„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kreationisten reden von Zufall

Unter diesem Foto findet sich ein scharfsinniger Kommentar von Volker Dittmar:

Ich kenne Dittmar schon länger und habe ihn gefragt, ob er Lust habe, einen Gastbeitrag auf meiner Seite zu veröffentlichen (mit Autorennennung erhöhe ich seine Netzviralität ein wenig und wir haben beide etwas davon). Zu meiner kleinen Verwunderung hat er mir geantwortet, dass jeder jeden seiner Texte verändern, anpassen oder umschreiben dürfe, einer vorherigen Absprache mit ihm oder auch nur einer Urheberangabe bedarf es dazu nicht.

Es existieren mittlerweile eine beachtliche Anzahl an Texten, die Dittmar auf einer seiner eigenen, und / oder auf einer anderen Seiten veröffentlicht hat. Ich habe mich hier für seinen Text "Zufall und Atheismus" entschieden:

Zufall und Atheismus

Eines der häufig gegen den Atheismus eingewandten Argumente lautet, dass Atheisten zu stark auf den Zufall bauen. D. h., dieser wird an unmöglichen Stellen als eine »Erklärung« verwendet. Dabei geht es zum einen um die Entstehung des Universums sowie des Lebens. Das ist deswegen ein Strohmann-Argument, weil es eine Vielzahl an Atheisten gibt, die nicht an den Zufall glauben, die also »strenge Deterministen« sind.

Was ist Zufall? Allgemein gesagt reden wir davon, dass ein Ereignis zufällig geschieht, wenn es keine Ursache oder keinen Ursprung hat, oder diese nicht erkennbar sind. Letzteres kann auch aus pragmatischen Gründen der Fall sein: Um das Wetter komplett vorhersagen zu können, müsste ein Computer die Bewegungen sämtlicher Luftmoleküle der Erde kennen. Eine Maschine, die dazu fähig wäre, müsste aus mehr Atomen bestehen, als im Universum vorhanden sind. Da wir einen solchen Apparat unmöglich bauen könnten, ist uns eine perfekte Wettervorhersage praktisch verwehrt. Was wir nicht vorausberechnen können ist für uns vom Zufall nicht unterscheidbar. Dabei habe ich nicht berücksichtigt, dass wir es mit Quantenphänomen zu tun haben, die eventuell prinzipiell nicht vorhersagbar sind.

Das Argument hat immer die gleiche Struktur:

(1) Die Entstehung des Lebens / des Universums ist sehr unwahrscheinlich.
(2) Daher kann das Leben / das Universum so nicht entstanden sein, eine Erklärung setzt ein zu viel an Zufall voraus.


(S) Der Atheismus ist falsch.

Dieses Argument hat mehrere Probleme. Das erste enthält eine implizite Voraussetzung, nämlich, dass es unwahrscheinlicher ist, dass das Leben oder Universum durch Zufall entstanden ist, als das Gott existiert. Denn wenn man sich für mehrere Prämissen entscheiden muss, ist es rational, diejenige mit der höchsten Wahrscheinlichkeit relativ zu den alternativen Hypothesen zu wählen. Ich hatte dies zuvor an dem Beispiel mit den Würfeln erklärt: Wenn eine Zahl mit 20%iger Wahrscheinlichkeit fällt, die anderen fünf nur mit 16%, dann ist es vernünftig, die Ziffer mit der höheren Wahrscheinlichkeit zu wählen.

Die Frage lautet nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass das Universum (oder Leben) aus Zufall entstanden ist. Sondern ob man es für wahrscheinlicher hält, dass der Gott existiert, der dies alles in Bewegung gebracht hat. Damit kehrt sich das Zufallsargument gegen den Theisten: Denn »Entstehung ohne Ursache oder Ursprung« ist die Definition des Begriffs Zufall. Folglich existiert auch Gott durch Zufall – selbst wenn er nicht entstanden ist. Es spielt für diesen Vergleich keine Rolle, ob etwas aus Zufall ewig existiert oder zu existieren beginnt, das ist irrelevant.

