„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der Wert der Gefühle

Den letzten Blogeintrag zum Thema habe ich mit dem Handy eingetippt und der wurde leider auch dementsprechend konfus. Ich habe darin aufzuzeigen wollen, was meiner Meinung nach mehr und was weniger einer guten Beziehung dienlich ist. Außerdem habe ich darin avisiert, einen weiteren Blogeintrag über den Wunsch „nie mehr Gefühle zu empfinden“ zu veröffentlichen. Et voilà:

1. Ein sehr sachliches Argument

Ich habe es schon anklingen lassen, dass kaum einer von uns sich wirklich wünschen sollte nie wieder zu fühlen. Warum denke ich das? Zunächst einmal ein sehr sachliches Argument: Emotionen können eine Hilfe bei intersozialem oder selbstreferentiellem Verhalten sein, die man sonst nirgendwo herbekommt. Sie bewerten Situationen, regulieren, motivieren und koordinieren die eigene Erwiderung dementsprechend. Das ist nicht nur außerordentlich hilfreich, sondern entkräftet auch die Auffassung vieler, Emotionen seien nur störende Faktoren, die einem guten rationalen Abwägen im Wege stehen. Sie sind viel mehr und übernehmen viele wichtige Aufgaben, zu deren Bewältigung die Rationalität prinzipiell oder aus kapazitiven Gründen nicht in der Lage ist. Nicht von ungefähr tuen sich Autisten in Alltäglichem oft wahnsinnig schwer damit richtig zu handeln. Weiteres hierzu im übernächsten Abschnitt.

2. Mr. Spock

Aber gut, missachten wir für einen Moment einmal die sozialen Befähigungen, die mit den Gefühlen wegbrechen würden plus die mögliche praktische Unzulänglichkeit, Bewusstsein überhaupt von Gefühl zu trennen, und schauen uns die subjektiven Konsequenzen eines emotionslosen Daseins an. Also:

  • (P1) Wenn ein Leben ohne Emotionen möglich ist
  • (P2) Und wenn ein solches Leben ohne den Verlust potentieller sozialer Kompetenzen einhergeht, dafür aber ein Maximum an zielführenderem („rationalem“) Handeln ermöglicht.

Dann: Kann ein Mensch eine perfekte Schachpartie spielen, aber warum sollte er?Er empfände kein Antrieb zu gewinnen, da er sich vom Sieg keine Freude, kein Überlegenheitsgefühl etc. (positive Motivation) und von der Niederlage keinen Frust, keine Schmach etc. (negative Motivation) erwarten würde. Folglich hätte er auch kein Motiv, eine perfekte Schachpartie zu spielen. Wenn der Gegner unlautere Züge spielen will, würde dieses Schachass das natürlich sofort bemerken. Aber warum sollte er etwas dagegen tun? Was sollte denn bitteschön rational daran sein, gewinnen zu wollen oder einen Sinn für Gerechtigkeit zu haben? Nichts. Mit den Empfindungen wäre es alles weg.

·         Sein-Sollen-Fehlschluss: Aus dem können folgt kein Grund auch zu machen.

Ein solcher Mensch könnte die perfekte Beziehung führen und die steilste Karriere machen, aber warum sollte er? Aus Eigeninteresse? Warum sollte er? Warum sollte dieser Mensch, der Mr. Spock aus der Serie Star Treck sehr ähnlich käme, noch irgendetwas tun? „Weil er´s kann“, zählt nicht, denn aus dem bloßen Umstand heraus, dass jemand etwas prinzipiell potentiell könnte, folgt noch kein objektiv-rationaler und auch kein subjektiv-empfundener Grund es auch zu tun. Bringen wir es auf den Punkt: Es gibt schlichtweg keinen rationalen Grund, warum ein rein rationaler Mensch überhaupt handeln sollte.

Ohne Hoffnung und Enttäuschung, Ohne Liebe und Kummer, ohne Herz und Schmerz hätte letztlich nichts in der Welt mehr eine Bedeutung. Keine Person, keine Musik, keine Berührung und kein Ereignis hätten noch irgendeinen Wert an sich. Wir würden aufhören zu erleben und nur noch registrieren. Und nun möchte ich die im letzten Eintrag erwähnten Menschen ansprechen, die sich (etwa nach einer gescheiterten Liebesbeziehung) wünschen, nie mehr zu lieben: Wollt ihr das wirklich?

Selbst die eigene Identität wäre, rational betrachtet, nur noch eine simple Aneinanderreihung von Momenten, das innerhalb eines kleinen Raumbereiches für einen kurzen Zeitabschnitt existiert und dann wieder vergeht. Vollkommen belanglos. Das Ich nicht mehr als ein neuronales Konstrukt aus farblosen Erinnerungen, aktuellen Wahrnehmungen und nüchternen Berechnungen. Man würde von alldem, von sich selbst und der Außenwelt, irgendwie wissen, es wäre einem jedoch alles absolut gleichgültig.

