„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Facta Bruta (Naturgesetze)

Unlängst bin ich bei meinen Recherchen zum Aufsatz „ Naturkonstanten“ auf Naturgesetze und von dort aus auf einige interessante Zusammenhänge gestoßen. Beispielsweise auf die Fragen, warum sich die Dinge überhaupt so gesetzmäßig verhalten, woher die Ordnung in der Natur kommt und ob noch allgemeinere Prinzipien – eine Art von Metanaturgesetzen etwa - nötig oder existent sind, um diese Fragen zu beantworten?

Dumm sind diese Fragen keineswegs und deshalb werden sie von Physikern und Naturphilosophen auch kontrovers diskutiert. Aber sie werden dumm, wenn sie zum durch-die-Hintertür-einschleusen plumper, kreationistischer Ansätze missbraucht oder ihre Beantwortung von Esoterikern vereinnahmt werden. Supranaturalisten können nämlich (auch) keine vernünftigen Erklärungen für die Ordnung und Gesetzmäßigkeit der Natur darbieten. Warum das so ist, weshalb die Erklärungsansätze der Gottesgläubigen sogar viel schlechter und was „facta bruta“ sind, lesen sie jetzt:

Einer der bekanntesten, Kritiker des Naturalismus in der Gegenwart: Thomas Nagel
Einer der bekanntesten, Kritiker des Naturalismus in der Gegenwart: Thomas Nagel

1. Supranaturalistische Naturwissenschaftskritik

Häufig argumentieren Supranaturalisten und Wissenschaftskritiker ungefähr so:

Die Naturwissenschaft kann die Regel- und Gesetzmäßigkeiten in der Natur prinzipiell nicht erklären. Vielmehr sind Regelmäßigkeiten eine theoretisch-methodische und metaphysische Grundvoraussetzung, um überhaupt Naturwissenschaft betreiben zu können, weil es ohne Regelmäßigkeiten keine induktiven Schlüsse auf Gesetze und ohne Gesetze keine Theorien, die aber unerlässlich für die Naturwissenschaft sind, geben kann. Also kann Naturwissenschaft nur dort funktionieren, wo sich die Natur auch hochgeordnet und nach erkennbaren Mustern verhält. Letztendlich muss damit eine gewisse, empirische Gesetzmäßigkeit für das Betreiben von Naturwissenschaft stillschweigend vorausgesetzt werden, da nur unter dieser Bedingung Natur von den Naturwissenschaften systematisch erfasst und theoretisiert werden kann. Und was ein System voraussetzen muss, kann es nicht selbst erklären.“

2. Facta Bruta

Soweit, so gut. Es gibt in der Tat unüberwindbare Erklärungsgrenzen für die Naturwissenschaften, das bestreitet kaum einer. Ein Beispiel für so eine Grenze wäre das zufällige Aufeinandertreffen zweier Ereignisse, die auf voneinander unabhängigen Kausalketten beruhen. Hier kann nicht nur nicht geklärt werden, worin der Zusammenhang beider Phänomene besteht (weil keiner besteht), sondern auch nicht, ob nicht vielleicht doch ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen besteht. Denn empirische Wissenschaften nehmen immer nur Koinzidenten wahr, verzeichnen Korrelationen, aber nie Kausalitäten. Neurowissenschaftler beispielsweise registrieren allein, dass ein Proband etwas Bestimmtes wahrnimmt, wenn sie eine bestimmte Hirnregion stimulieren, nie aber sehen sie, dass er etwas Bestimmtes wahrnimmt, weil sie eine bestimmte Hirnregion stimulieren. Das liegt außerhalb ihres methodisch abgesteckten Erklärungshorizonts, die Frage ist nur, ob der der Supranaturalisten weiter reicht. Denn genau das legen sie mit ihrer Kritik nahe und ist äußerst fraglich.

Eine weitere Frage, die wissenschaftlich vermutlich nie geklärt werden wird, ist die warum überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts ist? Naturwissenschaftler können ihr mit einer schlüssigen Quantengravitationstheorie und immer genaueren Berechnungen unter Umständen näher kommen, die Erstursache selbst aber nie finden. Denn diese käme einer Letztbegründung allen (materiell-kausalen) Seins nahe, welche, wie Kanitschneider (1999) scharfsinnig bemerkt, es aufgrund der logischen Struktur einer Begründung bzw. Erklärung schon gar nicht geben kann:

"Diese berühmte und geheimnisvolle Frage, die schon Martin Heidegger aufgeworfen hat […] das ist sicher die letzte Frage der Kontingenz. Sie ist aber aufgrund der logischen Struktur einer Erklärung gar nicht lösbar – aber nicht, weil da ein letztes Mysterium dahintersteckt.

