„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Franky Müller (Zeitgeist II)

Ben, Franky und Max sind Mitglieder der globalen Zeitgeist Bewegung. Die Zeitgeist Bewegung plädiert für einen grundlegenden Wertesystemwandel, und zwar im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Praxis. Das dominierende Thema ist dabei das Adressieren gravierender, inhärent-struktureller Mängel unseres sozio-ökonomischen Systems und die Präsentation passender Lösungsvorschläge, wie etwa Nachhaltigkeitsprojekte oder alternative Bildungskonzepte. Die Teilnehmer des Interviews haben die meist kritischen Fragen unabhängig voneinander beantwortet.

Als Zweiter folgt Franky Müller. Hier könnt ihr übrigens noch das erste Interview mit Ben Holland nachlesen.

Heinle: Hallo ihr Drei! Schön, dass dieses Interview zustande kommt.

Ich selbst habe 2011 zum ersten Mal von eurem Movement gehört.

Damals lebte ich noch in Panama, was mich viele soziale

und ökologische Verwerfungen sehen und infolgedessen

zum ersten Mal richtig über gesellschaftliche Fragen nachdenken lies.

Ohne mich genauer auszukennen hatte ich das subtile Gefühl,

dass gegenwärtig einiges schief läuft und die Zeitgeist Bewegung

das endlich benennt. Ich wollte mit Leuten aus der Bewegung sprechen,

mich in die Thematik einarbeiten und aktiv werden.

Leider beschränkt sich mein Wissen über „Zeitgeist“ nach wie vor

auf die Filme, was ja bekanntlich nicht mit der

Bewegung gleichzusetzen ist und leider passierte in Panama

auch noch so viel, dass ich nicht mehr dazu kam,

mich eingehend mit euch und euren Ideen zu beschäftigen.

Aber jetzt habe ich ja endlich die Möglichkeit.

Bevor wir mit den eigentlichen Fragen, über die Bewegung, beginnen, möchte ich euch noch bitten euch kurz vorzustellen und uns zu schildern, wir ihr zu der Zeitgeist-Bewegung gekommen seid?

Müller: Mein Name ist Franky Müller. Ich bin gelernter Industriekaufmann und Projektmanager und offenbar teile ich mit einer wachsenden Zahl an Menschen die Erkenntnis, dass der Großteil unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme irgendwie stets in Verbindung mit Geld steht und demzufolge mit der Art unseres Wirtschaftens etwas grundlegend falsch zu laufen scheint. Die über das Zeitgeist-Movement vermittelten Inhalte ließen mich diese Erkenntnis in ein Verständnis darüber umwandeln, was die Grundursachen unserer globalen und gesellschaftlichen Probleme sind und welche Schritte unternommen werden können, damit diese gelöst werden. Auf die Bewegung bin ich im Juni 2009 durch die Filmreihe mit dem Namen „Zeitgeist“ aufmerksam geworden, die es schaffte, durch die Aufarbeitung komplexer Inhalte nicht nur auf die Probleme einzugehen, sondern auch mögliche Lösungswege aufzuzeigen. Ich habe mir meine kritischen Fragen zum Phänomen Zeitgeist Movement durch kontinuierliche Eigenrecherche im Laufe der Zeit selbst beantwortet, und somit auch das Potential und die Einzigartigkeit erkannt, welche in dieser Bewegung liegen. Bei dieser immer noch sehr jungen Bewegung, die bereits in 70 Ländern mit diesem Namen existiert, bringe ich mich seit dieser Zeit ehrenamtlich koordinierend für die deutschlandweiten Projektgruppen ein, veranstalte und moderiere diverse On- und Offline-Meetings und bin zugleich ein Teil der globalen Projektgruppen-Administration.

Heinle: Was ist überhaupt ein „Zeitgeist“?

Müller: „Zeitgeist“ ist ein Lehnwort, welches aus dem Deutschen als eines der 10 bekanntesten Lehnwörter in die englische Sprache übernommen wurde. Es steht für die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters.
Der Begriff bezeichnet laut Wikipedia „die Eigenart einer bestimmten Epoche beziehungsweise den Versuch, uns diese zu vergegenwärtigen.“ Gekoppelt mit dem Ausdruck „Movement“, welcher Bewegung oder Veränderung bedeutet, steht das „Zeitgeist Movement“ demnach für eine Bewegung, die versucht den aktuellen, nicht besonders lebensbejahenden, Zeitgeist zu wandeln.

Heinle: Was ist für euch, in einem Satz zusammengefasst,

der innerste Kernpunkt der Zeitgeist Bewegung?

Müller: Als den innersten Kernpunkt von TZM [kurz für The Zeitgeist Movement] kann man einen Gedankengang beschreiben, der sich auf Logik basierend, selbst reflektiert. Dieser Gedankengang ist auch im Buch „The Zeitgeist Movement Defined: Realizing a New Train of Thought“ [1] [zu dt. etwa: Definition der Zeitgeist-Bewegung: Die Realisierung eines neuen Gedankengangs ] erörtert, welches vom internationalen Vortrags-Team verfasst wurde. TZM ist demnach weder Personen noch Institutionen ergeben, sondern lediglich diesem Gedankengang mit dem wesentlichem Fokus auf die Etablierung von Bewusstsein und Bildung.

Darüber hinaus ist dies der Grund, weshalb wir bei TZM von keiner offiziellen Mitgliedschaft im klassischen Sinne sprechen und warum diese auch schwer zu erfassen ist. Um es in ein Gleichnis zu setzen, es ist wie die Geisteshaltung einer gesunden Ernährungsweise, die ebenso wenig an Personen oder Institutionen festgemacht werden kann, sondern auf der Logik basiert, dass Gift in unseren Lebensmitteln eher unser Wohlbefinden beeinträchtigt.

