„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Romreise

Im letzten Blogeintrag habe ich mich dafür entschuldigt, dass ich einen Blogeintrag mit dem Handy während einer Zugfahrt abgetippt habe. Was soll ich sagen, ich bin Wiederholungstäter und dass Jimdo nun eine extra Handyapp herausgebracht hat, verleitet nun mal zu solchen Taten. Ganz so verwirrt wie mein letzter Versuch dürfte dieser aber nicht geworden sein.

Ich mag meine Abiturjahrgangsstufe nicht. Würde ich diesen Satz von jemand anderem lesen, meine erste assoziative Vermutung wäre: Der Urheber dieses Satzes mag seine Mitschüler nicht. Oder die Mitschüler mögen ihn nicht und deswegen mag er auch seine Mitschüler nicht. Aber beides wäre in meinem Fall zu kurz gedacht.

Das Gegenteil ist zunächst einmal der Fall: Ich bin, insofern ich das natürlich überhaupt abschätzen kann, der einzige, der sich mit allen aus der Stufe versteht. Ich habe also gegen Niemanden etwas und auch andersherum bin ich der Feind von keinem meiner Mitschüler/-innen. Überhaupt war ich eigentlich schon immer jemand, der mit allen, mit den Schüchternen und Vorlauten, mit den Feiernden und Strebsamen, etwas anzufangen vermochte. Ich mag Menschen. Und es gibt nur einen Menschen, auf den ich je einmal wirklichen Hass empfunden habe. Señora Sarin, dem Kopf von AFS-Panama, schaffte ich es leider nicht mindestens neutral zu begegnen. Mein Auslandsaufenhalt über AFS in Panama, den ich aufgrund des niedrigen Bildungsniveaus vor Ort nicht als deutsches Schuljahr habe anrechnen lassen können, ist auch der Grund dafür, dass ich für meine letzten beiden Schuljahre in dieser Stufe gelandet bin.

Warum, mögen mich jetzt viele fragen, mag ich meine Stufe nicht, wenn ich doch der einzige bin, der sich mit allen Mitschülern, aus denen sich die Stufe schließlich ja zusammensetzt, verstehe? Der springende Punkt liegt schon in der Frage versteckt: Ich bin hier drin der einzige, der keine Aversionen gegenüber jemanden anderes hat. Im Umkehrschluss bedeutet das doch, dass die Stufe zerfressen ist von Missgunst und Misstrauen. Ohja, das ist sie. Und ist das nicht ein Grund zu hassen, was die Stufler als Ganzes darstellen (viele Leute verletzen sich unnötigerweise gegenseitig), obwohl man gegen keinen einzelnen von ihnen etwas hat?

Mit vielen meiner Mitschüler/-innen habe ich engeren Kontakt aufgebaut und deshalb auch viele persönliche Gespräche gehabt. Allein diesen auf unendlich trauriger Weise bezeichnenden Satz habe ich, ungelogen, sinngemäß 15 Mal, wenn ich länger darüber nachdenke wahrscheinlich sogar noch öfter gesagt bekommen: „Wenn ich mich jemanden vollständig anvertrauen könnte, wärst du einer der Ersten. Aber ich kann es einfach nicht, prinzipiell, das liegt nicht an dir.“ Dieses ausnahmslose Misstrauen kommt nicht von ungefähr.

Ein stellvertretendes Beispiel dafür, wie so etwas überhaupt passieren konnte, ist dieses: Mit mir haben Hellen und Janita (beides Pseudonyme) den Leistungskurs Gemeinschaftskunde gewählt. Vorne rum sind beide super miteinander, copy & posten sich die üblichen „bestfriendforeverandlongerandliveandüberhaupt“ auf die Pinnwand et cetera pp. Als Janita dann einmal krank war und deshalb nicht zum Unterricht erschien, riss Hellen Dickenwitze, Janita ist recht korpulent, über Janita. Und als ich mit Janita in einen Club ging, brachte Sie Sprüche wie: „Der war flach, genauso wie Hellen“, über die Lippen / ihre angeblich so gute Freundin, die kleine Brüste hat.

Der nach außen getragene Schein wurde wichtiger als das Sein. Es ist wichtiger geworden, was andere über einen denken, als wie es einem wirklich geht. Man lebt lieber mit dem Problem, als sich vor anderen als Mensch mit Problemen zu entblößen. Glücklich geht andersherum: Langfristig ein paar gute Freundschaften aufbauen, nicht mit einem blöden Spruch überall schnell gut ankommen wollen. Freundschaften, von denen niemand weiß, was die zwei Personen aneinander haben, die aber auch wahrhaftig sind, anstatt sowas.

