„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Autoritätsargument

Ein Autoritätsargument (auch: argumentum ad verecundia, lat. für „Beweis durch Ehrfurcht“) ist ein Argument, das eine These durch die Berufung auf eine Autorität bekräftigen oder beweisen möchte. Zu einer Autorität kann eine Person u.a. durch ihre fachliche Expertise und soziale Anerkennung- oder stellung avancieren. Ausschlaggebend ist am Ende nicht, wie sie tatsächlich ist, sondern wie sie erscheint – als Autorität eben.

Schauen wir uns ein Beispiel an:


1.    Für Helmut Schmidt sind die Ursachen des Klimawandels einstweilen nicht ausreichend erforscht“.

2.    Die Menschheit sollte erst die Ursachen des Klimawandels ausreichend erforschen und dann über die nächsten Schritte nachdenken.

Die These (2) wird hier durch die Aussage Helmut Schmidts gestützt, der deutschlandweit als eine Instanz in nahezu allen Fragen angesehen wird. Kurz: Indem die Autorität S. meint (1) wird (2) bekräftigt. Natürlich gilt das nur in den Augen derjenigen, die S. eine Deutungsautorität in solchen Sachen zutrauen. Nun gilt H. Schmidt als vieles, aber nicht unbedingt als Klimaexperte, wenn eine seiner außenpolitischen Positionen als ein Autoritätsargument herangetragen würde, würde diese wahrscheinlich mehr ins Gewicht fallen. Halten wir also fest: Ein Autoritätsargument fruchtet nur, wenn die angeführte Person auch als Autorität eingeschätzt wird.

2. Religiöse Autoritäten

Mir fällt immer wieder auf, wie gerne Gläubige autoritativ argumentieren. Fragst du bspw. einen Moslem, warum genau sein Gott der Richtige sein sollte, antwortet er nicht selten so etwas: „Da gibt es Leute (z.B. Pierre Vogel), die dir das erklären können und die unschlagbare Beweise dafür haben.“ Oder: „Weil es in der heiligen Schrift steht.“ Exakt dasselbe wird mir aber auch ein Christ auf die Frage antworten (genauso verhält es sich übrigens auch mit "die Liebe Gottes spüren" und all  den anderen „Argumenten“), auch er wird auf Personen oder seine heilige Schrift verweisen, dabei kann aber nur höchstens einer der „einzig wahren Wahrheit“ anhängen. Und schon allein weil jeder behaupten kann, in einer uralten Schrift X oder von einer ominösen Person Y fände man ein Argument Z, ist das Autoritätsargument, zumindest in dieser seiner laxen Form, kein wirkliches Argument.

Die Aussagen der heiligen Schrift lassen sich mit den Sätzen weiterer, anerkannter Autoritäten als eine religiöse Dogmatik zusammenfassen. Doch wann wird eine religiöse Dogmatik anerkannt? Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so leicht zu geben, es scheint sehr beliebig zu sein wem Gläubige ihren Glauben schenken und wem nicht:

1.    Der heiligen Schrift ist zu glauben, weil sie das Wort Gottes ist und dass sie das Wort Gottes ist, steht in der heiligen Schrift.

2.    Propheten sind Autoritäten, weil sie von Gott gesandt wurden und dass sie von Gott gesandt wurden, erfahren wir durch die Propheten.

3.   

Andauernd verweisen Gläubige von einer Autorität auf eine andere, ohne auch nur einmal zu klären, warum eine der beiden eine solche sein soll. Um die Existenz Gottes zu beweisen (durch Schriften, Propheten etc.) wird die Existenz Gottes vorausgesetzt (der die Schriften vermitteln soll, die Propheten gesandt hat etc.). Ein Dickicht klassischer Zirkelschlüsse also - und Vieles, aber nicht überzeugend.

3. Qualitäten

Es reicht also nicht aus auf irgendeine Autorität zu verweisen, Autorität und Verweis sollten gewisse Qualitäten besitzen. Folgende Qualitäten können u.a. ein Autoritätsargument zu einem zulässigen und starken Argument machen:

·         Vertrauen: Die Autorität soll vertrauenswürdig sein.

·         Korrektheit: Die Autorität soll korrekt zitiert werden.

