„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Struktur einer Erklärung

Der Sinn der Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht viel mehr nichts?“ erschließt sich nicht auf Anhieb. Nach einigem Nachdenken kann man zu dem Entschluss kommen, dass sie danach fragt, Warum das Seiende sich einst ins Sein geschmissen hat und nicht für immer Nichts blieb?

Es wird also nach einer Erklärung für eine die "Erstursache für alles Seiende" gesucht. Schauen wir uns dazu zunächst an, wie so eine Erklärung für ein Phänomen B gemeinhin aufgebaut ist:

A à B

Eine Erklärung erklärt etwas (B), durch etwas es ursächlich hervorbringendes (A). Eine Erklärung erörtert also ein Phänomen B durch seine Ursache A. Die Nässe einer Straße (B) kann beispielsweise durch den Regen heute Morgen erklärt werden.

Nun haben wir es bei der Erstursache jedoch mit einem Phänomen zu tun, dass per definitonem keine Ursache besitzt. Und da eine Erstursache zwingend keine Ursache besitzen darf, gibt es auch (zumindest im klassischen Sinne:) keine Erklärung, durch die diese erörtert werden könnte.

Die Frage, warum überhaupt etwas ist, kann folglich und aus logisch-sprachlichen Gründen nie beantwortet werden:

[  ] Erstursache

Jeder Versuch, die Erstursache für alles Seiende trotzdem (klassisch) zu erklären (etwa durch Gott oder den Urknall), ist zum Scheitern verurteilt, da man damit nach einer Ursache für die Erstursache sucht und sich implizit das erklärte Phänomen als nicht erstursächlich eingesteht. Die Frage nach der Erstursache drängt sich von neuem auf: Woher kam der Urknall und woher kam Gott? Wir landen unweigerlich beim Problem der Letztbegründung.

Eine andere Weise, kritisch an die Frage "Warum ist etwas?" heranzugehen, ist sich das indogermanische Hilfsverb "sein" einmal genauer anzusehen. Dieses ist im deutschen Sprachgebrauch nämlich zweideutig zwischen a) Kopula und b) Existenz. "Sein" im Sinne von Existenz täuscht dann fälschlicherweise ein Prädikat vor, ist aber keines, und so entstehen viele metaphysische Probleme erst und nur aufgrund schlampiger Vokabelnutzung. Auch zu der Frage, warum überhaupt etwas ist, lässt sich weiterfragen, was dieses "ist" überhaupt bedeuten soll und – vor allem – was es nicht bedeutet. Dazu ein andermal mehr. 

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Sonntag, 20 November 2016 21:07)

    "Alles hat eine Ursache", hört man oft.

    Meine Frage dazu: Was ist die Ursache dafür, dass alles eine Ursache hat?


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