„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

falsches Dilemma

Haben Sie in letzter Zeit Informationsmedien konsumiert? Sie Arme(r). Warum tun Sie sich das noch an? Es bringt nichts Neues.

Bevor Sie eine Stunde auf eine Talkrunde ver(sc)wenden, können Sie sich auch einfach fünf Minuten Thema und Gäste ergooglen. Der Rest ist vorhersehbar. Es geht schon wieder um Einwanderungspolitik? Gleich zu Beginn des Abends wird man Ihnen zwei Blöcke vorstellen: Alle Leute von der SPD und aus den Parteien und Organisationen links davon werden dir erzählen, dass Zuwanderung gut ist, da ja überwiegend Akademiker zu uns kommen und hier unsere Sozialkassen füllen. Und der rechtskonservative Block erklärt Ihnen daraufhin das exakte Gegenteil. Dass Immigranten auf Kosten des Steuerzahlers hier leben und meist nicht studieren, dafür aber hochkriminell seien. „Zuwanderung ist gut für Deutschland“, „Nein, Zuwanderung ist schlecht für Deutschland“, das (Niveau) wirst du zu hören bekommen. So pauschal behaupten kann man freilich beides nicht, dass weiß jeder Demograph und jeder Politologe, aber das ist den Gästen der Runde egal. Sie verkaufen. Koordiniert wird die Belanglosigkeit von einem Moderator, der ab und zu scheinbar investigative Fragen einstreut, die in Wirklichkeit aber schon hunderte Male gestellt wurden, woraufhin der Befragte seine Phrasen aus dem Repertoire holt und ein weiteres Mal gebetsmühlenartig runterrattert.

Welchem Block soll man glauben? Als Laien haben wir keine Ahnung von der Thematik und auch nicht die Zeit, uns diese anzueignen. Aber auch wenn keine Ahnung, so haben doch zumindest die meisten von uns eine Meinung. Diese Meinung basiert nicht auf ein Studium der Faktenlage, dafür fehlt uns ja wirklich die Zeit, denn auf ein Bauchgefühl darüber, was die Wahrheit sein könnte. Bei der Talkshow glauben wir dann nur noch denen, die unsere eigene Position vertreten und alle anderen sind Lügner, Verdreher, schlecht informiert oder werden gar nicht einmal mehr bewusst wahrgenommen. Bestätitgungstendenz nennt der Psychologe diese selektierende Form der Wahrnehmung. Wer sich nicht mehr die Mühe machen möchte zwischen den sein Weltbild bestätigenden Reden wegzuhören, kann eine einschlägige Informationsquelle wählen, die dann nur noch seine eine eigene Meinung – nicht Ahnung! - propagiert. Alles andere wäre aber auch kompliziert.

Linke beleuchten Rechtsgewalt und Konservative sehen nur Ausländergewalt. Wofür jetzt gerade Talkshows und Immigrationspolitik herhalten mussten, gilt ausnahmslos für alle in der Gesellschaft angekommenen Themen und für nahezu alle Informationsmedien. Eine Seite weist darauf hin, dass zuerst die Hamas Israel attackiert haben und die andere kontert, dass Israels Vergeltungsschlag nicht verhältnismäßig war und auch nicht nur gegen die Radikalen ging, woraufhin Seite 1 erwidert, dass man sich auf palästinensischer Seite bewusst als Opfer inszenieren und so der Weltgemeinschaft präsentieren wollte usw. Der Westen sieht nur prorussische Milizen und RT beharrt auf Bad-Poroschenko, der sein eigenes Volk bombadiert. Westen fand in al-Qaida und Russland in Assad die gute Seite im Syrienkonflikt. Die einen zeigen dies, die anderen das. Blablablabla. Aber, blablablabla..

2. falsches Dilemma

Wir haben bisher populistische, polarisierende und einseitige Informationsvermittler kennengelernt. So müssen sie vielleicht auch manchmal sein. Polarisierend, um in einer hitzigen Debatte seinen Standpunkt klarzumachen. Populistisch, wenn man als Partei erfolgreich sein möchte und einseitig, weil man in einem Artikel Stellung bezieht und kein Normalbürger eine 1.000 Seiten lange, politologische Abhandlung lesen würde.

Das ist aber noch nicht alles. Oft stellen die Vermittler die anderen Diskutanten oder den passiven Konsument vor ein falsches Dilemma. Fallen Sie darauf nicht herein!  Falsche Dilemmata suggerieren, es gäbe nur zwei Handlungsoptionen und verschweigen dabei jede weitere Alternative. Einseitige Plädoyers sind – ja, einseitig halt, aber wer bewusst ein falsches Dilemma aufstellt, lügt.

Le Pen wurde in einem Interview mit Euronews nach ihrem Standpunkt zur Ukrainekrise gefragt. Sinngemäß sagte Sie: „Ich misstraue den Staaten und alles, was sie sagen schon einmal grundsätzlich.“ Daraufhin der Interviewer: „Ah, also glauben Sie der russischen Version?“ Abgesehen der Person und dem Inhalt wird hier formell ein Dilemma konstruiert, dass es einfach nicht gibt. Ich bin wohl der Letzte, der in Verdacht steht, mit Le Pen zu sympathisieren, jedoch -Mossadegh. Irak. NSA. – es gibt gute Gründe den USA nicht immer alles zu glauben. Den USA zu misstrauen, heißt aber nicht Russland zu vertrauen. Das sind absolut zwei paar Stiefel! Keineswegs geht aus dem Misstrauen gegenüber einer Seite logisch hervor, dass man der anderen Seite sein Glauben schenken muss. Le Pen könnte ja auch eine ganz eigene Meinung entwickelt haben und beiden Seiten kritisch gegenüberstehen.

