„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Montagsdemos

Schon lange geplant und nun endlich niedergeschrieben. Einige Anmerkungen zu den montäglichen Mahnwachen für den Frieden - und zu ihren Kritikern:

1. nuancierter

Den Montagsmahnwachen wird oft vorgeworfen, sie hätten eine vereinfachte Sicht auf die Dinge. Gleichzeitig verweigern sich ihre Kritiker selbst, sich ein umfangreicheres Bild von der Kundgebung zu machen. Damit machen diese Kritiker genau das, was sie bei den Mahnwachen eigentlich ja bemängeln. Infolge sehen beide Seiten sich selbst, pathetisch ausgedrückt, als die Erretter vor dem Bösen und die Anderen als undifferenzierte Querulanten. Das ist einfach: Wenn man ein gefestigtes, schwarz-weißes Weltbild hat, muss man selbst nicht mehr weiter nachdenken und abwägen. Zu einfach, denn so driften beide Seiten nur noch mehr auseinander und es kommt nie zu Verständnis und Annäherung. Also wollen wir es besser machen.

2. allgemein

Die Gründer der allwöchentlichen Veranstaltung sehen sich in der Tradition der Montagsdemonstrationen 89/90 gegen das politische System der DDR, daher Montagsdemos 2.0. Als Begründer der MfdF gilt Lars Märholz. Am Samstag, den 19.07 fand zum ersten Mal eine zentrale Demonstration in Berlin statt, üblich sind dezentrale Versammlungen in verschiedenen deutschen Großstädten. Im Gegensatz zu anderen Protestbewegungen laufen die Demonstranten hier nicht durch die Straßen, sondern versammeln sich meist um eine Bühne. Nach dem Open-Mic-Prinzip sprechen dann ganz unorganisiert bekannte und weniger bekannte Menschen zu verschiedenen Themen.

3. sozialstrukturelle Zusammensetzung

Ähnlich wie bei der Occupy-Bewegung sind sich auch die Leute auf den Mahnwachen sehr verschieden. Hartz-4 Bezieher und Banker gehen hier nebeneinander auf die Straße. Und um es deutlich zu sagen: Ja, auch Rechts- und Linksextremisten sind mit von der Partie. Es lässt sich also überhaupt nicht sagen, die Mahnwachen seien eine Bewegung des Präkariats, aus der intellektuellen Oberschicht oder sonst woher. Ob diese Ambivalenz als Stärke oder Widerspruch wahrgenommen wird, bleibt jetzt jedem selbst überlassen.

4. Themen

Aber was eint diese Leute, wenn sie doch aus höchst unterschiedlichen Milieus entstammen? Vordergründig ist es das Friedensthema und irgendwie noch eine Kritik am Geldsystem und an den etablierten Medien. Einen größeren gemeinsamen Nenner findet man nicht und präziser werden die Ansprachen auf den Montagswahn deswegen auch nicht. Man bedient sich gewissermaßen des Erfolgsgeheimnisses Hollywoods, bei denen die Filme meistens eine Botschaft wie „kämpft für das Gute“, oder „Liebe ist was Tolles“ vermitteln. Hollywood sucht den kleinsten gemeinsamen Nenner und spricht so auch alle irgendwie an.

Bei den Montagsdemos ist es nun halt Frieden und die Übermacht der Banken. Da stimmen alle Unzufriedenen und Angsthabenden, auch wenn sie im Detail und in den Lösungsansätzen diametral auseinandergehen, mit überein. Das schlechte Gefühl, dass viel Ungerechtes auf der Erde passiert und „die da oben“ zu mächtig und korrupt sind, kennen wir doch alle, oder? Und so ist es auch bei den Montagsdemonstranten. Völlig egal, ob es ein konservativer Büger, ein esoterischer Idealist, ein gestandener Rechter oder ein Akademischer, der sich eher links situieren würde (die meisten Montagsdemonstranten finden sich ja überhaupt nicht im politischen Spektrum wieder und lehnen selbiges auch ab), das eint alle. Eine bessere Welt und „die bösen Mächtigen“ geht einfach immer. Seit Jahrtausenden.