Heinle: Zweitens verbinde ich mit dem westlichen Politikverständnis

auch eine Form von Demokratie. Demokratie hat immer eine ganz

starke individuelle und ideologische Dimension. Das heißt,

dass verschiedene Menschen ihren jeweiligen Wunsch nach Multikulti

oder einer Leitkultur durch ihre Stimme Ausdruck verleihen

und so die Geschicke ihrer Nation mitbestimmen können.

Bei der Wissenschaft ist das anders. Die deskriptiv-forschende

Wissenschaft geht davon aus, dass es je nur eine wahre Antwort

auf eine präzise Frage, wie etwa die Integration, gibt.

Führt uns die Vorstellung einer wissenschaftlichen Methode für gesellschaftliche Themen nicht weg von einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft und mündet in einer

Art Aristokratie, in der nur noch als befähigt

geltende Wissenschaftler etwas zu sagen haben?

Müller: In der Tat kann eine Demokratie dem einzelnen Individuum eine Stimme verleihen und somit auch einen pluralistischen Ausdruck fördern. Demokratie als Herrschaftsform bildet jedoch heute wie in der Vergangenheit lediglich einen Teil unseres sozio-ökonomischen Systems und sollte folglich nicht alleinstehend von anderen Gesellschaftsregulatoren betrachtet werden.

Beispielsweise kann es in einem Geldsystem so etwas wie Demokratie gar nicht geben, denn je mehr Geld man besitzt, umso mehr Vorteile kann man sich erkaufen.

Zudem ist unsere heutige Form der Demokratie stets auch von den Meinungen der Menschen abhängig, die sich an ihr beteiligen. Eine Meinung spiegelt hierbei das Resultat einer individuellen Prägung durch die umgebende Kultur wider. Man kann bei einer Meinung also von der Interpretation des Umfelds sprechen, bei welcher auch der jeweilige Charakter und die eigene Wahrnehmungskapazität hineinwirken. Somit unterliegt eine Meinung oftmals auch einer starken Form der Spekulation desjenigen, der diese zum Ausdruck bringt.

Demokratie für sich stehend führt also nicht automatisch zu einer pluralistischen Gesellschaft – ganz im Gegenteil, denn was Demokratie erst funktionierend macht, ist Bildung. Wenn diese Bildung nicht ein Verständnis der Prozesse beinhaltet, die menschliches Wohlbefinden fördern, sich folglich nicht der Beachtung von Naturgesetzen unterwirft, die dieses Wohlbefinden ermöglichen, dann bleibt die Demokratie lediglich ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.

Die Wissenschaft hingegen stützt sich durch ihre Methoden auf Fakten anstatt auf Meinungen. Den Kern der wissenschaftlichen Methode bilden hierbei Skepsis und Widerlegbarkeit. Sie dient dazu, sich so gut wie möglich an die ermittelbare "Wahrheit" anzunähern. Das Einzige, was die Wissenschaft überhaupt als unumstößlich ansieht, ist die Tatsache, dass sich praktisch alles verändern kann, wenn man neue Informationen ermittelt und versteht. Die wissenschaftliche Methode, wie sie in ihrer Anwendung auf gesellschaftliche Belange vom Zeitgeist Movement vorgeschlagen wird, beinhaltet mit ihrer Ausrichtung an den Gesetzen der Natur also Variablen, die unumstößlich sind, egal welche Meinung wir darüber haben. Oder anders gesagt, Mehrheitsmeinungen stehen unter dem Naturgesetz. Es ist egal, wie viele Menschen entscheiden, sich gegen die Gesetze der Gravitation zu stellen, der Natur ist es egal, die Natur ist keine Demokratie.

Ungleich zur heutigen Situation wird vielmehr auch die Soziologie als Feld der Wissenschaft mit ins Spiel gebracht, die eben darlegen kann, dass Pluralität für eine Gesellschaft genauso wichtig ist wie Biodiversität für unser Überleben auf diesem Planeten. Ich sehe hier keinen Widerspruch.

Es gilt zu betonen, dass der Vorschlag einer wissenschaftliche Herangehensweise an soziale Belange, die durch rationalen Konsens erreicht wird, weitaus egofreier als die heutigen politischen Methoden ist, sofern auch die Wissenschaft keinen finanziellen Bedingungen mehr unterliegt, wo der finanziell Stärkste stets die Forschungsrichtung vorgibt. Darüber hinaus befürwortet das Zeitgeist Movement keine Technokratie, in der Wissenschaftler über die Menschen herrschen. Die Frage einer Aristokratie stellt sich hier also gar nicht, da die Frage nicht lautet, wer die Entscheidungen trifft. Die Frage lautet vielmehr, mit welcher Methodik schlussfolgert man Entscheidungen. Dies hat keine Loyalität zu Gruppen oder Ideologien. Es ist vielmehr die Loyalität zu Methoden, die den Test der Zeit bestanden haben.