Das sehen viele Gläubige nicht ein, weil sie eine andere Vorstellung vom Begriff »Zufall« haben. Wenn etwas ewig existiert, dann kann dies doch kein Zufall sein ... Aber so können wir auch für das Universum argumentieren: Wenn es ewig existiert, oder das, woraus es hervorging – ist dann deswegen seine Existenz plötzlich kein Zufall mehr? Kann man ihn so leicht einfach ausschalten oder »wegerklären«? Nicht ohne die Definition gravierend zu ändern.

Jetzt kehren sich alle der hübschen Wahrscheinlichkeitsrechnungen gegen den Theisten: Wenn die Entstehung eines Bakteriums unwahrscheinlich ist, also ohne Ursache und ohne Ursprung, dann ist die Entstehung eines Menschen durch so einen Vorgang noch viel unwahrscheinlicher. Je mehr Eigenschaften wir diesem Menschen zuerkennen, je ungewöhnlicher diese sind, desto geringer die Wahrscheinlichkeit. Für ein perfektes, allwissendes, allmächtiges oder dem nahekommendes Wesen ist die Wahrscheinlichkeit noch viel geringer!

Es spielt keine Rolle, welche absolute Wahrscheinlichkeit man berechnet, gleich, wie hanebüchen das oft gehandhabt wird, nach demselben Maßstab ist die relative Wahrscheinlichkeit für Gott in jedem Fall sehr viel geringer.

Das bedeutet, es ist vernünftiger, die Existenz des Universums und/oder die Entstehung des Lebens für einen Zufall zu halten als die Existenz Gottes. Denn bei mehreren Alternativen spielt nicht die absolute Größe der Wahrscheinlichkeit eine Rolle, sondern die relative zu den konkurrierenden Möglichkeiten. Im Beispiel mit dem Würfel ist es unerheblich, ob die Wahrscheinlichkeit, eine Eins zu werfen, 17%, 18% oder 99% beträgt, sie muss nur größer sein als die für die anderen Zahlen.

Jedes Argument für die Unwahrscheinlichkeit des Universums oder des Lebens erhöht gleichzeitig die Unwahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes. Je höher man dies rechnet, umso schlimmer fällt die theistische Alternative aus. Dies wird von Theisten nicht bedacht, denn dies vernichtet jede ihrer Argumentationen.

Auch wenn »Gott« kein Ereignis ist wie andere auch, so untergräbt man damit seine Behauptungen, denn in Wahrheit ist es so, dass man die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung des Lebens oder Universums nicht angeben kann! Man kann es so genau weder für Gott noch für sonstwas bestimmen. Dann aber ist das ganze Argument so oder so Unsinn, da es nach »wahrscheinlicher als was« fragt.

Wir können also das Argument auf zweierlei Weise widerlegen:

1. Wenn man die Wahrscheinlichkeiten vergleichen kann, dann fallen diese immer zuungunsten Gottes aus. Der Theist setzt ein »zu viel an Zufall« voraus, nicht der Atheist.
2. Wenn man sie nicht vergleichen kann, dann ist das ganze Argument Unsinn. Unwahrscheinlicher als unbekannt ist ein Argument des Nichtwissens, das immer ungültig ist. 

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Montag, 26 Dezember 2016 20:08)

    Halil Ipci
    "Kurz zusammengefasst glauben Atheisten zu wissen das Materie durch eine Verkettung von Zufällen irgendwie zusammenkommend "die Urzellen" gebildet haben"

    Nein, das ist eine Falschunterstellung. Niemand meint das zu wissen.

    Es gibt hervorragende Argumente für die vorläufige Hypothese, dass alles irdische Leben aus derselben Art von Urzellen entstanden ist. (Universalität des genetischen Codes, Homologie der hochkonservierten Gene in allen Spezies, genetische Variabilität streng entlang evolutionärer taxonomischer Separationsschritte usw.)

    Wenn Du Dich für den aktuellen Forschungsstand zur Abiogenese interessierst, empfehle ich die Arbeiten von Jack Szostak. (Molekularbiologe und Genetiker an der Harvard Medical School, Nobelpreisträger Medizin 2009). Sein Modell ist in Teilschritten bereits experimentell bestätigt.
    http://youtu.be/-zHlfUU1WY0

    Ich verstehe, dass die Entstehung der ersten lebenden Proto-Zelle aus der Sicht eines Laien ohne jede molekularbiologische Vorkenntnisse wie ein Wunder aussehen muss. (Genauso, wie es aus Sicht eines Laien zunächst unplausibel erscheinen muss, dass ein Schiff aus Stahl ohne göttliche Hilfe auf Wasser schwimmen kann. Stahl ist schließlich viel dichter als Wasser.)

