„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Personalausweis (Verschwörungstheorie)

Ein Personalausweis (umgangssprachlich: „Perso“) wird vom Staat als Personaldokument in Form eines Lichtbildausweises ausgegeben, damit sein Träger jederzeit in der Lage ist die eigene Identität zu dokumentieren.

Selbst um so etwas Unverdächtiges wie den Personalausweis drehen sich die abstrusesten Verschwörungstheorien

1. Warum nicht Personenausweis?

Die erste Theorie wirft einen naiv semantisch-etymologischen Blick auf den Namen des Dokumentes: Personalausweis. Wie bitte? Belegt dies nicht die Reichsbürger-Theorie, nach der es sich bei uns Bürgern der Bundesrepublik nur um Personal, also Angestellte der BRD-GmbH handelt? Ist der Personalausweis in Wirklichkeit ein Mitarbeiterausweis? Und wenn nicht, warum bitteschön sonst sollte es Personalausweis und nicht etwa Bürgerausweis, Personenausweis bzw. Reichspersonenausweis heißen?

Also zunächst einmal etwas, dass Sie hier noch öfters lesen werden: Staaten können frei bestimmen, wie sie offizielle Dokumente benennen möchten. Im Französischen heißt der Personalausweis Carte d'identité und auf Englisch Personal ID (persönliche Identitätskarte). Und wir Deutsche haben uns eben für Personalausweis entschieden, was zugegeben auf den ersten Blick ambig erscheint, insofern der zweite Blick in den Duden fällt, wird aber klar, dass Personal „die Person betreffend“ bedeutet. Personal kommt hier von Personalien und die Bezeichnung als Personalausweis wurde dementsprechend gewählt, weil in ihm die Personalien, also die Personendaten des Ausweisinhabers aufgeführt werden. Und nicht, weil er „Angestellter der BRD-GmbH“ ist..

2. Staatsangehörigkeit: Deutsch?

Nach der nächsten Theorie sei die Staatsangehörigkeit im Personalausweis mit „deutsch“ nicht richtig angegeben, da es den „Staat deutsch“ gar nicht gebe. Korrekt wäre die Angabe „Deutschland“, respektive für Reichsbürger: Deutsches Reich.

Wenn nun aber unter „Staatsangehörigkeit“ kein Staat angegeben ist, sind wir dann alle staatenlos?

Natürlich nicht. Letztendlich wird hier die Frage aufgeworfen, warum unter Staatsangehörigkeit das Adjektiv („deutsch“) und nicht das Substantiv („Deutschland o.ä.“) zu finden ist. Die simple Wahrheit ist, dass in 20 von 28 EU-Mitgliedsstaaten das Adjektiv statt dem Substantiv im Personalausweis hinter Staatsangehörigkeit steht. Jeder Staat kann nämlich selbst entscheiden, ob die Staatsangehörigkeit als solche oder der Staat, dem man angehört, im Ausweis eingetragen wird. Bei uns hat man sich für die Staatsangehörigkeit, also für die Bezeichnung „deutsch“ entschieden.

Die Rubrik „Staatsangehörigkeit“ entspricht dem englischen „Nationality“ oder dem französischen „Nationalité“. Und wie die Nationalität eines Briten „british“ und nicht der Staat ist, in dem er wohnt, lautet auch die Staatsangehörigkeit eines Deutschen „deutsch".

Man kann auch einfach korrekt nachfragen: „Wie ist Ihre Nationalität bzw. Staatsangehörigkeit?“, um zu sehen, dass diese Rubrik mit einem Wie-Wort, mit einem Adjektiv zu beantworten ist. Fragen mit dem Fragewort „Wie“ werden ausnahmslos mit einem Adjektiv oder adjektivistischen Konstrukt beantwortet, ein Substantiv oder ein substantivistisches Konstrukt sind hier auf jeden Fall fehl am Platz! Der Deutsche ist schließlich auch deutsch bzw. Deutscher von Nationalität und nicht Deutschland. Weil „deutsch“ eben die Staatsangehörigkeit und nicht den Staat selbst spezifiziert.