Das alles ist, wenn wir in unserem Inneren nur wären, was wir denken. So sehr uns die inneren Regungen und Empfindungen also manchmal auch verletzen können und im Wege zu stehen scheinen, ganz ohne geht es nicht:

Ganz ohne Gefühle geht es nicht. Denn denken wir das Spocky-Szenario einmal konsequent zu Ende: Warum sollte Spocky seine Grundbedürfnisse befriedigen wollen? Schlafen, weil wachbleiben unangenehm ist? Essen, weil man Hunger hat? Atmen, weil man sonst stirbt? All diese Argumente laufen auf den Erhalt oder die Vermehrung des Wohlbefindens, für das es keinerlei rationale Gründe gibt (was macht es für einen Unterschied, ob ich heute oder in 30 Jahren sterbe?) oder auf den Wunsch zu (über-)leben hinaus. Doch wie rational ist der Überlebensdrang?

3. Das Hohelied des Irrationalen

Allein schon der Wunsch zu überleben oder die eigene Art aufrecht zu erhalten, ist irrational. Denn wenn man unsere Situation im Universum einmal kühlrational betrachtet, ist es vollkommen egal, ob irgendwann irgendetwas existiert oder nicht. Uns Menschen gibt es, weil wir leben wollen, uns das bislang recht gut hinbekommen haben (danke Homo neanderthalensis, dass es mich gibt!) und auch nichts Größeres (z.B. ein Impakt)dazwischengekommen ist. Das sind aber alles keine Gründe dafür anzunehmen, dass wir leben müssen, sollten oder es irgendwie besser wäre, wenn unsere Art weiter besteht. Der Überlebensdrang war ein evolutionärer Vorteil, keine Frage. Seine „selektive Etablierung“ im „struggle for life“ ist rational erklärbar, ihm folgen zu wollen hat dahingegen rein gar nichts mit Vernunft zu tun.

Fazit: Es gibt kein Leben ohne Irrationalität. Denn Leben bedarf gewisser hinreichender Handlungen, die selbst aber nicht rational begründet werden können. Und selbst wenn man die elementaren, irrationalen Grundbedürfnisse einmal ausklammert, würde einen „Jungen ohne Herz“ nichts mehr von einer KI-Maschine unterscheiden. Er würde nur noch bewusst Informationen verarbeiten, ohne dabei irgendetwas zu empfinden. Wir sind aber mehr als nur Maschinen, dieses Mehr, die Fähigkeit Tränen der Trauer und Tränen der Freude zu heulen, die ganz natürlichen Höhen und Tiefen im Leben sollten wir uns nicht leichtfertig wegwünschen, nur weil wir gerade wieder bemerken, wie weh so ein Herz tuen kann. Ich gehe sogar soweit aus diesem Text herauszulesen, dass es gerade die Gefühle sind, die unser Leben lebenswert machen. Weil das Leben keinen Wert jenseits des Gefühls hat. Für mich zumindest ist das so.

Lass Amor nicht ins Leere schießen,


so weh es auch manchmal tut.

Jetzt wo wir also begriffen haben, dass die eigene Existenz ohne irrationale Elemente nicht auskommt; vollkommen emotional zu sein, zu kalkulieren und zu handeln aber auch ins falsche Extrem abdriftet, sollten wir ein gesundes Zwischenmaß finden.

Wieviel und welche Art von Vernunft und Gefühl sind gut für mich?

4. Verweise

  • Intuition: Das Bauchgefühl ist nicht ad libitum entstanden. Intuitive Gefühle sind sinnvolle Anpassungen an Situationen, in denen man nicht lange zögern darf oder die zu komplex für rationale Überlegungen sind. In manchen Fällen mussten und müssen wir instinktiv handeln können, weil es ohne einen kurzen und einfachen Entscheidungsprozess zu spät wäre und gewesen wäre. Intuition ist also kein arbiträrer Zwischenredner, sondern ein evolutionärer Vorteil für unsere Rasse und ein individuelles Helferlein für jeden von uns. Man muss nur lernen, richtig darauf zu hören.

  • IQ-Test: Dadurch, dass Intelligenztests ausschließlich Intelligenzbereiche testen, die nichts mit Gefühlen zu tun haben, wurde unser Bild von dem was Intelligenz ist verfälscht. Intelligenz ist nämlich so viel mehr, als nur logische, räumliche und linguistische Fähigkeiten. Und viele dieser weiteren Intelligenzen gehen nicht ohne Gefühl. Ein guter Universitätsabschluss (rationale Intelligenz) allein macht noch keine gute Psychologin aus, sondern allem voran persönliche Stärken wie Empathie und der Wille auch wirklich zu helfen.

  • Wissenschaft: Das Idealbild seiner Sorte zeichnet ein restlos kühlrationaler Wissenschaftler? Nein, das ist ein falsches Bild, das wir da von einem idealen Wissenschaftler haben und bringt uns nur einen antriebslosen Intelligenzbolzen. Das was die großen Wissenschaftler zu ihren Höhenflügen animiert hat, waren die Suche nach Geld und Ruhm, Stolz … und allem voran die Neugier. Der Wissenschaftsbetrieb an und für sich ist also hoch irrational.

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