Meine Antwort wäre gewesen: ,,Sie bedienen sich der im seriösen Journalismus eigentlich unzulässigen Suggestivfrage bzw. kreieren obendrein ein falsches Dilemma. Wenn ich keine Wurst esse, muss ich dann Käse essen? Nein. Ich kann auch Marmelade auf mein Brot tun oder gar nichts. Und genauso ist es falsch, dass wenn Europa nicht der verlängerte Arm Washingtons sein will, er dem Kreml gefügig werden muss. In der Ukraine ist es meiner Meinung nach genau das Gleiche, wie bspw. in Syrien. Zwei Machtblöcke lassen aus Eigeninteresse gegeneinander kämpfen - direkt oder stellvertretend - und die Zivilbevölkerung leidet.

Das Politikergeschwätz vom Anfang hat vieles mit einem falschen Dilemma gemein. Wenn Israel und Gewalt von Rechts kritisiert wird, kommt vom Gegenblock fast immer „Aber Palästinenser machen dies und das. Aber Ausländer machen begehen auch viele Gewaltverbrechen.“ Was ist denn das bitteschön für ein Argument? Eines auf Kindergartenniveau. „Aber er ist noch viel böser als ich!“ Eine Untat wiegt eine Untat nicht auf. Diese Art zu diskutieren, immer den Spreißel im Auge des anderen zu suchen, suggeriert aber genau das. „Klar gibt es gewalttätige Rechte, aber es gibt ja auch gewalttätige Muslime.“ Ohne diese „was-du-verteidigst-ist-aber-noch-viel-schlimmer“-Einstellung würden die Blöcke bemerken, dass sie sich im Groben und Ganzen doch eins sind: Eigentlich sollte man alles kritisieren dürfen und auch gegen alles vorgehen, was so deutlich gegen unsere Werte und unsere Verfassung verstößt. Die Differenzen liegen nur in der individuellen Gewichtung der Probleme und Dringlichkeiten. Anstatt sich also weiterhin auf das eigene Feindbild zu fokussieren, könnte man, nur mal so als Idee, flächendeckend Lösungsansätze in Talkshows diskutieren.

Lösungen diskutieren, statt Feindbilder. Wie hört sich das an?

Verweise

  • Politik: Natürlich gibt es auch „richtige Dilemmata“ in der Politik. Es lässt sich nicht arrangieren, selbst militärisch in einen Bürgerkrieg, ohne auch in die Souveränität des Landes einzugreifen. Man kann nicht alle Vorteile des Euros behalten und alle Nachteile umgehen usw. Für gewöhnlich ist die Welt aber vielfältiger und komplizierter und es gibt tatsächlich mehr als nur zwei Optionen.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 24 August 2016 14:09)

    Kritische Frage:

    Wenn man Gläubige oder ihre Theologen fragt, ist alles ganz einfach:

    ENTWEDER, hinter dem Universum steckt Planung und Absicht durch ein außerkosmisches Alien, dass das Universum aus dem Nichts erschuf, ODER aber alles beruht auf Zufall und kommt aus dem Nichts. Wir wissen, dass dies eine "falsche Dichotomie" ist und es alternative Möglichkeiten gibt.

    Aber angenommen, das Universum beruht wirklich auf absichtsvoller Planung, dann lautet die Frage:

    Woher kommt dieser Plan?

    Es gibt zwei Möglichkeiten, das zu beantworten:

    (1) Gott schuf diesen Plan durch Nachdenken und Überlegungen, basierend auf seinem vorhandenen Wissen über seine Möglichkeiten. Das setzt voraus, dass Gott nicht allwissend sein kann, er muss sich etwas ausdenken, planen, was er vorher nicht wusste.

    (2) Gott ist allwissend, was bedeutet, dass er den Plan "immer schon kannte". Er hat sich folglich den Plan nicht ausgedacht, sondern dieser war stets Teil seines Wissens.

    Im zweiten Fall stellt sich genau die Frage:

    Woher kommt dieser Plan, den er "immer schon" kannte? Niemand hat ihn sich ausgedacht, niemand hat geplant, was ist also der Ursprung des ganzen Wissens? Wer garantiert, dass der Plan funktioniert?

    Konnte Gott anders handeln als ihm dieser Plan vorschrieb, der nicht von ihm selbst stammt? Falls ja, war der Plan wohl nicht perfekt, und Gott ist nicht allwissend. Falls nein, ist Gott nicht allmächtig, sondern eine Marionette von Plänen, die nicht von ihm stammen, die sein Handeln vorschreiben, und gegen die er nichts machen kann.

    -------

    Es läuft darauf hinaus, dass es niemanden gibt, der diesen Plan erschaffen hat. Wenn also gesagt wird, das Universum beruhe auf "Planung", so ist das falsch. Das Universum wurde von keinem Wesen geplant, auch nicht von Gott.

    Daher: Ein Gott, der allwissend ist UND Planer des Universums (oder unseres Lebens) kann nicht existieren.

    Falls also wieder jemand mit der Ansicht "Planung oder Zufall" kommt, stellt ihm diese Frage: Woher kommt der Plan? Zufall würde bedeuten, dass sich niemand einen Plan ausgedacht hat. Ein allwissender Gott bedeutet exakt dasselbe: Niemand hat sich diesen Plan ausgedacht. Es handelt sich nicht um zwei verschiedene, sondern exakt identische Alternativen. Nur ist in dem einen Fall ein absolut überflüssiger "Mittler" und Ausführender des Plans vonnöten. Und wenn man "niemand hat das Universum geplant" für lächerlich hält - mit Gott ist es ebenso lächerlich, eigentlich sogar noch mehr.


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