Eine Erklärung kann immer nur etwas mit etwas anderem verknüpfen, aber niemals etwas mit nichts.

Also gibt es auf diese Frage keine Antwort."

Ganz ähnlich verhält es sich (möglicherweise) auch mit der Frage, warum die Dinge in der Natur konstant miteinander verbundene Eigenschaften besitzen, die sich mithilfe von Naturgesetzen beschreiben lassen: Warum funktionieren Naturgegenstände gesetzmäßig? Antworten auf diese Frage beziehen sich auf die metaphysischen Vorbedingungen für naturwissenschaftliches Erklären und können somit nicht Gegenstand des Erklärens selbst sein. Oder anders gesagt: Naturwissenschaften können immer nur nach dem „Wie“ von Gesetzen fragen, nie aber weiter – nach dem „Warum“. Vielleicht gibt es ja gar keine Naturgesetze, sondern nur eine sehr lange, aber zufällige Aneinanderreihung zusammenhangsloser Naturereignisse? Ein Naturwissenschaftler zumindest wird dies nie ganz ausschließen können, dazu bedarf es dann (möglicherweise) nach Metagesetzen bzw. Metaphysik.

Aber auch sie werden – wenn überhaupt – „nur“ Metagesetze (und mit ihnen wieder „nur“ in einem infiniten Regress enden) und keine Letztbegründungen hervorbringen! Denn Letztbegründungen gehören zu den Tatsachen, die, wie Kanitschneider uns beigebracht hat, keine Erklärung zulassen, zu den sogenannten facta bruta. Ein Facta Bruta (oder englisch: brute fact) ist folglich etwas, dass grundsätzlich nicht erklärt werden kann.

Dass eine kausale Letztbegründung der Welt ein facta bruta darstellt, liegt an der logischen Struktur des Erklärens, damit ist die Frage nach ihr nicht vom Tisch, von Nichts kommt ja bekanntlich nichts, aber es zeigt sich, dass KEINER eine solche, letzte Begründung der Welt finden kann und dies nicht an Unzulänglichkeiten des Naturalismus liegt. Auch Supranaturalisten können Nichts mit nichts erklären. Somit läuft ihre Kritik am Naturalismus ins Leere (auch wenn die Schilderungen nicht verkehrt sind!), weil sie sich auch auf die Supranaturalisten selbst und alle anderen „Erklärungswilligen“ übertragen lässt und damit nicht als individueller Schwachpunkt des Naturalismus zu betrachten ist.

"Gott"

Ich sehe es schon vor mir, wie ein Gottesgläubiger diese Zeilen hier liest, sich gegen die Stirn schlägt und leise aufschreit, sein „Gott“ könne unser Erklärungsdefizit füllen. Damit verlagert er das Problem der letzten Erklärung aber nur nach hinten – woher kommt Gott? – und watscht eine metaphysisch hochinteressante Frage mit einer intellektuell recht unbefriedigende Hypothese ab: Einen mathematisch beschreibbaren und objektiv rekonstruierbaren Anfangszustand vorauszusetzen ist doch immer noch intellektuell befriedigender als das Selbe mit einem Gott zu machen, der sich nicht zeigt, von dem jeder ein anderes Bild hat und der von Vorne bis Hinten von logischen Widersprüchen durchesetzt ist.

Gleichwertigkeit der Systeme?

Von einer Patt-Situation zwischen Naturalismus und Supranaturalismus oder einer Gleichwertigkeit der Systeme kann somit nicht die Rede sein. Auch wenn oberflächlich betrachtet keine Seite weniger katastrophal an einer Letztbegründung ihrer Geltungs- und Erklärungsansprüche scheitert, als die andere („bei den Einen heißt es Gott, bei den Anderen Urknall“) und jede Erkenntnis in blinder Dogmatik zu gründen scheint.