Heinle: Beim Anwenden der wissenschaftlichen Methode auf die ökonomischen Belange soll vor allem Wert darauf gelegt werden, dass die endliche Ressourcenkapazität der Erde berücksichtigt ist. Das nennt sich dann ressourcenbasierte Wirtschaft und ist eines eurer Hauptanliegen. Klingt zunächst wieder super, weiß doch jeder, dass wir auf Kosten der Umwelt und nachfolgender Generationen leben und das eigentlich nicht sollten. Aber ich habe auch wieder ein paar Fragen an euch. Zuerst drängt sich mir die Frage auf, wie man eine Wirtschaft an die Knappheit von Gütern ausrichten möchte, wenn man von vielen Gütern gar nicht weiß, wie knapp sie eigentlich sind? Hätten wir beispielsweise vor 40 Jahren auf den Club of Rome gehört, der das Versiegen der letzten Erdölquellen noch vor der Jahrtausendwende prognostiziert hatte, dann hätten wir mit einer ressourcenbasierten Wirtschaft wohl falsche und voreilige Schlüsse gezogen und viel an Industrie und Wohlstand eingebüßt. Formell kann eine ressourcenbasierte Wirtschaft also noch so schlau ausgetüftelt sein, was nützt sie uns, wenn wir sie doch inhaltlich noch nicht mit den richtigen Daten füttern können, weil wir von viele Ressourcen schlichtweg gar nicht wissen, wie viel uns davon zur Verfügung steht?

Müller: Dies ist ein guter Punkt, denn eben dies stellt den ersten Schritt in Richtung des Überganges in ein solches ressourcenbasiertes Wirtschaftsmodell dar: die Erfassung aller natürlichen, verfügbaren Ressourcen und deren physisch-belegbarem Stand inklusive aller Merkmale ihrer Verwendung hinsichtlich der Gesellschaft und der Umwelt. Wir haben heutzutage weitaus fortschrittlichere Möglichkeiten, dies zu tun, als jemals zuvor. Ein intelligentes Management der Ressourcen der Erde bedingt auch die Verwaltung einer Datenbank, welche algorithmisch die positiven mit den negativen Konsequenzen abwägt und hier Vorschläge macht. Wir nutzen also Computertechnologie, mit deren Hilfe diese Daten konstant erfasst werden, wobei wir hier zudem von einem fortlaufend fließendem Prozess sprechen, der sich parallel mit unserem wissenschaftlichen Kenntnisstand stetig weiterentwickelt.

Es gilt anzumerken, dass unsere exponentielle Verwendung von fossilen Energieträgern zwar mitunter einen Treiber unseres Wohlstandes darstellt, doch ist diese Nutzung beispielsweise aufgrund ihrer schädlichen Folgeerscheinungen wie die Verschmutzung der Luft eigentlich nicht sinnig im Rahmen der gesellschaftlichen Belange. Zumal wir über ein enormes Potential an Alternativen verfügen. Unser heutiger Wohlstand wäre auch mit einer wesentlich umweltschonenderen Nutzung von Energie möglich gewesen. Es ist lediglich die innewohnende Logik der Finanzwirtschaft, in der wir leben, die der Verwendung von erneuerbaren Energieträgern entgegensteht, denn das Marktmodell in seiner Struktur blendet bestimmte Elemente einfach aus. Hier ist eine sehr primitive Kurzsichtigkeit die Basis, bei der es heißt: Ressourcen sind einfach da und können verbraucht werden, ungeachtet der jeweiligen Konsequenzen hieraus. Punkt.

Das Streben nach Profitmaximierung birgt also automatisch eine gewisse Engstirnigkeit, denn alle Aufwendungen zählen lediglich bis zum Verkauf einer Sache und damit lediglich bis zum Einstreichen des eigenen Profits. Ob das eigene Tun dann eine negative Konsequenz bei Mensch und Umwelt hervorruft, interessiert den Marktakteur nicht, solange der Profit stimmt. Allein durch diese Praxis hat sich aber auch unser gesellschaftliches Verständnis dessen weiterentwickelt, wie es eben grade nicht laufen sollte, da die Probleme, die wir sehen, wenn wir uns in der Welt umschauen, Beleg genug sein sollten.

Heinle: Wie genau funktioniert eine ressourcenbasierte Wirtschaft

denn und warum ist sie so wichtig?

Müller: Kurzum: Eine ressourcenbasierte Wirtschaft basiert nicht auf dem Umlauf von Geld und dessen damit verbundene dynamische Eigenschaften, sondern vielmehr auf wahrhaft objektivem wissenschaftlichen Ressourcenmanagement und Bereitstellung derselben. Sie ist strategisch danach ausgerichtet, gleichberechtigte Verteilung aller Güter und Dienstleistungen zu gewährleisten, um die Bedürfnisse der gesamten menschlichen Bevölkerung zu decken, während zeitgleich die maximale Nachhaltigkeit der Umwelt für die Generationen nach uns sichergestellt wird.

In diesem Modell ist die Gesellschaft ein Spiegel der Natur und so kann dieses Gesellschaftssystem erweiternd auch eine Naturgesetz/Ressourcenbasierte Wirtschaft genannt werden. Demzufolge sprechen wir hier von einem anpassungsfähigen, sozio-ökonomischen System, das sich direkt aus physischen Bezugspunkten ableitet, welche durch die naturwissenschaftlichen Gesetze bestimmt werden.

