„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Theodizee mit dem Ausgleichsaspekt

Die Theodizee fragt, wie sind offensichtlich sehr schlechte Dinge wie Kinderpornografie oder der Holocaust unter der Prämisse eines Gottes, der alles machen kann und nur Gutes für uns möchte, zu erklären?

Theologen haben mehrere Antworten auf die Theodizee, machen aber eigentlich am liebsten einen großen Bogen um sie, denn arg schlagkräftig sind ihre Argumente nicht.

Die einfachste und schlüssigste Antwort auf die Theodizee ist wohl, dass einfach kein allmächtiger und allgütiger Gott existiert. Die geht Theologen aber natürlich gehörig gegen den Strich und so macht man tendenziell lieber kleine Abstriche was die Attribute Gottes anbelangt, als die Idee Gott ganz aufzugeben.

Eine selten dämliche Argumentation bzgl. der Theodizee lese ich die letzten Tage immer öfter: Das irdisch erlebte Leid des Menschen bekommt er nach dem Jüngsten Gericht wieder ausgeglichen.

Ich übersetze das mal ins Deutsche: Gott sieht tatenlos zu, wie jährlich hunderttausende Menschen vergewaltigt werden oder wirkt dabei, als der der alles in der Hand hat, noch aktiv mit. Dieses Verhalten ist nicht „gut“, auch wenn er den Täter später bestraft und das Opfer tröstet, sprich das Leid im Nachhinein „ausgleichen“ möchte. Eine moralische Tat im Nachhinein kann keine unmoralische Tat wieder ungeschehen machen. Im Gegenteil, solch ein Verhalten steht in unserem Gesetzbuch unter unterlassene Hilfeleistung und kann mit bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet werden. Und als Allmächtiger, der ohne eigenes Risiko quasi nur mit dem Finger schnipsen müsste, um all das Leid der Welt zu verhindern, kann Gott auch nicht auf mildere Umstände hoffen.

 

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Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 11 Januar 2017 04:09)

    Dann gibt es noch ein sehr eigenartiges moralisches Argument, nämlich die Behauptung, die Existenz Gottes sei nötig, um Gerechtigkeit in diese Welt zu bringen. In dem Teil des Universums, den wir kennen, herrscht große Ungerechtigkeit. Oft leiden die Guten, während es den Schlechten wohl ergeht, und es ist schwer zu sagen, was ärgerlicher ist. Wenn jedoch im Universum als Ganzem Gerechtigkeit herrschen soll, muss man annehmen, dass ein zukünftiges Leben den Ausgleich zum irdischen Leben herstellen wird. So wird also behauptet, es müsse einen Gott geben und es müsse Himmel und Hölle geben, damit auf die Dauer Gerechtigkeit herrschen könne.

    Das ist ein sehr merkwürdiges Argument. Wollte man die Angelegenheit vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachten, so müsste man sagen: "Schließlich kenne ich nur diese Welt. Ich weiß nicht, wie das übrige Universum beschaffen ist, aber soweit man überhaupt mit der Wahrscheinlichkeit argumentieren kann, muss man annehmen, dass diese Welt ein gutes Beispiel für das Universum ist, und dass, wenn es hier Ungerechtigkeit gibt, sie höchstwahrscheinlich auch anderswo vorhanden sein wird."

    Nehmen wir an, Sie bekommen eine Kiste Orangen und beim Öffnen stellen Sie fest, dass die ganze oberste Lage Orangen verdorben ist. Sie würden daraus nicht schließen: "Die unteren müssen dafür gut sein, damit es sich ausgleicht." Sie würden vielmehr sagen: "Wahrscheinlich ist die ganze Kiste verdorben." Und so würde auch ein wissenschaftlich denkender Mensch das Universum beurteilen. Er würde sagen: "Hier in dieser Welt finden wir sehr viel Ungerechtigkeit, und das ist ein Grund anzunehmen, dass nicht Gerechtigkeit die Welt regiert; es liefert uns ein moralisches Argument gegen Gott und nicht für Gott."

    Natürlich weiß ich, dass nicht solche verstandesmäßigen Argumente, wie ich sie Ihnen dargelegt habe, die Menschen wirklich bewegen. Was sie dazu bewegt, an Gott zu glauben, ist überhaupt kein verstandesmäßiges Argument. Die meisten Menschen glauben an Gott, weil man es sie von frühester Kindheit an gelehrt hat, und das ist der Hauptgrund. Der zweitstärkste Beweggrund ist wohl der Wunsch nach Sicherheit, nach einer Art Gefühl, dass es einen großen Bruder gibt, der sich um einen kümmert. Das trägt sehr wesentlich dazu bei, das Verlangen der Menschen nach einem Glauben an Gott hervorzurufen.

  • #1

    sapereaudepls (Montag, 29 Dezember 2014 23:42)

    FB-Diskussion zwischen mir und einem Freund:

    Freund: "Sapere aude: Hab gerade mal den artikel zu "die unterlassene Hilfeleistung Gottes gelesen". Autsch. Fand ich echt schlecht recherchiert. Die Kernaussage warum es meid auf der Welt gibt ist das wir in einer kaputten Welt leben weil wir nicht mehr im Paradis sind . Sünde und so .
    Anyway, erzähl mal was dich daran so begeistert"

    Ich: "Mir ist die Bibel, auch die Lehre com Sündenfall, bekannt. Vor 2 Jahren habe ich das Buch komplett gelesen.
    Die Argumentation mit dem "Ausgleich im Paradies" gibt es. Zuerst habe ucv in Tübingen davon gehört, unsere Relilehrerin Frau Grimm hat sie angebracht und wenn du möchtest, finde ich sie bestimmt auch schriftlich.
    Der Sündenfall löst die Theodizee übrigens auch nicht:
    Wenn Jesus am Kreuz sterben musste, weil uns unsere Sünden sonst unweigerlich von Gott trennen, ist er nicht allmächtig. Ein allmächtiger Gott konnte einfach "mit dem Finger schnipsen" und uns unsere Sünden vergeben.
    Falls Jesus nicht leiden musste, ist Gott nicht allgütig. Welch allgütiger Gott fügt seinem Sohn grundlos dermaßen Schmerzen zu?
    ( http://www.sapereaudepls.de/2014/05/02/theodizee-jesukreuzestod/ )


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