Sie sehen, die ganze Verwirrung lässt sich aufheben, indem man die Rubrik „Staatsangehörigkeit“ und die dazugehörige Angabe „deutsch“ in sauberem Deutsch als Frage und Antwort ausschreibt:

  • Wie ist Ihre Staatsangehörigkeit? – Deutsch.
  • Welche Staatsangehörigkeit haben Sie? – Die deutsche.
  • Was ist Ihre Staatsangehörigkeit? – Deutsch.
  • Welchem Staat gehören Sie an? – Deutschland / Dem deutschen.

Und weil „deutsch“ anzeigt, dass man dem deutschen Staat angehört, bedeutet dies auch nicht, dass es den deutschen Staat nicht gibt bzw. wir alle staatenlos sind. Im Gegenteil.

Also, liebe Reichsbürger, es gibt tatsächlich keinen „Staat deutsch“, das behauptet aber auch niemand. Aber es gibt den deutschen Staat, dem ein Mensch angehören kann und dann ist seine Staatsangehörigkeit: Deutsch.

Ebenfalls gerne angebracht wird folgendes “Argument“: Man müsse streng zwischen Nationalität und Staatsangehörigkeit unterscheiden. Ein Adjektiv wie „deutsch“ sei die richtige Antwort auf die Frage nach der Nationalität, auf die Frage nach der Staatsangehörigkeit müsse man aber immer mit dem Name des Staates („Deutschland“) antworten. Ich weiß nicht, wie Verschwörungstheoretiker auf so etwas kommen, aber beides ist falsch. Auch der Frage nach der Staatsangehörigkeit entgegnet man, wie gezeigt, mit einem Adjektiv und die Unterscheidung zwischen Staatsangehörigkeit und Nationalität wird in vielen Ländern gar nicht erst getroffen. Sie ist daher nichts weiter als polemische Wortklauberei seitens der Verschwörungstheoretiker.

3. Fünf Passfarben

Dann ist da noch die Theorie von einer einheitlichen Norm zur Farblegung von Reisepässen (was zugegeben nicht gleich Personalausweis ist, aber ganz gut ins Thema passt). In „Angaben des U.S. Departments vom August 2003“ soll in etwa diese Farbunterscheidungen getroffen wurden sein:

  • Blauer Umschlag: Offizieller Reisepass ohne Ablaufsdatum, d.h. souveräner Staat.
  • Grüner Umschlag: Diplomatisch befristeter Reisepass, d.h. provisorischer Diplomatenpass.
  • Ebenfalls Grüner Umschlag: Touristischer Reisepass mit befristetem Aufenthaltsrecht.
  • Roter Umschlag: Reisepass mit Ablaufdatum, wie der der BRD, d.h. abhängiger Staat.
  • Aufenthaltsgenehmigung: Für staatenlose Personen.

Dieses Mal haben die Verschwörungstheoretiker den Sachverhalt nicht neu erfunden, nein, sie haben einen tatsächlich bestehenden so stark abgeändert, bis er ihnen in den Kram passte. Mit dem ursprünglichen, wahren Sachverhalt hat ihre Verfälschung natürlich nichts mehr gemein. Beispielsweise gilt die Farbunterscheidung nicht in „nahezu in allen Ländern“, sondern bloß in Turkmenistan. 

Der Blog Dummenfang hat mit „Wie Reichsdeutsche die Fakten umlügen“ aufgezeigt: „Was dabei herauskommt, wenn ein weltfremder Reichsdeutscher “Sachverhalte, Gesetze und Verträge intensiv studiert und über ein Jahr lang recherchiert“: Quatsch mit brauner Soße.“ Passender hätte man das Farbspiel nicht umschreiben können. Hier die von ihm herausgearbeitete Verfälschung, das Blaue wurde entfernt und das „Braune“ hinzugefügt:

Gemäss Angaben des U.S. Department of State vom August 2003 gibt es fünf verschiedene Reisepässe in Turkmenistan: – die nahezu in allen Ländern unter einheitlicher Norm geführt werden. Dies trifft insbesondere auf die Staaten zu, deren Ein- / Ausreisevisa internationale gesetzliche Vorgaben erfüllen.