Warum sie so wichtig ist? Nun, wie oben erwähnt, basieren heutzutage alle individuellen Entscheidungen auf Grundlage von persönlichen Vorteilen und/oder der eigenen Profitmaximierung. Einfacher ausgedrückt, leben wir in einer Art Kampfhund-Gesellschaft, wo jeder jeden frisst und jeder sich selbst der Nächste ist. Dabei gibt es jedoch weder ein Gen für Gier noch kann dieses Verhalten einfach bloß als naturgegeben abgetan werden. Tatsache ist schlichtweg, dass menschliche Verhaltensweisen durch umweltliche Bedingungen hervorgerufen werden, und eine Kultur, die sich auf Eigennutz und Selbstsucht stützt, ist ein logisches Resultat aus Zeiten der Knappheit sowie dass Menschen um grundlegende Dinge gegeneinander kämpfen müssen. Geld ist das Medium, welches für Menschen den Zugang zu den Notwendigkeiten des Lebens darstellt, und Geld ist zugleich stets knapp. Es ist also nicht schwer ausrechnen, warum der Großteil aller Korruption, Verbrechen und somit unserer generellen gesellschaftlichen Probleme, in Verbindung mit dem Medium Geld steht. Sobald wir uns im Rahmen des Wirtschaftens an der stetigen Steigerung von Effizienz ausrichten, anstatt am Umlauf von Geld, hat auch Geld an sich als Medium des Austausches irgendwann ausgedient. Beim ressourcenbasierten Wirtschaften sind also alle Güter und Dienstleistungen frei zugänglich ohne die Nutzung von Geld, Kreditkarten, Schecks oder jeglicher Schuld und Zwang. Lediglich unser heutiges, durch Knappheit konditioniertes und egozentriertes Wertesystem steht uns hier im Wege.

In einem ressourcenbasierten Wirtschaftsmodell lautet die Frage als Basis jeglicher persönlicher Entscheidungen folglich nicht mehr „Wieviel Profit kann ich aus einer Sache schlagen?“ sondern „Welche Auswirkungen hat mein Handeln auf meine Mitmenschen und die Umwelt?“ Das Beisteuern zur Gesellschaft ist nicht mehr basierend auf den engstirnigen, eigennützigen Ansichten und Interessen des persönlichen Vorteils. Geld hat hier seine Bedeutung verloren, weil es als fundamentale Triebfeder ausgedient hat. Stattdessen fokussiert sich eine ressourcenbasierte Zivilisation durch ihren systemtheoretischen Ansatz auf bio-psychosoziale Nachhaltigkeit sowie auf ein dynamisches Gleichgewicht. Die Ressourcen der Erde werden als gemeinsames Erbe aller Menschen angesehen, was im direkten Gegensatz zur heutigen Vorgehensweise steht, wo die weltweiten Ressourcen einfach von einigen wenigen Auserwählten ausgeschöpft werden und wir somit kompletten Raubbau an der Natur betreiben. Wir stehlen heutzutage quasi von der Zukunft, verkaufen es in der Gegenwart und nennen sowas dann Bruttoinlandsprodukt. Die Kultur der Gesellschaft der Zukunft wird jedoch letzten Endes verstanden haben, dass die grundlegende Zusammenarbeit im Zuge des Teilens von Ressourcen und Ideen eine wohlständigere, nachhaltigere und stabilere Gesellschaft hervorbringt, ungleich dessen, was die Marktethik des Mangels und des Wettbewerbs gemäß des heutigen Modell jemals hätte erahnen können.

Und so komplex sich dies alles für Unbedarfte anhören mag, ist dieser Ansatz nichts Anderes als die weiterentwickelte Vorgehensweise von Astronauten, die einen Planeten besiedeln. Man fliegt mit seinem Raumschiff durchs All, trifft auf einen neuen Planeten, und auf diesem gibt es eben keine menschengemachten Konzepte wie Geld, Religionen oder Ländergrenzen. Man untersucht den Planeten nach allen notwendigen Ressourcen und setzt dann sein gesamtes technisches Know-How ein, um sich und sein Team nach der Landung auf diesem Planeten mit dem Ziel des maximalen menschlichen Gedeihens durchzubringen.

Diese Denkweise auf unseren Planeten übertragen und dabei ebenfalls sehr vereinfacht gesprochen, möchte das Zeitgeist Movement einen Wandel unserer heutigen Werte hin zu einer Welt, die nicht eingeschränkt ist durch Politik, Geld und Elitismus, welche unsere Erde für Profit zerstören. Wir möchten durch unsere heutigen technischen Möglichkeiten sicherstellen, dass jeder Mensch ernährt, bekleidet, überdacht ist sowie Zugang zu sauberer Energie und relevanter Bildung hat, ohne es sich erst „verdienen“ zu müssen.

Heinle: Gehen wir davon aus, dass in naher Zukunft eine ressourcenbasierte Weltwirtschaft installiert wird. Und dass sie auch funktioniert, sprich eine soziale und ökonomische Nachhaltigkeit garantiert. Einige Leute würden sicher nicht akzeptieren, oder auch nur verstehen, dass sie für Menschen, die noch nicht einmal geboren sind, ihren Lebensstandard zurückstufen müssen. Wie soll man in eurer neuen Gesellschaftsordnung mit solchen Leuten umgehen? Führt uns das hohe und kollektivistische Ziel von Nachhaltigkeit nicht zwangsläufig in eine Art Ökodiktatur, oder geht es auch anders? Kann, ganz allgemein, der Nachhaltigkeitsaspekt, wenn es nötig werden sollte, eine Ökodiktatur rechtfertigen?

Müller: Mit einem wachsenden Grad des Verständnisses über unsere eigene Integrität als Mensch auf diesem Planeten wächst auch das Verständnis, dass diese nur so gut ist, wie die unserer Mitmenschen und der Umwelt. Kurzum: der Mensch ist ein soziales Wesen, der einzig für sich stehend nicht überleben kann. Soziologische Studien wie der „Equality Trust“ [2] der Professoren Richard Wilkinson und Kate Pickett belegen klar, dass soziale Nachhaltigkeit nur durch eine eher ausgeglichene Gesellschaft erreicht werden kann. Diese lässt sich durch eine ausbalancierte Wirtschaft erreichen, die auf Kooperation, Teilen und empathischen Miteinander basiert. Die Frage der Zukunft dreht sich somit nicht mehr um Besitz, sondern um strategischen Zugang zu den Notwendigkeiten des Lebens.

