Nachdem wir nun also die wichtigsten Argumente für sowie gegen das Lebensrecht von Embryonen skizziert haben, können wir uns dem Gedankenexperiment mit dem Geiger widmen. Thomson möchte mit ihrer Analogie nämlich zeigen, dass auch dann noch gute Gründe für eine Abtreibung sprechen, wenn dem Ungeborenen ein Lebensrecht zugestanden wird. Der Geiger ist nämlich ein erwachsener Mensch, der definitiv ein Lebensrecht hat – auch wenn er an Ihren Körper angenäht ist und sein Überleben von Ihnen abhängt. Doch dieses Lebensrecht des Geigers kollidiert mit Ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Die Frage ist nun, welches Recht höher zu gewichten ist. Für Thomson ist die Sache klar: Die Musikfreunde haben auf drastische Weise in Ihr Leben und Ihren Körper eingegriffen. Das geht nicht, meint sie. Jeder habe das Recht, sich von dem Geiger loszukoppeln. Das entspreche einer Notwehr. Und dazu habe man immer das Recht. Wie sehen Sie das? Würden Sie sagen, man dürfe den Geiger auf keinen Fall von Ihnen losmachen? Wenn ja, was würden Sie sagen, wenn er nicht neun Monate, sondern neun Jahre an ihnen hängen würde? Würden Sie auch dann finden, man dürfe ihn nicht umbringen? Und wie würden Sie die Sache beurteilen, wenn Ihre Gesundheit und Ihr Leben dadurch bedroht wären und Sie nur überleben könnten, wenn der Geiger von Ihnen abgekoppelt wird? Mit dieser Variante fordert Thomson diejenigen Abtreibungsgegner heraus, die finden, man dürfe auf keinen Fall abtreiben, auch nicht bei Schwangerschaften, die für die Mutter tödlich verlaufen. Das heranwachsende Kind aktiv zu töten, sei nämlich moralisch verwerflicher, als die Mutter sterben zu lassen. Dabei stützen sich die radikalen Abtreibungsgegner auf die Unterscheidung zwischen Tun und Unterlassen.

Das Eichhörnchenbeispiel aus dem Buch – siehe weiter unten – wird mir sicherlich auf lange Zeit im Gedächtnis bleiben, doch zuvor ein einführender Klassiker zum Thema Logik und Sprache:

1.    Sokrates ist ein Mensch.

2.    Alle Menschen sind sterblich.

3.    Also: Sokrates ist sterblich.

Aus der Wahrheit der Prämissen (1) und (2) folgt die Wahrheit der Konklusion (3). So weit, so gut. Aber was ist mit folgendem Schluss?

1.    Ein Stück Brot ist besser als nichts.

2.    Nichts ist besser als die Lasagne der Mutter.

3.    Also: Ein Stück Brot ist besser als die Lasagne der Mutter.

Das sprachliche Logikloch im zweiten Beispiel zu finden, sei jedem selbst überlassen. Jetzt das Eichhörnchenzitat:

Stellen Sie sich vor, Sie spazieren durch den Wald. Plötzlich eilt ein Eichhörnchen über den Weg und klettert auf den Stamm eines Baums, der direkt vor Ihnen steht. Es hat sich jedoch auf der Rückseite des Baumstamms versteckt. Vorsichtig gehen Sie um den Baum herum, aber das Eichhörnchen dreht sich immer wieder von Ihnen weg. Der Baumstamm ist stets zwischen Ihnen und dem Eichhörnchen. Und auch das Eichhörnchen umrundet den Baum, in gleicher Richtung, aber auf gegenüberliegender Seite. Nun kommt die entscheidende Frage: Sind Sie, nachdem Sie den Baum einmal umrundet haben, auch einmal um das Eichhörnchen herumgelaufen?

Dieses Rätsel stammt von dem US-amerikanischen Pragmatisten William James. Der Pragmatismus ist eine vielgestaltige philosophische Strömung, deren Kernthese besagt, dass unsere Theorien über die Welt in erster Linie nützlich sein sollen. Ob sie die objektive Wirklichkeit richtig abbilden, könnten wir niemals wissen. Das sei aber auch unwichtig.