Eine Patt-Situation kommt aufgrund des Argumentes der Begründungslast nicht in Frage. Wer nach diesem Argument etwas behauptet, muss es auch beweisen können – die Begründungslast liegt beim Behauptenden und nicht beim Skeptiker. Das leuchtet ein: Wenn z.B.: einer meint, Telepathie sei ein realer Sachverhalt, muss er dies auch zeigen können. Ich, der daran zweifelt, kann nicht das Gegenteil beweisen, da immer die reale Möglichkeit besteht, dass ich es nur falsch versucht habe und irgendwie anders Telepathie doch möglich sei. Oder wie Kanitschneider uns wieder lehrt: „Derjenige, der für die Existenz eines Seins-Bereichs plädiert, trägt die argumentative Stützungslast.“ Der Naturalismus setzt nur die Natur voraus, die uns empirisch zugänglich ist, der Supranaturalismus hingegen oktroyiert uns noch eine weitere Seinssphäre, etwas im weitesten Sinne Geistliches, das er erstmal beweisen muss und ohne das er all seinen Erklärungswert verliert!

Gegen die zweite These, weil man immer weiter „Warum?“-fragen, aber nicht auf ewig antworten kann, muss auch wissenschaftliche Erkenntnis schlussendlich in Dogmen gründen, spricht zumindest der Falsifikationismus an. Denn dieser hat die Idee einer Letztbegründung durch ein raffiniertes Verfahren ersetzt, das ohne Wahrheit und letzte Gründe auskommt. Angenommene Gründe sind demnach nichts weiter als Hypothesen, die sich kritischen Prüfungen stellen müssen. Hält eine Hypothese einer Prüfung stand, so hat sie sich für den getesteten Fall bewährt, stellt sie sich hingegen als falsch heraus, verwirft man sie. In beiden Fällen haben wir etwas über die Wirklichkeit hinzugelernt und so „irren wir uns empor“.

Nun lässt sich der Falsifikationismus auch auf ontologische Erkenntnisfragen anwenden und sich dabei bessere von schlechteren Ontologien trennen. Beim naturalistischen Anfangszustand hält es sich offenbar um eine gute Ontologie, denn die vorausgesetzten Strukturen beim Urknall lassen sich prinzipiell nachahmen und überprüfen und sie enthalten ein großes Erklärungspotential z.B. für die kosmologische Evolution.

Wie steht es um den Supranaturalismus? Übernatürliches kann per definitionem nicht überprüft werden, womit seine empirische Falsifikation von Vornerein ausgeschlossen ist. Gott kann es geben oder auch, es ist kein Szenario denkbar, das eines von beiden be- oder widerlegen könnte. Naturwissenschaftlich hat die Gott-These damit dieselbe ontologische Qualität wie ein lila Einhorn in irgendeinem Paralleluniversum: Who knows?

Ist die Gott-These dann wenigstens Erklärungsmächtig? Nur auf den ersten Blick. Schaut man mal genauer hin fällt auf, dass ein übernatürliches, allmächtiges Wesen zwar zur Erklärung von allem Erdenklichen herangezogen werden kann, dies sie aber gleichsam auch als gute Ontologie disqualifiziert. All-Erklärungen sind keine differenzierten, d.h. sie erklären nichts spezifisch. Gott könnte es uns auch erklären, wenn die Welt Kopf stünde, Raum und Zeit starr und die Welt gar nicht dar wäre. Kurzum: All-Erklärungen erklären alles, was sie gerade erklären sollen und das Gegenteil, was sie beliebig macht. Warum sollte die All-Erklärung Jahwe richtig sein und nicht die der Muslime oder die griechisch-antike Götterwelt?

Folglich ist auch der Verweis auf Gott, als Erklärung für scheinbar mystisches Wirken nicht besser als der auf Zauberei. Kann sein, kann aber auch nicht. Die Behauptung schließlich, Gott sei eine gute Ontologie zur Erklärung von Allanfang oder Naturgesetzen ist so, als würde man behaupten, ein mystischer Mechanismus gebäre auf irgendeine Weise Sterne, das Leben und überhaupt alles, was ist, sei intellektuell befriedigend. Sofern die obskurantistische Gott-These also nicht konkretisiert wird und mit ihr kühne Prophezeiungen getroffen wurden, ist sie nicht nur in Sachen empirischer Belegbarkeit, sondern auch erklärungstechnisch auf einem Level mit einem lila Einhorn, das die Welten lenkt. Maybe?