Eine wettbewerbsorientierte Haltung sorgt zwangsläufig für Gewinner und Verlierer, und aus jenen Positionen dann entweder charakterlich das, was wir Gier oder das, was wir Neid nennen. So kommt es u.a. zu den sozial völlig unausgeglichenen und entkoppelten Verhältnissen, die im letzten Oxfam Bericht [3] offengelegt wurden, wobei 1% der Weltbevölkerung aktuell mehr als 50% des globalen Wohlstandes besitzt. Diese soziale Ungleichheit wirkt sich zersetzend auf die Gesellschaft und insbesondere auf die öffentliche Gesundheit aus. Immer mehr Menschen werden ohne Zugang zu medizinischer Versorgung in bitterster Armut geboren, obwohl wir die technischen Möglichkeiten besitzen, diese ärmlichen Verhältnisse zu beseitigen. Doch dies stellt lediglich ein weiteres Resultat der Marktlogik dar, unter der ein Problem nicht gelöst wird, solange sich hierbei kein Profit machen lässt.

Gandhi sagte es einmal treffend „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier“. Es geht also gar nicht darum, Menschen zu bevormunden oder etwas aufzuzwingen, um soziale Nachhaltigkeit zu erreichen. Jedoch müssen wir uns im Zuge unseres eigenen Überlebens von der Vorstellung verabschieden, dass ein Wertesystem, wie es in einem Marktmodell vorherrscht, bei welchem jeder ausschließlich zunächst seinen persönlichen Vorteil sucht, irgendetwas Positives für das große Ganze erzeugt. Folglich gilt es die Faktoren zu identifizieren, die dieses Verhalten belohnen und verstärken, und dies sind die grundlegenden psychologischen Treiber unserer Wirtschaft: Unausgeglichenheit, Knappheit, engstirniges Selbstinteresse, Ausbeutung und Wettbewerb. Bevor diese nicht geändert werden, sodass das System anfängt, Zusammenarbeit, menschliche und ökologische Ausgeglichenheit, Effizienz und Nachhaltigkeit zu belohnen und zu bestärken, wird sich nichts wirklich ändern. In einer soziologischen Verfassung, bei welcher alles auf dem eigenen Vorteil gegenüber anderen aufgebaut ist, ist das, was wir heutzutage sehen zusammen mit allen daraus resultierenden Problemen nämlich lediglich "Business as usual".

Einhergehend mit dieser Erkenntnis befürwortet das Zeitgeist Movement einen notwendigen Wandel unserer Werte. Das durch Belohnungsstrategien vorgelebte und somit konditionierte Eigeninteresse sollte sich also in ein Interesse an der Gesellschaft umwandeln, wenn wir überleben wollen. Jedoch kann dieser Wandel niemals mit Gewalt oder Zwang erreicht werden, sondern ausschließlich mit Verständnis. Die Bewegung kommuniziert hierbei aus ausschließlich mit gewaltfreien Kommunikationsmethoden. So etwas wie Frieden, der aus einer ausgeglichenen Gesellschaft ergeben kann, kann ohnehin niemals mit Gewalt oder Zwang entstehen.

Heinle: Bei euren Zukunftsvisionen verweist ihr gerne auf das sogenannte Venus-Projekt. Dieses verspricht eine Kompatibilität von Nachhaltigkeit und allgemeinem, technologisiertem Wohlstand. In der heutigen Welt gelten diese zwei Leitideen einzeln schon als utopisch und schon gar nicht als vereinbar. Wie wollt ihr den Bürgern unserer Erde beides, Nachhaltigkeit und Wohlstand, garantieren? Warum sehen wir in dieser Kombi noch einen Widerspruch?

Müller: Den heutigen modernen Kenntnisstand vorausgesetzt sehe ich hier keinen Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Wohlstand, welcher mittels Technik hervorgerufen wird.

Zunächst einmal resultiert Nachhaltigkeit nicht schlicht aus Verzicht, sondern aus der Beachtung, Umsetzung, Sicherstellung und des Schutzes aller Parameter, die menschliches Wohlbefinden fördern – es gilt lediglich, diese Parameter generationsübergreifend anzuwenden. Unser Wohlstand ergibt sich quasi im Zuge unserer stetigen Tendenz innerhalb der Gesellschaft anfallende Arbeitsschritte immer effizienter erledigen zu wollen – vorausgesetzt, wir wissen die dadurch frei werdende Zeit sinnvoll und intelligent zu nutzen, bestenfalls zur Lösung weiterer vorhandener Probleme.

Die menschliche Innovation und somit unser technologischer Fortschritt machen es zudem möglich, dass wir heutzutage „immer mehr mit immer weniger“ bewerkstelligen können. Anstatt eine Schlucht mit Steinen aufzufüllen, haben wir gelernt, immer bessere Brücken zu bauen, die weitaus weniger Material benötigen. Auch Henry Ford’s Produktionslinie dient als ein gutes Beispiel, wie immer weniger Materialaufwand die Effizienz erhöhte. Und heutzutage haben wir gelernt, unsere Telekommunikation vom Telefon bis hin zum Satelliten anstatt durch Kabel durch Funkwellen zu übertragen. Man stelle sich zudem vor, man würde diese vielen Informationen pro Tag von Webseitenaufrufen, E-Mails bis hin zu SMS allesamt einzeln per herkömmlichen Postbrief für jeweils 60 Cent erhalten. Wir können vieles heutzutage kostengünstiger mit weit weniger Materialaufwand bewerkstelligen.

