„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Uhrmacher-Analogie

Die Uhrmacher-Analogie ist ein teleologisches Pseudoargument, das die unbedingte Notwendigkeit eines intelligenten Bewusstseins für die Entstehung des Universums illustrieren soll. Für gewöhnlich wird es in verschiedene kreationistische Glaubensauffassungen integriert, die dann meist als Alternative zur naturalistischen Weltdeutung propagiert werden.

Die Uhrmacher-Analogie wird auch von der Intelligent-Design Bewegung adaptiert und geht dann so:

„Sie flanieren an einem Strand entlang und finden dort unverhofft eine Uhr.
Welche Annahme ist nun naheliegender: (A) Dass diese Uhr durch bloßen "
Zufall" (Naturgesetzlichkeiten) entstanden ist, oder, (B) dass sie ein Designer aka ein Uhrmacher hergestellt hat? Gewiss ist Annahme B naheliegender. Wie hochgradig komplexer
als die bloße Uhr ist aber vergleichsweise das komplette
Universum
,
von dem man dann doch erst recht annehmen sollte, dass es von einem
"Uhrmacher" aka Designer hergestellt wurde.“

Kurz gesagt lautet die Behauptung: Entitäten, die (vergleichsweise) komplex und durch eine augenscheinlich nichtzufällige Anordnung charakterisiert sind (wie z.B. eine Uhr), müssen einen Hersteller haben.

Formal logisch sieht der Schluss so aus:

·        (P1) Alle (a) komplexen Entitäten in (b) augenscheinlich nichtzufälliger Anordnung wurden hergestellt.

·        (P2) Das Universum ist komplex und scheint zumindest nicht ganz zufällig angeordnet zu sein.

 

·       (S) Daraus wird geschlussfolgert: Das Universum wurde hergestellt - Von einem „kosmologischen Uhrmacher“.

Anhänger der Intelligent-Design Idee belassen es bei dieser Feststellung und konkretisieren den „Designer“ des Universums nicht näher. Kreationisten dahingegen vereinnehmen die Uhrmacher-Analogie, machen den Uhrmacher zum konkreten Subjekt, und versuchen damit ihr jeweiliges Gottesbild zu rechtfertigen oder zu beweisen.

Widerlegung des Arguments

1.

Wenn (P1) wahr ist, dann muss Gott ebenfalls geschaffen worden sein. Der Schöpfer von Gott muss dann aber wiederum erschaffen worden sein usw. usf. Wir landen wieder einmal beim Problem der (ontologischen) Letztbegründung.

Wenn der ID´ler nun aber einwendet, dass Gott nicht geschaffen worden sein muss bzw. nicht geschaffen wurde, dann ist (P1) falsch. Wenn aber (P1) falsch ist, so muss die Schlussfolgerung (S) "das Universum wurde erschaffen" revidiert werden.

Wenn man bei Gott eine Ausnahme macht und sagt, er musste nicht geschaffen worden sein, so ist die universelle Gültigkeit von (P1) widerlegt. Folglich können komplexe und ungewöhnliche Dinge auch ohne Schöpfer entstehen. Wenn man keinen vernünftigen Grund dafür angeben kann, dass diese Ausnahme ausschließlich und nur für ein Wesen Namens "Gott" oder "Designer" gelten soll, und mir ist kein derartiger Grund bekannt, so ist die Ausnahme auch genauso gut auf das Universum anwendbar. Sprich: Wenn Gott ohne Erschaffer existieren kann, warum dann nicht auch das Universum?

Allgemein gilt: Wenn das Universum einer Ursache bedarf, ist Gott keine befriedigende Antwort darauf, denn warum sollte das Universum eine Ursache bedürfen, Gott aber nicht? Wenn aber Gott ewig sein soll und man auf diesem Wege der Frage nach der Ursache Gottes ausweichen möchte, kann man gleich annehmen, dass das Universum ewig war und ist.

Der Hauptfehler des Arguments ist seine Zirkularität, d.h. es setzt voraus, was es zu beweisen sucht. Es erklärt keine Komplexität (im Gegensatz zu Kosmologen, die die Entwicklung von einfachen zu immer komplexeren Strukturen erklären!), sondern setzt diese a priori voraus: Komplexes (z.B. Gott, Designer) soll Komplexes (z.B. den Kosmos) schaffen – so das UA-Argument - doch woher stammt die ursprüngliche Komplexität?

Es gibt zwei Wege dieser Frage zu begegnen:

A.    Wenn man behauptet, dass nichts Komplexes durch Zufall oder aus dem Nichts entstanden sein kann, richtet sich das "Uhrmacher-Argument" auch gegen Gott!

B.    Wenn man aber annimmt, dass sich auch aus einfachen Dingen komplexe Dinge entwickeln können, dann braucht es Gott nicht mehr, um die Komplexität des Universums zu erklären, dann tut es das Standardmodell der Kosmologischen Evolution genauso gut.

2.

Man muss aber gar nicht so weit gehen, um zu zeigen, dass die UA Humbug ist. Es reicht schon, die Analogie zu Ende zu denken und ihren inhärenten Widerspruch zu entdecken: Angenommen, (S) stimmt und das Universum bzw. die Taschenuhr seien wirklich von einem übermenschlichen Wesen geschaffen worden. Dann sind auch der Strand, der Ozean und das gesamte Universum Teil dieser Schöpfung. Dieser Befund steht im Widerspruch zu der verschwiegenen Prämisse, dass der Beobachter einen in der Natur vorkommenden Gegenstand als künstlich wahrnehmen kann.