William James wollte mit seinem Eichhörnchen zeigen, wie philosophische Probleme aussehen. Das Rätsel mit dem Eichhörnchen sei nämlich ganz ähnlich wie die großen philosophischen Rätsel. Ob wir um das Eichhörnchen herumgehen oder nicht, hänge nämlich nur davon ab, wie wir das Wort »herumgehen« verstehen. Wenn wir mit »herumgehen« meinen, einen unbewegten Gegenstand zu umrunden und ihn von allen Seiten zu sehen, dann ist die Frage mit »nein« zu beantworten. Wenn wir dagegen mit »herumgehen« meinen, dass wir in einem Kreis um das Objekt gehen, egal ob dieses sich dreht oder steht, dann wäre die Frage mit »ja« zu beantworten.

Das Problem ist also ein rein sprachliches. Es ist unklar, ob der Ausdruck »um etwas herumgehen« auf die beschriebene Situation zutrifft oder nicht. Die Situation ist vollkommen klar, der Begriff jedoch nicht. So verhält sich das James zufolge auch mit philosophischen Problemen, etwa mit den Fragen, ob wir Menschen »frei« sind, ob wir etwas über die Welt »wissen« können oder ob Tiere »denken« können.

Sehr beschäftigt haben mich auch Bossarts Beispiele zum Thema „Identität“, was auch etwas mit dem Thema „Zeit“ zu tun hat. Zunächst einmal stellt er fest, dass es mindestens zwei verschiedene Formen der Identität gibt, eine numerische und eine qualitative. Wenn jemand sein Buch liest, dann liegt aber wahrscheinlich mindestens ein zweites Buch in irgendeinem Buchladen, mit demselben Einband und demselben Einband. Die beiden Bücher sind numerisch verschieden, man könnte jedem von ihnen eine Nummer geben, qualitativ aber sind sie gleich. Anders sieht es zum Beispiel mit einem Putzlappen aus. Obwohl es immer derselbe Lappen bleibt, er also numerisch identisch ist, verändert er sich qualitativ.

 

Wie ist das jetzt mit uns Menschen? Häufig wird Identität an unseren Erinnerungen festgemacht. Die Person von heute ist mit der von gestern identisch, weil sie sich an das gestern Erlebte erinnern kann. Dazu gibt es ein scharfsinniges Gedankenexperiment:

 

Der zweite Einwand stammt von dem schottischen Philosophen Thomas Reid und geht so: Angenommen, ein Junge wird verprügelt, weil er einen Apfel geklaut hat. Aus dem Jungen wird später ein großer General, der den entscheidenden Krieg für sein Land gewinnt. Als alter Greis kann sich der General immer noch an seinen Siegeszug erinnern, aber nicht mehr an die Prügelstrafen in seiner Jugend. Damals als Kriegsgeneral konnte er sich jedoch noch gut an seine Jugend erinnern. Wenn wir nun Lockes Kriterium der Erinnerung nehmen, dann entsteht ein Widerspruch: Der General ist identisch mit dem Prügelknaben und der alte Greis ist identisch mit dem General, weil sie sich jeweils an die vergangenen Episoden erinnern können. Also ist der Greis auch mit dem Knaben identisch. Aber der Greis kann sich nicht mehr an seine Jugendzeit erinnern. Zwischen dem Greis und dem Knaben besteht somit keine Brücke der Erinnerung. Also dürfte er nach Lockes Theorie nicht dieselbe Person sein wie damals. Widerspruch perfekt.

Apropos Prügelstrafen: Angenommen, man könnte Sie an eine Maschine anschließen, die alle Ihre Erinnerungen löscht und auf einer Festplatte speichert. Danach würde man Ihren Körper auf grausame Weise foltern. Anschließend würde man Ihnen die Erinnerungen wieder einpflanzen. Wenn Ihr Ich tatsächlich an Ihren Erinnerungen hängt, dann sollten Sie von der Folter nichts mitbekommen. Sie hätten einen Filmriss, mehr nicht. Würden Sie das Experiment also eingehen? Wohl eher nicht. Dieses Gedankenspiel stammt von dem englischen Philosophen Bernard Williams. Er wollte damit zeigen, dass wir uns nicht nur mit unserem Geist und unseren Erinnerungen identifizieren, sondern manchmal auch mit unserem Körper.