Neben Jacque Fresco (The Venus Project) hatte also auch der Architekt, Konstrukteur und Designer Richard Buckminster Fuller eine große Auswirkung auf die Philosophie des Zeitgeist Movement, denn er beschrieb sehr ausführlich die Tendenz der heutigen Technologie, die zu immer kleineren, leichteren und effizienteren Maschinen bzw. technischen Anwendungen führt. Dieses ökonomische Prinzip, also eine simple Input-Output-Relation, nannte er Ephemerisierung. [4]

Ephemerisierung stellt einen unausweichlichen Trend in der menschlichen Entwicklung dar. Was wir heutzutage Utopie nennen, ist für die Menschen in der Zukunft ebenso lächerlich, wie unser heutiger Erklärungsversuch gegenüber jagenden und sammelnden Steinzeitmenschen, warum Flugzeuge fliegen, tonnenschwere Schiffe die Ozeane überqueren oder wie man heute lediglich an jemanden am anderen Ende der Welt denken muss und kann ihn innerhalb von wenigen Sekunden kontaktieren. Geschichte und Technologie nehmen also weder Rücksicht auf die Gesellschaft noch auf individuelle Meinungen, sondern entwickeln sich einfach weiter. Und wir müssen uns stetig darauf vorbereiten, der Zukunft zu begegnen. Der Ausdruck Utopie resultiert also oftmals lediglich aufgrund unseren heutigen statischen Ansichten, wobei wir glauben, bereits alles zu wissen und die Evolution hierbei gänzlich außer Acht gelassen wird. Dies gekoppelt mit der Annahme, dass Nachhaltigkeit eine Form von Verzicht bedeute, erklärt somit den heutigen Noch-Widerspruch.

Heinle: Wenn eure Konzepte, wie etwa die Automatisierung der Arbeit, doch so viel effizienter als die herkömmlichen sein sollen, warum haben sie sich auf dem freien Markt noch nicht durchgesetzt?

Müller: Wie oben schon erwähnt, bringt der freie Markt mit sich, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Die Gewinner versuchen hierbei stets ihre Macht zu halten, zu sichern und weiter auszubauen, was uns zu der heutigen Tatsache führt, dass gerade einmal 147 Unternehmen über die gesamte Weltwirtschaft herrschen. [5] Auch sind es hauptsächlich diese großen Player am Markt, die innovative technische Neuerungen am schnellsten und zum größten Teil im Rahmen ihrer Machtposition für sich nutzbar machen. Der Großteil der Unternehmen hat zwar die Tendenz der Automatisierung, da sie ja schlichtweg Sinn ergibt, doch sie können die Investitionen nicht so schnell und leicht stemmen wie die Großen. Und trotzdem tun sie es. Dies passiert im Zuge des Agierens unter Kosteneffizienzdruck, dem die Unternehmen unterliegen.

Bedauerlicherweise lässt sich in unserer heutigen Form der Wirtschaft aber auch festhalten, dass es fortwährend neue Probleme geben muss, damit man an deren Lösung Geld verdienen kann. Dies schafft wiederum neue Arbeitsplätze. Unsere heutige Wirtschaft basiert in weiten Teilen maßgeblich am Umlauf von Geld. Je mehr Geld zirkuliert, umso besser ist dies für die Wirtschaft. Dieses Muster von Geldströmen darf einfach nicht aufhören oder erheblich verlangsamt werden, wenn die Gesellschaft, wie wir sie kennen, funktionsfähig bleiben soll. Hierbei gibt es drei Hauptdarsteller auf der wirtschaftlichen Bühne: den Angestellten, den Arbeitgeber und den Konsumenten. Das globale Marktsystem basiert auf der Annahme, dass es immer genug Nachfrage nach Produkten in der Gesellschaft geben wird, um immer genug Geld im Umlauf zu halten, das den Konsumprozess aufrecht erhalten kann. Und je schneller die Konsumrate, desto größer wird das sogenannte Wirtschaftswachstum, und so geht es immer weiter. Geld als Anreizmittel taugt jedoch nur begrenzt als Ansporn für sich wiederholende, monotone Tätigkeiten; also solche, die durch Maschinen ersetzt werden können. Und somit hat das produzierende Gewerbe im Zuge des Kosteneffizienzdruckes ein fortlaufendes Interesse, Arbeitsplätze wegzurationalisieren, um durch Mechanisierung Personalkosten zu sparen.
Der Haken, der dabei übersehen wird, ist: Je mehr man automatisiert, um Kosten zu sparen, desto mehr Leute werden entlassen und desto mehr wird die öffentliche Kaufkraft reduziert. Das heißt, dass die Firmen alles günstiger produzieren können, jedoch immer weniger Leute tatsächlich Geld haben, irgendetwas zu kaufen, und zwar unabhängig davon, wie billig es geworden ist. Die Quintessenz ist, dass sich das Spiel „Arbeit für Einkommen“ langsam dem Ende nähert. Heutzutage gilt in den Industrieländern der Dienstleistungssektor als die letzte wirkliche Anlaufstelle, die über 80% der Arbeiterschaft beschäftigt. Allerdings wird auch dieser Sektor mittlerweile zunehmend mit automatisierten Kiosks, Restaurants und sogar Geschäften unter Druck gesetzt.