    Je intensiver man sich aber mit Biochemie beschäftigt, desto stärker wächst die Einsicht in die Unvermeidbarkeit von selbstreproduzierender Biochemie angesichts der thermodynamischen Zwänge in unserer Umwelt.

    Rechne ich damit, dass Du diesen thread nutzen wirst, um Dich etwas intensiver in das Thema einzulesen?

    Natürlich nicht. Dir geht es nicht um Wissenszuwachs. Dir geht es darum, eine Lücke im naturwissenschaftlichen Verständnis der Welt zu finden, in der Du Deinen wunderwirkenden Geister-Gott vorläufig parken kannst. Dir geht es um die Bewahrung von Vorurteilen, die Dir im Kindesalter beigebracht wurden.

  • #2

    Seelenlachen (Dienstag, 05 Januar 2016 12:37)

    Teil 2: "Kurzfassung:

    Definition Zufall = Ein Ereignis, für das man die Ursache nicht kennt.

    Erklären = Die kausale Ursache eines Ereignisses benennen (oder die Entstehungsgeschichte eines Ereignisses)
    Verstehen = dasselbe wie "erklären"

    Die Aussage "Der Atheist erklärt die Existenz des Universums mit Zufall" wird durch Einsetzen der Definition zu:

    "Der Atheist erklärt die Existenz des Universums damit, keine Erklärung zu haben". Es wird also behauptet, dass er eine Erklärung hat, die keine Erklärung ist - das ist selbstwidersprüchlich (maximal falsch, also reiner Unsinn). Tatsächlich sagt ein Atheist nur "ich habe keine Erklärung für die Existenz des Universums". Seine Position wird falsch dargestellt.

    Gott hingegen ist ein Ereignis, für das man die Ursache nicht kennt, da es keine gibt (theistische Behauptung). Damit entspricht die Existenz Gottes der Definition von Zufall.

    Dieser Gott soll wiederum die Existenz des Universums verursacht haben. Da er aber unbekannt ist, ist das keine Erklärung, sondern die Existenz des Universums wird auf Zufall zurückgeführt, ohne dass man dies merkt:

    Das Universum ist das Ereignis, dessen Ursache (Gott) man nicht kennt. Die Ursache für Gott existiert nicht, Gott existiert also zufällig. Letztlich beruht also das Universum auf Zufall, da die Kette der Ursachen keine anfängliche Ursache hat.

    Wenn A auf Zufall beruht, und B verursacht, beruht B letztlich auch auf Zufall.

    Es ist also der Theist, der behauptet, dass er das Universum mit Zufall "erklärt", nicht der Atheist. Es ist interessant, dass der Theist dem Atheisten seine eigene falsche Ansicht unterstellt, um diese dann für Unsinn zu erklären."

  • #1

    Seelenlachen (Dienstag, 05 Januar 2016 12:36)

    Von Volker Dittmar:

    "Abt. Diskurswerfen:

    So bringt die Monotheisten der Zufall zu Fall

    Wir nennen ein Ereignis zufällig, wenn wir die Ursache dafür nicht kennen, oder wenn es keine gibt. Wenn wir sie nicht kennen, wissen wir natürlich auch nicht, ob es eine gibt oder nicht. Bestenfalls ist die Ursache unbekannt., schlimmstenfalls finden wir auch bei genauer Überlegung keine. Möglich ist sogar, dass es keine gibt, was man inzwischen für eine Reihe von Quantenphänomen annimmt.