Richtig knifflig wird es aber mit diversen Beamexperimenten:

 

Stellen Sie sich vor, Ihr Gehirn würde aus dem Schädel entfernt und Ihrem Nachbar eingepflanzt. Ihr Gehirn sitzt also nun im Körper des Nachbarn. Das Gehirn des Nachbarn wiederum wurde in Ihren Schädel gesetzt. Frage: Wo wohnen Sie jetzt? Die meisten würden wohl sagen: Immer noch am selben Ort, obwohl es für Aussenstehende so aussieht, als hätten Sie und Ihr Nachbar die Wohnungen getauscht. Aber Ihre Freunde merken schnell: Sie haben den Körper des Nachbarn und der Nachbar lebt in Ihrem Körper. Auf das Gehirn kommt es also an, nicht auf den ganzen Körper. Oder braucht es noch nicht einmal das Gehirn? Reichen die geistigen Inhalte, also die Erinnerungen, Charakterzüge, Gefühle, Überzeugungen und Wünsche? Und: Kann es mehrere Personen mit meinen Erinnerungen geben? Um diese Frage dreht sich das folgende Gedankenexperiment.

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in Berlin und stehen vor einer Kabine, die Sie nach Peking beamen kann. Und zwar so: Wenn Sie die Kabine betreten, wird Ihr Körper von oben bis unten komplett gescannt: der Zustand jeder Körperzelle wird registriert, jedes Atom Ihres Körpers wird geprüft und alle Informationen werden gespeichert. Danach wird Ihr Körper zerstört. Die Daten werden an eine Kabine in Peking geschickt, wo ein Replikator aus den gespeicherten Daten eine komplette und perfekte Kopie Ihres Körpers herstellt: Jede Zelle befindet sich an exakt demselben Ort, alles ist wie beim Original. Auch das Gehirn sieht mikroskopisch genau gleich aus. Die Kopie in China hat also dieselben Erinnerungen, Überzeugungen, Gefühle, Werte und Wünsche wie Sie. Wenn alles wie geplant läuft, dann steigen Sie in Berlin in die Kabine und kommen in China wieder raus, mit einem kurzen Black-out dazwischen. Würden Sie die Kabine betreten? Wäre das eine bequeme Form des Reisens oder würden Sie lediglich in Berlin bleiben und sterben?

Angenommen, man würde Ihren Körper nach dem Scanning nicht zerstören, sondern weiterleben lassen. Gäbe es Sie dann zweimal, einmal in Berlin und einmal in Peking? Würden Sie die Welt doppelt erleben, aus zwei Perspektiven? Oder wäre die Person in Peking eine bloße Kopie von Ihnen, ein Zwilling?

Dieses Gedankenexperiment stammt von dem britischen Philosophen Derek Parfit. Parfit denkt, ähnlich wie Locke, dass wir heute dieselben Personen sind wie damals, weil es eine gewisse Verbindung zwischen damals und heute gibt und wir uns an Vergangenes erinnern können. Damit unser Ich dasselbe bleibt, brauche es eine psychische Kontinuität. Parfit glaubt nicht an eine Seele. Er meint, unser Ich sei letztlich auf Gehirnzustände reduzierbar, denn da sitzen alle unsere Erinnerungen, Überzeugungen und Wünsche. Aber wie löst er das Rätsel mit den zwei Kabinen?

Die erste Version des Gedankenspiels stellt für Parfit kein Problem dar. Er würde die Kabine betreten, auch wenn sein Körper nach dem Scannen zerstört wird. Schließlich wird in Peking dieselbe Konfiguration von Molekülen wieder aufgebaut, mit identischen Erinnerungen, Überzeugungen, Wünschen und Charakterzügen. Wer in Berlin die Kabine betritt, steigt nach einem kurzen Filmriss in Peking wieder aus. Bequemer und schneller kann man nicht reisen. Von Berlin nach Peking in einer Minute.

Bei der zweiten Version des Gedankenspiels tauchen jedoch Probleme auf. Hier wird der Körper nach dem Scannen nicht zerstört. Sowohl in Peking als auch in Berlin steigt jemand aus der Kabine. Für Parfit ist klar: Diejenige Person, die in Berlin die Kabine verlässt, ist nicht identisch mit der Person, die in Peking die Kabine verlässt. Schließlich befinden sich beide zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten. Sie haben zwar dieselben Eigenschaften, sind aber nicht ein und dieselbe Person, das heißt, sie sind qualitativ identisch, jedoch nicht numerisch identisch. Sie sind perfekte Zwillinge, mehr nicht. Das bedeutet auch: Wenn sich die eine Person verletzt, dann spürt die andere nichts.