Technologisch bedingte Arbeitslosigkeit, von John Maynard Keynes bereits 1930 als Widerspruch des Kapitalismus [6] bezeichnet, ist also sehr wohl ein reales Phänomen. Hierzu sei jedem Interessierten die Dokumentation „Will Work For Free“ (kostenfrei im Netz) ans Herz gelegt, die sehr gut den aktuellen Stand der Dinge in diesem Bereich aufzeigt.

Es sollte sich folglich übergeordnet einmal jeder die einfache Frage stellen: Sollte der Fokus einer Gesellschaft darauf liegen, Arbeitsplätze zu schaffen oder Wohlstand zu schaffen?

Heinle: Privateigentum soll, wenn es nach euch geht, zwar nicht ganz abgeschafft werden, jedoch nach und nach an Bedeutung verlieren und schlussendlich einem allgemeinen, kostenfreien und strategischen Zugang zu den Dingen weichen. Für mich hört sich das nach einer ur-linken Forderung an. Ich ahne aber auch schon, dass ihr euch nicht in ein links-liberal Schema einordnen lassen wollt, oder?

Müller: Das ist richtig. Das Zeitgeist Movement sieht die klassische Form der Politik nicht als geeignet an, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Der Großteil unserer Probleme ist technisch lösbar. Ein Umstand, der Politiker als die führende Spitze einer Gesellschaft obsolet macht. Politiker sind einfach keine technischen Experten. Wie könnten sie also die Probleme der Gesellschaft lösen, die technisch sind? Die meisten Politiker haben lediglich einen juristischen Hintergrund, was semantische Manipulation ist, und nichts anderes. Sie sind nicht dazu qualifiziert, etwas zu verändern, und letzten Endes werden sie stets die Wissenschaftler zur Lösung der Probleme befragen.
Ob eine Gesellschaft funktioniert ist keine Frage der politischen Einstellung, sondern, wie oben erläutert, eine Frage der Beachtung aller Parameter, die eine Gesellschaft funktionierend machen.

Gesellschaft ist sozusagen eine technische Erfindung. Und die effizientesten Methoden zur Optimierung von menschlicher Gesundheit, der Produktion, dem Vertrieb, der städtischen Infrastruktur usw. finden sich im Bereich von Wissenschaft und Technologie - nicht in der Politik oder im Finanzsystem. Eine Gesellschaft funktioniert schlichtweg auf die gleiche systematische Art und Weise wie, sagen wir, ein Flugzeug, und es gibt einfach keine „linke“ oder „rechte“ Art, ein Flugzeug zu bauen.

Das Konzept des Eigentums wiederum ist eine Erfindung aus Zeiten der Knappheit. Wenn man u.a. im Zuge einer wirtschaftlichen Philosophie den Planeten um die Wette „privatisiert“ (ein Begriff, der übrigens im Lateinischen mit „berauben“ gleichgesetzt wird [7]), dann ist es eine logische Konsequenz, dass irgendwann eine Institution mit dem Konzept des Eigentums aufkommt, um die fortwährend aufkommenden Streitereien zu regeln. Ab diesem Punkt wurde dann festgelegt, wem etwas gehört. Die Menschen beanspruchen also Besitztum, weil es eine rechtliche Form des Schutzes ist.

Jedoch ist das Konzept des Eigentums keine rein nationalstaatliche, freie marktwirtschaftliche oder kapitalistische Idee, sondern schlichtweg eine uralte Geisteshaltung, aus der Not heraus abgeleitet, seitens den Generationen vor uns, die stets in Knappheitsverhältnissen lebten. Wenn es keine Knappheit geben würde, gäbe es auch keinen vernünftigen Grund für Eigentum.

Heutzutage ist es eine Tatsache, dass die meisten der eigentlichen Probleme, die zur Entwicklung des heutigen Wirtschaftssystems nötig waren, aufgrund der drastischen Fortschritte von Wissenschaft und Technik nicht mehr länger erdrückend sind. Wir haben heute die Möglichkeiten, uns in ein neues Paradigma zu bewegen, welches negative Nebeneffekte wie stetiger Krieg, menschliche Ausbeutung, Armut und ökologische Zerstörung nicht länger zulässt.

Wie du ebenfalls bereits richtig bemerkt hast, macht strategischer Zugang zu den Notwendigkeiten des Lebens das Konzept des Privateigentums obsolet.

In unseren Breitengraden gibt es beispielsweise aufgrund des relativ strategischen Zugangs zu Wasser mittels einer technischen Erfindung namens Wasserhahn weitaus weniger Kriege als in anderen Teilen der Erde, wo Wasser knapp ist. Ebenso haben als Menschen sozusagen direkten strategischen Zugang zur Luft und dem Licht, die wir Menschen benötigen, weil sie uns einfach umgeben.
Um es mit einem weiteren Beispiel zu verdeutlichen: Der Erste, der bei den amerikanischen Ureinwohnern angekommen wäre und hätte gesagt „Der Apfelbaum da hinten gehört mir!“, der wäre verlacht worden. Man hatte noch verstanden, dass das bloße Anmelden von Eigentum auf eine Sache weder für die Wachstumsprozesse des Baumes noch für die Reifeprozesse seine Früchte verantwortlich ist. Würde jemand anderes zugleich auf das Licht und die Luft, die der Baum zu leben braucht, sein Eigentum anmelden, hätte der Apfelbaumbesitzer sogleich ein dickes Problem. Glücklicherweise lässt sich die Sonne nicht mit solch menschengemachten Konzepten wie Eigentum belegen, denn die Konsequenz aus der Anmeldung von privatem Eigentum ist zumeist eine Verknappung der Verfügbarkeit einer Sache gegenüber der Öffentlichkeit bzw. eine Tendenz, das was vorher für alle frei zugänglich oder verfügbar war, nun lediglich im Austausch gegen etwas anzubieten. Wo es vorher dann eben Äpfel in Hülle und Fülle gab, hat derjenige mit Eigentum an den Apfelbäumen eine höhere Gleichgültigkeit, wenn andere Apfelbäume, die nicht ihm „gehören“ nicht mehr vorhanden wären. Die Knappheit an fremden Apfelbäumen würde seine Apfelbäume im Gebrauchswert steigen lassen. Und so entsteht durch das Konzept des Eigentums mitunter auch eine Verlagerung unserer Interessen und Prioritäten innerhalb der Gesellschaft.