Anders gesagt, Sie können eine hergestellte Uhr nicht als hergestellt dekuvrieren, wenn ihr einziges Referenzobjekt ebenfalls hergestellt ist. Und selbst dann, wenn wir ein Nicht-hergestelltes und vergleichbares Referenzobjekt für die Uhr annehmen würden, was (S) widerspräche, ginge die Analogie immer noch nicht auf: Was entspricht in der Uhrmacher-Analogie dem nicht-hergestellten „Rest der Welt“, wenn die Uhr bereits das gesamte, künstliche Universum darstellen soll? Wohlgemerkt muss dieses Etwas große Überschneidungen mit einem Universum besitzen, der Analogie nach sollte man es mit unserem Universum (der Uhr) vergleichen (können) und aus diesem Vergleich den Schluss ziehen können, dass das eine erschaffen wurde und das andere nicht.

Nur: Mit wie vielen Universen haben die ID´ler das Universum verglichen, um den Schluss auf ein Design ziehen zu können? Er dürfte so einen Schluss nur dann ziehen, wenn er das Universum mit einem natürlich entstandenen Universum verglichen und die hinreichenden Charakteristika für erschaffene Universen ausgemacht hätte. Da wir das alle nicht können, sind (P2) und (S) nicht gerechtfertigt.

3.

Neben dem „zu Ende denken“ ist auch das „in die richtige Richtung denken“ von entscheidender Bedeutung.

Formulieren wir dazu zunächst einmal den Analogieschluss in aussagenlogischer Form:

A: Es existiert ein schöpfender, intelligenter Uhrmacher.
B: Es existiert ein komplizierter Uhrmechanismus.

Die Sachverhalte A und B stehen wahrerweise in folgender Beziehung zueinander: A à B. Sprich, wenn ein intelligenter Uhrmacher existiert, der Uhren herstellt, dann gibt es auch komplizierte Uhren. Dieser aussagenlogische Schluss ist offenbar richtig.

Nur ist es gar nicht A à B, was die ID´ler in ihrer Uhrmacher-Analogie behaupten, sondern B à A! Sie sehen zuerst einen komplizierten Uhrmechanismus und schließen danach von diesem auf einen schöpfenden, intelligenten Uhrmacher bzw. sie betrachten ein (scheinbar) kompliziertes Universum und schließen davon auf einen schöpfenden, Intelligenten Designer. Dieser Umkehrschluss ist aber alles andere als unproblematisch: Aus A: Es existiert ein schöpfender, intelligenter Uhrmacher folgt automatisch B: Es existieren komplizierte Uhrmechanismen. Aber aus B folgt nicht zwingend A; nur weil es einen komplizierten Uhrmechanismus gibt, muss dieser nicht von einem schöpfenden, intelligenten Uhrmacher stammen. Er, der Uhrmechanismus bzw. der Kosmos, könnte auch das Produkt einer anderen, schöpfenden Kräft sein, wie bspw. der der Kosmologischen Evolution. In der Tat ist die kosmologische Evolution ein viel besserer Ansatz, um die Komplexität des Universums zu erklären, da sich die Evolution messen und überprüfen lässt und der „Universum-Designer“ nichts weiter ist als eine ad-hoc Hypothese, die aus einem Mangel an wissenschaftlicher Einsicht aufgestellt wurde.

Verweise

  • Kosmologische Evolution:

Widmen wir uns nochmal der Kosmologischen Evolution und noch einmal der Prämisse (P2) "Das Universum ist komplex […]". Aus der Wahrheit von 2.B. folgt die Falschsuggestivität von  (P2): Es lässt sich empirisch nachweisen, dass sich alle komplexen Objekte im Universum aus sehr einfachen Objekten zusammensetzen. Das Universum wird also eigentlich durch sehr einfache Bausteinen konstituiert. Diese Bausteine haben sich über Jahrmilliarden immer neu angeordnet und das Universum sich so zu seiner heutigen Gesamtkomplexität evolviert. Es ist demzufolge falsch, so zu tun, als stände da urplötzlich eine Komplexität im Universum. Die Komplexität hatte eine Vorgeschichte, eine Evolution,- sie hat eine Erklärung!

Ja, das Universum in seiner Ganzheit ist komplex. Aber anstatt wie Kreationisten und ID´ler etwas noch komplexeres zu postulieren, um die kosmologische Komplexität zu erklären und so quasi nur das Komplexitätsproblem um eine Stufe nach oben zu verschieben (woher stammt die Komplexität Gottes?), gibt es eine bessere Lösung: Wissenschaft. Die Wissenschaft zeigt uns, dass das Universum alle Eigenschaften eines Gebildes besitzt, das sich aus einfachsten Dingen entwickelt hat. In seinem Kern ist das Universum unheimlich einfach, es gibt nur ein paar grundlegende Kräfte, die zusammen mit einer Handvoll Materieteilchen fast die gesamte Realität konstruieren. Von diesen „einfachen Grundbausteinen“ entwickelte sich das Universum von „einfach“ zu „komplex“, und die Wissenschaft kann uns auch sagen, wie und warum es das getan hat!

zum vorherigen Blogeintrag                                                                         zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 2
  • #2

    Seelenlachen (Freitag, 11 März 2016 22:06)

    http://waschke.de/blog/?p=17

  • #1

    Seelenlachen (Dienstag, 05 Januar 2016 21:25)

    Nun auch auf der Stiftungsseite des großartigen Richard Dawkins: http://de.richarddawkins.net/articles/uhrmacher-analogie


Impressum | Datenschutz | Sitemap
Es darf kein Inhalt dieser Seite weiterverbreitet werden, sofern nicht mein Einverständnis dafür vorliegt.