Nun kommt jedoch der Clou: Wenn die Person in Berlin nicht identisch ist mit der Person in Peking, dann können Sie nicht mit beiden identisch sein. Sie kommen in Peking oder in Berlin raus, oder nirgendwo, aber auf keinen Fall an beiden Orten. Warum? Identität ist »transitiv«, wie die Logiker sagen: Wenn A nicht nur mit B, sondern auch mit C identisch ist, dann müssen auch B und C identisch sein, denn beide sind nichts anderes als A. Wenn Sie also in Berlin in die Kabine steigen und sowohl identisch wären mit der Person, die nach dem Scannen in Berlin die Kabine verlässt, als auch mit der Person, die in Peking die Kabine verlässt, dann müssten auch die Personen in Berlin und in Peking identisch sein. Das aber kann unmöglich sein, denn ein und dasselbe Ding kann nicht gleichzeitig an verschiedenen Orten existieren.

Bleiben Sie diesmal vielleicht einfach in Berlin und ein Zwilling steigt in China aus? Aber warum sollte die Reise nur klappen, wenn man Ihren Körper in Berlin zerstört? Was unterscheidet die Person in Peking von derjenigen in Berlin? Warum sollten Sie eher mit der einen als mit der anderen identisch sein? Parfit schlägt einen Ausweg aus dieser misslichen Lage vor, indem er behauptet: Sie sind weder mit der Person in Peking, noch mit der Person in Berlin identisch. Nach der Verdoppelung existieren Sie nämlich gar nicht mehr! Sobald eine Kopie von Ihnen entsteht, verlieren Sie Ihre Identität. Denn Identität verlangt Einzigartigkeit. Psychologische Kontinuität allein reicht also nicht. Denn sowohl die Person in Berlin als auch diejenige in Peking haben dieselben Erinnerungen wie Sie. Dennoch ist keine der beiden Personen identisch mit Ihnen. Kopieren heißt, das Original zerstören.

Man kann sich diese Argumentation am Beispiel einer Amöbe klarmachen. Amöben vermehren sich bekanntlich durch Teilung: Aus einer Amöbe werden zwei. Die philosophisch interessante Frage ist: Welche der beiden entstandenen Amöben ist identisch mit der ursprünglichen Amöbe? Beide können es nicht sein, denn dann wären sie auch miteinander identisch, das heißt, sie wären nicht zwei, sondern ein und dasselbe Lebewesen, was offensichtlich falsch ist.

Stellen Sie sich vor, Ihre beiden Gehirnhälften könnten getrennt werden und wären einzeln genauso funktionsfähig wie das ganze Gehirn. Eigentlich könnten Sie also mit nur einer Gehirnhälfte leben, ohne Einschränkungen. Nun stellen Sie sich vor, man würde Ihre beiden Hirnhälften auf zwei Körper mit leerem Schädel verteilen. Beide Personen hätten nun dieselben Erinnerungen, Ansichten und Werte wie Sie und wären überrascht über den fremden Körper, in dem sie sich befinden. Aber welche der beiden Personen wäre Sie? Wie bei der Amöbe gilt: Sie können nicht beide sein. Und warum eher die eine als die andere? Die Auswahl wäre willkürlich. Also gilt: Sie selbst sterben mit der Teilung. Es gibt Sie danach nicht mehr.

Aber ist dieser Tod so schlimm? Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie zwischen dieser Art von Gehirnteilung oder einem tödlichen Gift wählen müssten? Dann wohl doch lieber die Teilung, schließlich gibt es da einen Fortbestand im Erleben. In gewisser Weise werden Sie als zwei Personen weiterleben, meint Parfit. Daher würden die meisten diese Form des Überlebens bevorzugen. Auch wenn beide Personen, die danach leben werden, nicht mit Ihnen identisch sind. Parfit meint aber, auf die Identität käme es beim Überleben nicht an. Hauptsache, es geht weiter. Egal mit wem. – Man darf gespannt sein.

Hm, ich denke, in diesem Fall kann man die logischen Widersprüche einfach dadurch auflösen, dass man, den Erkenntnissen der Naturwissenschaften folgend, annimmt, dass Beamen unmöglich ist. Dann wären alle Widersprüche wieder mehr sprachlicher und nicht realer Natur.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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