1) diplomatischer befristeter Reisepass (grüner Umschlag), daher provisorisch
2) offizieller Reisepass, hat kein Ablaufdatum (blauer Umschlag)
 daher souverän
3) touristischer Reisepass für Personen, die im Ausland an einem Austausch teilnehmen 
– also einen befristeten Aufenthalt pflegen – , auf offizieller Geschäftsreise oder hochrangigeStaatsvertreter/Parteifunktionäre sind (grüner Umschlag) daher provisorisch
4) 
Ein Reisepass der UdSSR für Turkmenistan, (gültig bis zum Ablaufdatum) der Bundesrepublik Deutschland (roter Umschlag) daher abhängig
5) Aufenthaltsgenehmigung für staatenlose Personen.

Dreist, oder? Und genau diese Leute fühlen sich von Allem und Jedem angelogen?






Nach dieser Theorie müssten ja Österreich, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, China, Russland … alles nicht-souveräne Staaten sein, weil alle ihre Pässe (burgunder-)rot sind. Was noch einmal zeigt, dass sie in die Welt der Märchen einzuordnen ist. Lediglich die USA mit ihrem (schwarz-)blauen Pass wäre demnach souverän.

4. Der Adler

Des Weiteren wird die Ausgestaltung des Reisepasses, insbesondere die Darstellung des Adlers und die Anzahl seiner Federn als fehlerhaft kritisiert. Der große grüne Adler auf unserem Reisepass hat je sieben, der kleine holographische über dem biosymmetrischen Bild hingegen nur sechs Federn. Für Reichsbürger ist auch nur der Reichsadler mit sechs Schwingen ein zulässiges Staatwappen, der andere mit sieben sei demnach verfälscht dargestellt.

Manchmal würde mich echt interessieren, wer von den Leuten, die solche Behauptungen aufstellen, es wirklich nicht besser weiß, wer zu doof dafür und wer zu faul zum recherchieren ist. Das kann ich euch nicht sagen. Was ich euch aber sagen kann ist, dass auch diese Geschichte wieder an den Haaren herbeigezogen ist und ich noch nicht wirklich verstanden habe, was Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker mit ihr aussagen wollen.

Vielleicht, dass man als Deutscher den 6-Schwingen Reichsadler der Weimarer Republik auf dem Reisepass haben muss, da die Bundesrepublik als Staat angeblich gar nicht existiert? Der siebenschwingige, „falsche“ Adler steht dann buchstäblich im Hintergrund des Dokumentes und sein Dastehen ist trivial. Dass diese Theorie an den Haaren herbeigezogen ist, zeigt sich bei jedem Flughafenbesuch. Oder haben Sie bei der Passkontrolle schon einmal nur die Vorderseite ihres Reisepasses gezeigt und wurden sogleich durchgewunken? Wohl kaum, die Kontrolleure möchten stets ins Innere Ihres Passes sehen, wo ein Adler mit 6 Schwingen bzw. Schwungfedern prangt.

Schauen wir uns also an, was wirklich Sache ist. Warum haben wir zwei verschiedene Adler auf unseren Reisepässen (und nebenbei bemerkt auch auf unserem Personalausweis)? Die heraldische Gestaltung des Bundeswappens und des Bundesadlers ist in einer Bekanntmachung des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss vom 20. Januar 1950 festgelegt. In Voraussicht wurde dort die künstlerische Ausgestaltung des Adlers für jeden besonderen Zweck vorbehalten. Es trifft also nicht zu, dass ein Staatswappen stets gleich auszusehen habe. Ein jeder Staat kann frei über sein Staatswappen verfügen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn in unseren Reisepässen und Personalausweisen mehrere Adler mit verschieden vielen Schwungfedern stehen. Übrigens galt dieser Grundsatz quasi auch schon in der Weimarer Republik, will heißen, es gab damals auch keinen einheitlichen Reichsadler.
Die Theorie will also vorne und hinten nicht aufgehen.