Insgeheim weiß jeder, dass er nicht auf die Loyalität der anderen setzen kann und so kommt kein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Abiturienten auf. Es befinden sich alle im Einzelkämpfermodus. Ein einsamer Modus, der durch Vertrauensbrüche auf der einen und falschem Stolz auf der anderen Seite aufrechterhalten wird.

Wie also war die gemeinsame Studienfahrt nach Rom? Gar nicht einmal schlecht, blieb aber, was auch mein Fazit zur Stufe als Ganzes darstellt, deutlich unter ihrem Potential.

Wenn man die einzelnen Personen nämlich einmal kennenlernt, können sie sehr lieb sein und müssen in Summe folglich auch nicht dieses antisoziale Gesamtbild ergeben. Dass es zu mehr nicht reicht, liegt eher an fehlender Reife und dem Verlangen „cool bzw. beliebt zu sein“, als an wirklicher Boshaftigkeit. Und so kann ich in Italiens Hauptstadt mit niemanden etwas machen, ohne dass dieser jemand nicht der Feind von jemand anderes ist, der sich nun verraten vorkommt.

Und natürlich wird alles gemacht, damit man nachher die krasseste Studienfahrt hatte (Schein) und nicht, wonach einem wirklich ist (Sein). Mein Abitur ist nun ein dreiviertel Jahr her, mein Resümee lautet also: Verändere, was du kannst (einigen konnte ich sicherlich einiges weiterhelfen und dafür bin ich dankbar) und erkenne, dass es nie das große Ganze sein kann. Begnüge dich mit dem, was du nicht ändern kannst, denn alles andere macht Probleme, ohne dass es dich weiterbringt. Und mit dem Fokus auf den Schein, die Kulisse, war Rom: War die Stufe großartig.

Vatikan
Vatikan

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Kommentare: 2
  • #2

    sapereaudepls (Dienstag, 16 Dezember 2014 17:37)

    Es ist, je nach Person,
    - ein nicht können (Apathie, Überforderung),
    - ein nicht wollen (der einzige Grund, der sich moralisch anprangern lässt),
    - aber auch oft ein nicht "sehen". (Die Menschen sind mit dieser Art von Miteinander aufgewachsen, halten es deshalb für normal und kommen leider erst gar nicht auf die bloße Idee, dass es auch anders sein könnte.)

  • #1

    Köppnick (Montag, 15 Dezember 2014 14:56)

    Was du bezüglich deiner Freunde, Bekannten, Mitschüler, Verwandten bemerkt hast, ist Teil deiner Metakognition. Ich habe im Verlauf vieler Jahre gelernt, dass es zwei Typen von Menschen gibt. Die erste Gruppe ist in der Lage, sich (und andere) aus einer Art Vogelperspektive zu betrachten: Wie wirke ich auf andere (bzw. wie wirkt jemand auf mich oder auf andere)? Menschen, die diese Art der Beobachtung gut beherrschen, sind gut in der Lage, ihr eigenes Verhalten an die Situation und ihr Gegenüber anzupassen, sie können auch von anderen lernen und sie können die Intentionen von anderen erkennen und respektieren. Meistens sind diese Menschen auch problem- und lösungsorientiert. Wenn es eine Schwierigkeit gibt, denken sie nicht "wer ist daran schuld?", sondern, "wie kann man das Problem lösen?".

    Die Menschen der anderen Gruppe denken nicht über ihr eigenes Verhalten und das von anderen nach, sie reagieren einfach nur auf Situationen, können sich dann prügeln oder herumbrüllen, ohne darauf zu achten, wie das bei anderen ankommt und ob es ihnen überhaupt bei der Realisierung ihrer Ziele hilft. Oder, wie in deinem Fall, ziehen in Abwesenheit einiger Personen über andere her. Da dabei aber wiederum andere Menschen anwesend sind, schaden sie sich selbst, denn diese anderen wissen ja, dass sie wiederum in ihrer eigenen Abwesenheit selbst zur Zielscheibe werden können.

    Es gibt eine Vielzahl psychologischer Verfahren und Übungen, um Menschen die Verhaltensweisen anzutrainieren, die den ersten Typ ausmachen. NLP ist so eine Technik, aber bei den meisten wirkt sie sehr aufgesetzt und die anderen fühlen sich dann irgendwie manipuliert und unwohl. Sich eine reife Form der Empathie anzutrainieren, funktioniert nur zum Teil und wirkt dann häufig sehr aufgesetzt. Vieles ist angeboren oder in der frühen Kindheit erlernt.


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