·         Kompetenz: Die Autorität soll kompetent im relevanten Fachgebiet sein.

·         Argumentation: Die Regeln der Argumentation sollen eingehalten werden.

·         Meinungsvielfalt: Gegenteilige Auffassungen werden angeführt und widerlegt.

Wo diese Punkte nicht erfüllt sind, handelt es sich um ein nichtiges- oder ein Scheinargument. Und der Verdacht, es könne sich um einen beabsichtigten Trugschluss oder Sophismus handeln, liegt sogleich nahe.

Daneben stehen die zulässigen Autoritätsargumente – wir sind angewiesen auf sie. Nahezu alle Meinungen werden gebildet oder aufrechterhalten, ohne dass alle ihre Geltungsvoraussetzungen im Einzelnen von einem Wissenssuchenden überprüft werden können. Ein Forscher am CERN beispielsweise kann beim besten Willen nicht all die tausenden theoretischen und experimentellen Arbeiten wiederholen, auf die seine Forschung aufbaut. Er muss die Äußerungen anderer schlauer Köpfe wie Bohr oder Heisenberg als Wissen bzw. gerechtfertigte wahre Meinung hinnehmen. Jeder Forscher, egal welcher Disziplin, der heute noch versucht alles selbst zu belegen wird nie auf einen grünen Zweig bzw. vorankommen. Und wer nichts Fremdes glaubt und auch nichts belegen möchte, dem wird jegliche Orientierung fehlen.

Verweise

  • Argumentationstheorie: Gekonnt ausgestaltet gilt das Autoritätsargument sehr wohl als eine seriöse Praxis in der Rhetorik und Argumentationstheorie.

  • Homöopathie: Die Umkehrung des Autoritätsarguments ist ebenfalls ein Fehlschluss. Dass Jemand keine Autorität in einem Fachgebiet ist, bedeutet nicht automatisch, dass seine Argumente auch falsch sind. Schlussendlich geht es immer um den Inhalt und die logische Struktur eines Argumentes, nicht um dessen Urheber. Das „Argument“: „Du kannst die Wirksamkeit von Homöopathie nicht beurteilen, weil du keine homöopathische Ausbildung hinter dir hast“ zieht folglich nicht. Auch das Auswendiglernen von Hahnemanns „Organon“ ändert nichts an der Studienlage und es reicht schon mit gesundem Menschenverstand an die Sache ranzugehen, um die Scharlatanerie des Homöopathen zu erkennen.

  • Locke: Begriffsgeschichtlich dürfte der Ausdruck „Argumentum ad verecundiam“ (Autoritätsargument) auf John Locke und seinem Essay „concerning human understanding“ zurückgehen.
  • Popularitätsargument: Das Popularitätsargument und das Autoritätsargument sind eng verwandt miteinander.

  • Syllogismus: Der US-amerikanische Philosoph Wesley C. Salmon rekonstruierte das Autoritätsargument als einen „statischen Syllogismus“, als ein Argument also, das seine Konklusion zumindest wahrscheinlich macht: (1) Die überwältigende Mehrheit der Behauptungen, die x über S trifft, ist wahr. (2) p ist eine Aussage von x über S. (3) p ist wahr.

  • Werbepsychologie: Das Autoritätsargument scheint vielerorts glänzend zu funktionieren, nicht umsonst werden Werbungen häufig mit Prominenten oder Experten geschalten. Da vermarktet ein „Dr. med. Zahnweiß“ beispielsweise die neue Zahnpasta und die Leute kaufen sie, weil sie dem Doktor als intellektuelle Autorität in Sachen Zahnhygiene vertrauen. Vielleicht wäre zeitgleich aber auch ein Zweifel an der moralischen Integrität und Ehrlichkeit solcher Werbeheinis angesagt..

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Sonntag, 30 Oktober 2016 20:58)

    http://www.hoheluft-magazin.de/2016/02/der-genetische-fehlschluss-i-das-autoritaetsargument/

  • #2

    WissensWert (Freitag, 15 Juli 2016 02:13)

    https://www.youtube.com/watch?v=Y201QzDdzbg

  • #1

    Seelenlachen (Donnerstag, 17 März 2016 01:17)

    https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2013/05/09/einstein-glaubt-aber-auch-an-gott-das-argument-mit-autoritaten/


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