„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

helfen und Helfen helfen

Unter dem Eintrag „Liebe und Logik“ hat mich „Klingole“ zum Thema Abhängigkeit ausgefragt. Heute Morgen habe ich zu eben diesem Thema mit einer guten Freundin, P ich gerade in einer schweren Zeit beiseite zu stehen versuche, geschrieben. Der nachstehende Passus ist äußerst allgemein, deshalb darf die Öffentlichkeit auch daran teilhaben und deshalb kann vielleicht manch einer auch hilfreiche Rückschlüsse auf seine eigene, individuelle Situation aus dem hier ziehen:

Abhängigkeit entsteht, sobald Person A Person B etwas geben kann, was Person B sonst nicht oder längst nicht so leicht herbekommt, aber wonach die Person verlangt. Umso knapper das Gut, das Person A geben kann und umso stärker das Verlangen von Person B, desto größer die Abhängigkeit.

Dieses "Etwas" kann allerlei sein: Das Gefühl geliebt zu werden, ... aber auch so etwas unscheinbares wie Ratschläge.

Deshalb sollte man (aka ich!) bestenfalls nicht einer Person direkt helfen, sondern ihr vielmehr helfen sich selbst zu helfen. Das ist der Grund, weshalb ich nicht sage "das und das wäre das Richtige", sondern "das würde dir gut tun und dies spricht für jenes", so bleibt die Entscheidung und das Lernen bei der Person, sie wird in den Prozess mit einbezogen, lernt mit und kann sich (im Idealfall) das irgendwann einmal selbst helfen. Wenn ich früher Hilfsbedürftigen gesagt habe "das und das halte ich für richtig", haben sie mich immer mehr gefragt, was ich an ihrer statt tun würde – es entstand eine Abhängigkeit (schlimmer noch, eine einseitige A.). Das Gegenteil sollte das Ziel sein:

Das (/mein) Ziel sollte es also sein, Leuten aufzuhelfen und beizubringen auf eigenen Beinen, ohne Hilfe, zu stehen. Aber auch nicht fallen zu lassen, wenn sie es noch nicht selbst schaffen (Dann muss (bestf. zwischenzeitlich) „direkt“ geholfen werden). Und, Anmerkung an mich selbst: Während ich jemand anderes hochziehe sollte ich auch nicht selbst das Gleichgewicht verlieren und nachher selbst am Boden liegen. Damit ist niemandem geholfen.

Vielleicht hilft dir diese Metapher auch, um deine Standhaftigkeit in anderen Situationen zu beurteilen.

Diejenigen, die am meisten jemanden brauchen, der mit ihnen gehen würde, sollten trauriger – und paradoxerweise am ehesten lernen, sich selbst genug sein zu können. Und sei es für den Zweifelsfall, wie etwa den Tod der stützenden Person, den man leider Gottes nie ausschließen kann.

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