Und nein, damit werde ich nicht selbst undifferenziert. Mehr lässt sich über die Gemeinsamkeiten aller Teilnehmer einfach nicht sagen. Sehr viele (aber eben nicht bei allen) hegen Verständnis oder Sympathie für Russland und dessen Agitation im Ukrainekonflikt. Damit einher geht bei diesen Menschen dann meist auch noch eine Kritik an der NATO, insbesondere an den USA. Viele bei den Mahnwachen denken so, aber eben nicht alle.

5. antisemitisch

Sehr häufig werden die Montagsdemos des Antisemitismus bezichtigt. Was ist dran an diesem Vorwurf? Zunächst einmal ist das jetzt ein sehr heikles Thema. Zumal unserer Vergangenheit. Trotzdem – nein, gerade deswegen halte ich diese Vorwürfe in ihrer undifferenzierten Totalität für unhaltbar und sogar gefährlich.

Unhaltbar, weil einfach nicht alle Leute, die auf Montagsdemos gehen, Antisemiten sind. Judenfeindlichkeit ist kein „gemeinsamer Nenner“. Vielen engagierten Bürgern tut der Pauschalvorwurf des Antisemitismus großes Unrecht. Wenn schreibende Leute nicht wollen, dass ihre Leser zu den Montagsdemos kommen, sollten sie mit Argumenten - und vor allem Gegenargumenten gegen tatsächlich verkürzte Weltsicht auf den Montagsdemos – aufwarten. Nicht aber mit dem Antisemitenstempel.

Gefährlich, weil der Begriff „Antisemitismus“ durch seine sträflich inflationäre Nutzung seiner Wirkung beraubt und somit indirekt relativiert wird. Wir sehen das in aller Deutlichkeit beim Nahostkonflikt: Hier werden Kritiker der israelischen Besatzungspolitik nicht selten auch gleich Antisemiten geschimpft. Aber das Kritisieren politischer Agitation und der dumme Hass auf ein ganzes Volk sind wirklich zweierlei Stiefel. Nun wirft man sie aber in einem Topf, und was passiert? Millionenfach, zumindest gefühlt, liest man im Internet: „Jetzt ist jeder, der Israel kritisiert, schon Antisemit.“ Diese Leute, die sowas schreiben, haben das Gefühl, dass nichts Unmoralisches dazugehört, um als Antisemit bezeichnet zu werden. Es hat für sie, infolge, keine abschreckende Wirkung mehr, wenn die Presse eine Bewegung oder eine Ideologie als antisemitisch bezeichnet. Das sollte es aber.

6. die große Frage

Wie Pegida, Occupy und andere Protestbewegungen proklamieren auch die Montagswachen für sich: „Wir sind das Volk“. Das ist falsch. Vielleicht sprechen diese Bewegungen aus, was viele Deutsche denken. Tatsache ist aber auch, dass sich ein Großteil der Deutschen nicht zugehörig zu diesen Bewegungen fühlt. Damit sind sie nicht „das Volk“, - auch wenn es einem und den Teilnehmern vor allem manchmal so vorkommt. Das liegt dann daran, dass Unzufriedene lauter schreien.

Das sind aber nicht die entscheidenden Fragen. Die eigentliche Frage, die sich alle, Demonstranten und Außenstehende, stellen sollten, ist: Inwiefern liegt es an der Politik und inwieweit an den Leuten selbst, dass sie keine politische Heimat finden? Und was können beide Parteien dagegen tun?

7. Ende

So, wie es jetzt abläuft, sagt die Presse, die Demonstranten seien doof und wissen nicht, was wirklich Sache ist und die Demonstranten, die Presse sei doof und wisse nicht, was Sache ist. Beide wägen sich auf der guten Seite und Experte ist immer nur der, der auch den eigenen Standpunkt vertritt. Alle anderen sind selbst unakzeptabel oder werden instrumentalisiert. So verhärten sich die Fronten. Wie wäre es mit einem Gegenentwurf: Ein offener Diskurs der einzelnen Köpfe und Standpunkte? DAS würde ich mir im Fernsehen anschauen.

Eines kann ich beiden Seiten versichern: Die Gegenseite ist nicht böse oder nur dumm und ohne gute Argumente. Von einem Austausch würdet auch Ihr profitieren. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo zwischen denen, die sie meinen gepachtet zu haben.

So, jetzt habe ich die Montagsdemonstrationen mehrmals in Schutz genommen. Dann kann ich mir auch noch ein bissiges Bild erlauben. Mich hat es zum Lachen gebracht:

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