    Nun bedeutet "erklären" zweierlei: Erstens, etwas zuvor Unbekanntes auf etwas Bekanntes zurückzuführen. Beispiel: Wenn ich nicht weiß, was "Windows" bedeutet, erklärt es mir jemand, wenn er sagt, dass es sich um das englische Wort für "Fenster" handelt. Fenster kenne ich, und jetzt hat man mir erklärt, was Windows bedeutet. Oder, ich weiß nicht, wieso die Fensterscheibe zerbrochen ist. Jemand erklärt mir, dass ein Junge einen Fußball auf die Scheibe geschossen hat. Der Ball ist die Ursache dafür, dass die Scheibe zerbrochen ist.

    Zweitens, man rekapituliert die Entstehungsgeschichte eines Ereignisses. Beispiel: Die Evolutionsbiologie rekonstruiert die Entstehung neuer Arten.

    Darüber hinaus muss man wissen, dass "erklären" und "verstehen" zwei Seiten einer Medaille sind: Um etwas zu verstehen, brauche ich eine Erklärung. Habe ich eine Erklärung und kann diese richtig wiedergeben, dann habe ich es auch verstanden.

    Wenn ich nicht weiß, was die Fensterscheibe zerbrochen hat, habe ich keine Erklärung - ich kenne die kausale Ursache nicht. Aber das Fehlen einer Erklärung kann niemals selbst eine Erklärung sein. Wir erinnern uns: Wir reden von "Zufall", wenn uns eine Erklärung fehlt.

    Daher ist "Das Universum ist durch Zufall entstanden" keine Erklärung, sondern das genaue Gegenteil. Wir können nicht etwas damit erklären, dass uns eine Erklärung fehlt. Ebenso ist es keine Erklärung, wenn man das Bekannte mit dem Unbekannten "erklärt". "Kleine unsichtbare Kobolde haben die Scheibe eingeworfen" ist keine Erklärung, da die Kobolde unbekannt sind.

    Wenn ein Theist behauptet "Atheisten erklären die Existenz des Universums mit Zufall", dann reden sie Unsinn. Atheisten sagen vielmehr: Wir haben keine Erklärung für die Existenz des Universums. Es mag eine geben oder nicht, wenn es eine gibt, finden wir sie vielleicht oder auch nicht.

    Der Satz bedeutet der Definition nach "Atheisten erklären die Existenz des Universums damit, dass sie keine Erklärung haben". Das ist Blödsinn reinster Art (selbstwidersprüchlich).

    Deswegen fragt ein Atheist auch sofort, womit man sich die Existenz Gottes erklärt? Die Antwort: Überhaupt nicht - Gott hat keine Ursache! Damit ist der Definition nach die Existenz Gottes REINER ZUFALL! Es gibt keine kausale Erklärung ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es war Zufall. Der Atheist schließt nicht aus, dass es eine möglicherweise bekannte oder bekannt werdende Ursache für das Universum gibt, aber der Theist schließt dies für Gott kategorisch aus. Er "erklärt" zudem das Bekannte (Existenz des Universums) mit dem Unbekannten (Gott). Das ist eine Pseudoerklärung: Sieht grammatikalisch aus wie eine, hat aber keine semantische Bedeutung.

    Richtig wäre, zu sagen: Der Atheist hat keine Erklärung für das Universum, er schließt aber nicht aus, dass es eine (unbekannte) gibt. Der Monotheist behauptet, er habe etwas Unbekanntes (Gott), mit dem er das bekannte "erklären" könne. Aber er hat das Problem bloß um eines verschoben, denn die Existenz Gottes beruht der Definition nach auf Zufall. Letztlich behauptet er, dass das Universum auf die zufällige Existenz eines unbekannten Gottes zurückzuführen ist. Dem Sinn nach sagt er also auch "Ich habe keine Erklärung für die Existenz des Universums", inhaltlich sagt er dasselbe, wie der Atheist - aber scheinbar klingt es wie eine Erklärung, obwohl es keine ist.

    Der Atheist weiß, dass er keine Erklärung hat. Der Theist glaubt, eine zu haben, hat aber auch keine. Das ist der relevante Unterschied zwischen Atheisten und Theisten - Atheisten täuschen sich nicht darüber, dass sie keine Erklärung haben, das Weltbild des Theisten beruht auf einer sprachlichen Täuschung (Pseudoerklärung).

    Bevor man einen Atheisten damit ärgert, ihm eine falsche Ansicht zu unterstellen, sollte man dies bedenken."


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