5. Fazit

Der zuvor skizzierte Ansatz einer supranaturalistischen Naturwissenschaftskritik scheitert an einem performativen Selbstwiderspruch: Er kritisiert einerseits das Erfordernis eines unerklärlichen Anfangs und weiterer Umstände innerhalb des Naturalismus, verweist aber andererseits auf den Supranaturalismus, auf den die Kritik noch einmal viel deutlicher zutrifft. Elemente von einer Theorie zu kritisieren und eine Alternative vorschlagen, bei der zugleich von eben jenen Elementen üppig Gebrauch gemacht wird, das geht nicht.

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Kommentare: 1
  • #1

    Köppnick (Donnerstag, 07 Mai 2015 18:15)

    Man muss sich für eine Diskussion über ein solches Thema wahrscheinlich zuerst einmal auf eine saubere Definition der verwendeten Begriffe verständigen. Schaut man sich die Wikipediaeinträge zum Naturalismus und zum Supranaturalismus an, dann versteht man auch sofort, warum. Wenn Supranaturalisten annnehmen, es gäbe Dinge in der Realität, die uns nicht durch unsere Sinne gegeben sind, dann begeben sie sich auf sehr dünnes Eis. Denn auch die Mathematik ist uns ja nur durch unsere Sinne zugänglich. Mit der Annahme von etwas Übernatürlichem läuft man schnurstracks in den logischen Widerspruch hinein, den der Dualismus hat. Wenn es einen Geist gibt, der nicht materiell ist, wie sollte dieser auf die materielle Welt wirken, von der wir ja annehmen, dass sie kausal geschlossen ist? Damit ist man mit der Widerlegung des Supranaturalismus eigentlich schon fertig.

    Mit dem Naturalismus ist es aber schwieriger. Die Aussage, dass alles durch die Naturwissenschaften erklärbar ist, ist deutlich schärfer gefasst als die Aussage, dass alles Natur ist und es nichts Übernatürliches gibt. Durch die (natur)wissenschaftliche Methodik des Falsifikationismus bzw. einer empirischen Prüfbarkeit grenzt man meiner Meinung nach nämlich den Bereich ein, der von den Naturwissenschaften erfassbar ist. (Mal ganz abgesehen davon, dass Mathematik uns zwar über unsere Sinne gegeben, aber nicht empirisch prüfbar ist.) Genau darauf zielt meiner Meinung nach der *Atheist* Thomas Nagel. Wenn er fragt, "wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?", hat er eben diesen Kern getroffen. Wie soll eine empirische Methode einem Menschen ermöglichen zu fühlen, was eine Fledermaus fühlt? Wir können nachweisen, dass eine Fledermaus aus Atomen besteht, wir können sie mit physikalischen, chemischen und biologischen Methoden vermessen, wir können ihre Gehirnströme aufzeichnen und Korrelationen zwischen diesen und ihrem Verhalten bestimmen. Wir können auch Korrelationen zwischen unseren und ihren Gehirnströmen herstellen und über die Korrelationen zwischen unseren Gehirnströmen und unseren Gefühlen eine Ahnung davon erhalten, wie sie sich gerade fühlt. Aber den strengen Kriterien des Falsifikationismus genügt das eher nicht.

    Wenn du schreibst, "Es gibt in der Tat unüberwindbare Erklärungsgrenzen für die Naturwissenschaften, das bestreitet kaum einer.", dann würde ich genau das behaupten - eine große Gruppe von beinharten Naturalisten wird diese Erkenntnisgrenzen bestreiten. Es ist eine nicht falsifizierbare Allaussage zu behaupten, "Alle natürlichen Vorgänge sind den Naturwissenschaften zugänglich.". Genauso ist die komplementäre Aussage, "Es gibt nicht mit den Methoden der Naturwissenschaften erklärbare Bestandteile der Natur.", nicht falsifizierbar. Hier stehen sich gewissermaßen zwei *atheistische* Glaubenssysteme gegenüber, und Thomas Nagel vertritt eben eine der beiden Positionen. Wenn man so will, dann kritisiert er den Naturalismus in seiner Ausprägung als Reduktionismus bzw. Physikalismus. Da bin ich ganz bei ihm, denn ich *glaube*, es gibt Naturphänomene, die im Sinne der Physik irreduzibel und emergent sind. Trotzdem sind sie rein natürlich, weil sie gesetzmäßig unter bestimmten Bedingungen in der Natur auftreten.


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