5. GROSSBUCHSTABEN

Stimmt dann wenigstens diese Geschichte: Im alten Rom mussten diejenigen Sklaven, die schreiben konnten, in GROSSBUCHSTABEN eine Urkunde unterschreiben, die beglaubigte, dass Sie ihrem Sklavenhalter gehören. Und nun schauen Sie doch mal auf Ihren Personalausweis. Richtig! Auch Ihr Name ist in Großbuchstaben geschrieben! Das kann doch nichts anderes heißen, als dass wir Deutschen die unsouveräne Sklavensasallen der USA sind?

Ich hoffe, Sie konnten die Ironie zwischen den Zeilen rauslesen. Selbstverständlich ist es Blödsinn, römisches Recht 1:1 auf Dinge in unserer Welt zu übertragen. Nur weil etwas im alten Rom so und so gegolten hatte, muss es nicht auch heute noch so sein.

Aber auch, wenn man davon absieht und römische Tradition auf die heutige Welt überträgt, wird diese Theorie nicht besser. Denn bei den alten Römern gab es noch gar keine Groß- und Kleinschreibung wie bei uns, es konnte folglich auch niemand in Kleinbuchstaben unterschreiben. Auch noch so freier Mann nicht. Im deutschen Personalausweis gilt die durchgehende Großschreibung einfach nur der Lesbarkeit des Namens wegen, nichts weiter.

6. Baphomet

Die letzte Theorie ist so absurd, dass ich mir länger überlegt habe, ob ich sie überhaupt reinnehmen soll. Wer etwas genauer auf die Rückseite eines deutschen Personalausweises sieht, erkennt dort eine ornamentale Gouilloche, das ist zu gut Deutsch ein Muster aus mehreren ineinander verwickelten und sich überlappenden Linienzügen. Manch ein hartgesottener Verschwörungstheoretiker, Esoterikeroder religiöser Fundamentalist erkennt darin sogar ein Baphomet, eine Satansfigur also. Dieses steht dann dafür, dass sich die Politik dem Teufel verschrieben hat, dass ganz andere, satanistische Mächte über unser Land herrschen oder, oder, oder… Suchen Sie sich was aus.

Was soll man zu einer solchen These noch sagen? Die zuständige Bundesdruckerei sagt folgendes: "Die Hintergrundgestaltung des Personalausweises ist aus Gründen der Fälschungssicherheit mit Farben und Formen ausgestattet, die keinerlei tiefergehende Bedeutung haben."

Verweise

  • Deutsches Reich: Die Kasuistik mit dem Wort “Personalausweis“ wird so weit getrieben, dass tatsächlich jeder zünftige Reichsbürger einen eigenangefertigten, inoffiziellen Reichspersonenausweis besitzt. Der offizielle Personalausweis wird von diesen Menschen abgelehnt, bei den Behörden wieder abgegeben oder verbrannt. Dies ist ein Verstoß gegen die Ausweispflicht und kann mit bis zu 5.000€ geahndet werden. Daneben machen sich die Reichsbürger mit dem Druck alternativer Personaldokumente der Urkundenfälschung und der unbefugten Benutzung des Bundesadlers schuldig. Deshalb konfiszieren deutsche Behörden auch regelmäßig „Personenausweise“ diverser Reichsregierungen (ja, es gibt sogar mehrere!). I.d.R. werden diese Verfahren jedoch wieder eingestellt, weil dem infantilen Personenausweis nicht einmal den Status einer Fälschung zugeschrieben werden kann. Es sind einfach nur Fantasiepapiere, die an keiner öffentlichen Stelle im In- und Ausland akzeptiert werden.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Montag, 15 Mai 2017 18:32)

    warte warte ich bin Personal, weil ich einen Personalausweis habe? :)

    bin ich dann auch eine Bücherei wegen meines Büchereiausweises, oder der Führer wegen meines Führerscheins?111


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