In der natürlichen Welt gibt es weder geistiges noch physisches Eigentum. Selbst eine Idee, die einem aufkommt, basiert stets auf diversen einzelnen Informationen, die andere Menschen vorher kostenfrei zur Verfügung stellten. Man stelle sich vor, wo die Menschheit stände, gäbe es ein Patent auf die Methode des Feuermachens oder die Erfindung des Rades.

Der Nonsens des Konzepts Eigentum lässt sich lediglich in einer Marktwirtschaft rechtfertigen, in welcher jeder Marktakteur zunächst erstmal bloß an sich und nichts anderes denkt. Ob jetzt Leute, die sich eine „linke“ Gesinnung zuschreiben, diese von mir beschriebenen Umstände und Tendenzen ebenfalls erkannt haben, bleibt im wissenschaftlichen Kontext unerheblich, da es die Tatsachen nicht ändert.

Heinle: Wie viele subkulturelle Vereinigungen kritisiert auch die

Zeitgeist-Bewegung das Zinseszinssystem aufs Heftigste.

Könnt ihr erklären, wo der Zusammenhang zwischen dem

Zinseszins und dem Elend auf der Welt in euren Augen besteht?

Müller: Der Zins und mit ihm der Zinseszins, den Viele als das „Übel allen Bösen“ betrachten, legitimiert sich zwangsläufig, sobald ein neutrales Tauschmittel wie Geld als Medium des Austausches von Waren und Dienstleistungen in eine Gesellschaft eingeführt wird. Geld fungiert hierbei schlichtweg als Ware, die ebenfalls, den Kräften von Angebot und Nachfrage ausgesetzt, sogleich auf einem Geldmarkt gehandelt wird. Die Kritik der Zeitgeist-Bewegung bezieht sich also nicht bloß auf den Zins, sondern schlussendlich am gesamten Geldsystem, da sich seine Einzelfaktoren schwer trennen lassen.

Die Problematik des Geldsystems liegt im Wesentlichen in zwei Dingen. Das Erste ist das Mindestreserve-Bankwesen [8]: Die Banken drucken Geld aus dem Nichts, wohingegen wir dem jedoch eine legitime Form von Eigentum entgegenbringen müssen, um an dieses Geld zu kommen. Alles Geld wird somit aus Schulden erschaffen. Also ist Geld gleich Schuld, ob es nun durch Staatsanleihen, Bausparverträge oder Kreditkarten erschaffen wird. In anderen Worten: Wenn in diesem Moment alle ausstehenden Schulden zurückgezahlt würden, gäbe es keinen einzigen Euro mehr im Umlauf. Als Zweites kommen die Zinseszinsen. Wenn du dir Geld leihst, musst du mehr zurückzahlen, als du ausgeliehen hast. Somit wird erneuter Bedarf für das erneute Drucken von Geld geschaffen, da dieser Bedarf wiederum bedient werden muss.

Ich gebe ein Beispiel: Die Nationalbank druckt einen Euro und verleiht diesen. Nach einem Jahr sind 4% Zins fällig. Wie komme ich an die 4 Cent heran, welche die Bank nicht geschöpft hat? Nun, gar nicht. Damit bin ich also zahlungsunfähig, bis die Bank die 4 Cent druckt und diese an meinen Nachbarn verleiht, und ich sie bei ihm abarbeite. Danach hat mein Nachbar das Problem. Mit anderen Worten, es gibt immer einen Sklaven, der zahlungsunfähig ist. Die Folge dieser Praxis ist, dass zwei Dinge unvermeidlich sind: Inflation und Bankrott.

Und was die Inflation betrifft: Man kann sie als historischen Trend in nahezu jedem Land beobachten und ihre Ursachen sind leicht auszumachen, nämlich die kontinuierliche Zunahme der Geldmenge, die notwendig ist, um die Zinsen zahlen zu können und das System am Laufen zu halten.

Was den Bankrott angeht, dieser entsteht durch den Schuldenkollaps. Dieser Zusammenbruch tritt zwangsläufig dann ein, wenn eine Person, ein Unternehmen oder ein Staat seine Zinsen nicht länger zurückzahlen kann.

Aus marktwirtschaftlicher Sicht hat das Ganze jedoch auch eine gute Seite, denn Schulden erzeugen Druck. Schulden schaffen Lohnsklaven. Eine verschuldete Person ist eher bereit, geringe Löhne zu akzeptieren, als jemand, der keine Schulden hat; dadurch wird er zur billigen Ware. Für Konzerne ist es großartig, wenn sie über eine Vielzahl von Leuten mit geringen finanziellen Spielräumen verfügen. Diese Idee lässt sich auch auf ganze Länder ausweiten.