„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Argumentum ad populum

Erfahrungsgemäß findet man ja zu einem komplizierten Thema viel mehr Menschen mit einer Meinung, als mit einer Ahnung.

Wir alle kennen dies in leicht abgewandelter Form aus dem Alltag: Man hat eine Person lange nicht mehr gesehen oder wird sie nach langer Zeit mal wieder sehen, und macht sich eine Vorstellung davon, was sie gerade macht oder wie sie sich in der Zwischenzeit entwickelt hat, obwohl man eigentlich genau weiß, dass man das nicht weiß. Aber irgendwie will man ungern mit diesem Unwissen leben und so gibt man sich der illusorischen Sicherheit der vermeintlichen Aufgeklärtheit hin.

Irrationale Überzeugungen begegnen einem aber leider auch bei öffentlichen Themen, und das zuhauf. Dann werden eine undifferenzierte Gentechnikphobie oder die homöopathische Methode mit unzulässigen Argumentationsfiguren scheinkonsolidiert. Oft wird dabei auf das Popularitätsargument zurückgegriffen, dann heißt es:

1.   Die meisten Deutschen lehnen Gentechnik ab, also kann das nichts von Segen sein. Oder: Die Amerikaner haben seit Jahren Gentechnik, also regt euch nicht auf.

 

2.   Wenn man sieht, wer alles homöopathische Kügelchen nimmt, dann muss man sich schon fragen: Können so viele Menschen irren? Oder: Viele Menschen witzeln über die homöopathische Methode, also muss ich das auch nicht ernst nehmen.

Bei dieser Argumentationsstruktur, dem „Argumentum ad populum“, wird behauptet, etwas entspreche der Wahrheit oder sei zumindest wahrscheinlicher, weil es der Meinung einer relevanten Mehrheit entspricht.

Die beiden Aussagen 1 und 2 lassen sich überspitzt so zusammenfassen: Genau dann, wenn eine relevante Anzahl n x isst, ist x gut für mich. Und im Umkehrschluss: Falls n Personen nicht x essen, ist x nicht gut für mich.

Eine oberflächliche Verballhornung dieser Argumentationsfigur wäre: „Milliarden Fliegen können nicht irren. Fresst Scheiße!“ Ein drastischeres Beispiel wäre: „Zur Zeit des Dritten Reiches glaubten Millionen Menschen an die Rassenideologie. Irgendwas muss ja dran sein.“ Die Essenz dieses Kritikansatzes ist hoffentlich klar: Die Tatsache, dass eine relative oder absolute Mehrheit eine Auffassung vertritt, sagt erst einmal aber auch noch rein gar nichts über den Wahrheitsgehalt dieser Auffassung aus.

Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Bundesarchiv_Bild_146-1982-160-12%2C_Generalappell_der_SA_im_Sportpalast%2C_Berlin.jpg?uselang=de
Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Bundesarchiv_Bild_146-1982-160-12%2C_Generalappell_der_SA_im_Sportpalast%2C_Berlin.jpg?uselang=de

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 10 September 2016 03:13)

    https://de.wikipedia.org/wiki/A_nescire_ad_non_esse


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