„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

no-go & to-do

I. no-go

Susi ist siebenundzwanzig und Single. Wie fast alle Frauen in ihrem Alter sehnt sie sich nach körperlicher, intellektueller und / oder geistiger Nähe. Nur sehnt sie sich jetzt schon ziemlich lange.. So lange, dass Susi mittlerweile gerne bereit ist jeden Mann, der halbwegs in ihre Idealvorstellungen passt, als die Erfüllung ihrer langjährigen Sehnsucht zu sehen. Und ja, eine Idealvorstellung, die hat sie. Groß, aber nicht zu groß; schwarze Haare, leichten Bart, reich, ausgeglichen, witzig, ein wenig geheimnisvoll und einen athletischen bis muskulösen Körper. Ihre vielen Erwartungen bzw. präzise Vorstellungen eines ideellen Traummannes schränken Susis Blick unglücklich ein. Schon den ein oder anderen potentiellen Traummann hat Susi voreilig links liegen lassen, weil er keine schwarzen Haare oder witzig-extrovertierten Auftritt hatte.

Was ist wenn sie weiter Falten und Hängebrüste, aber keinen Mann bekommt? Während Susi bislang „nur“ offen und bereit war, sich vom Schicksal finden zu lassen, beginnt sie es jetzt aktiv zu suchen. Sie sagt Sachen und ist bereit so viele Dinge zu tun, die sie bei sich früher nie für möglich gehalten hätte. Um endlich zu gefallen. Soviele, dass sie damit doch jetzt endlich mal den richtigen zwingen kann, sie zu lieben.1 Doch mit flächendeckendem Anbiedern erzwingt man meist ganz Anderes: Diese Nacht ist Clubnacht und Susi lernt heilfroh einen unheimlich sympathischen Typen kennen. Maurice trifft ziemlich genau ihre Vorstellungen eines Traummannes. Jetzt oder nie!

Nur zu gerne würde Susi mehr von Maurice erfahren. Was hat er für Hobbys, teilen sie vielleicht einige miteinander und vor allem ist er vergeben oder nicht? Aber sie beschließt, ihn all das nicht zu fragen, weil ihr reizende Ungewissheit gerade erträglicher vorkommt als traurige Gewissheit. Im Lauf des abends erzählen sie sich nichts persönliches, damit die Illusion eines nicht-unperfekten Partners erhalten bleibt. Stattdessen verfallen Susi und Maurice in leichtfälligen Smalltalk und versuchen nebenbei gezielt Parallelen zueinander auszumachen. Alles andere wird ausgeblendet, um den Abend nicht zu zerstören. Die Parallelen reichen dann auch als moralische Rechtfertigung für engeren Körperkontakt auf der Tanzfläche. Die Beiden bewegen ihre Körper nah einander zur Musik und Susi träumt. Eingeschlossen in Maurice Armen, von einer gemeinsamen Zukunft. Man weiß so wenig voneinander und genau das bietet eine unheimlich Projektionsfläche für all dass, was ihr bislang nie vergönnt war.

Am frühen Morgen fahren die Zwei in Maurices Wohnung. Gerne würde Susi den Mann neben ihr auf dem Fahrersitzt jetzt besser kennen lernen. Und wenn nicht das, doch wenigstens wissen wie er sie erlebt? Ist sie etwas Besonderes, weil sie ihn mit nach Hause nimmt, oder erhofft er sich davon doch nur schnellen Sex? Aber auch wie er sie wahrnimmt traut sie sich letztendlich doch nicht zu fragen. Weil dann wieder die Illusion einer perfekten Partnerschaft zerstört werden könnte. Und sei sie auch noch so kurz, sie ist gerade unheimlich schön.

Angekommen in Maurices Wohnung nimmt er sich Zeit Susi näher kennen zu lernen. Er ist nicht so eine Bombe, nicht besonders witzig, charmant und leider auch sonst nicht viel von dem, was sie sich immer ausgemalt hat. Sie fahren fort zu trinken und irgendwann fängt Maurices an ihr mit der Nase den Nacken zu umschmeicheln und redet von Liebe und sogar von Heiraten. Ab diesem Augenblick weiß Susi, was Maurice will. Sie beschließt dennoch, mit ihm zu schlafen. Aus Angst, er könne eine andere finden und sie wieder ganz alleine dastehen. Aus Angst alleine zu sein, nicht wirklich aus Liebe oder so. Er wird das mit Liebe und so schon ernst meinen. Frauen sind Weltmeister darin, sich selbst etwas vorzumachen.

Maurice und Susi sind sich darüber bewusst, dass die Umstände ihres Zusammenkommens recht seltsam sind. Doch nun leben sie schon zwei Jahre zusammen und man hat sich einander gewöhnt. Ja, mehr als das: Man ist aufeinander angewiesen. Nicht nur Maurices Einkäufe und handwerkliche Fähigkeiten, auch das Kitzeln seines Bartes wenn sie sich küssen möchte Susi nicht mehr missen. Niemals soll Maurice seinen Bart oder gar Haare ganz abrasieren! Manchmal frägt sie sich, wie konsistent sie damit dasteht. Einerseits möchte sie einen durchtrainierten Maurice mit leichtem Bartwuchs, andererseits nicht auf ihre Brüste und ja – haarlosen Körper reduziert werden. Und schon gar nicht nur wegen solchen Oberflächlichkeiten geliebt werden! Andererseits würde sie auch heute noch ein Hollister-Model beschreiben, wenn sie nach ihrem Traummann gefragt wird und benotet mit ihren Freundinnen vor dem 3 Meter Brett im Freibad noch Männerkörper nach Noten. Eine andere Form von Oberflächlichkeit vielleicht, aber sicher Oberflächlichkeit. Man, beziehungsweise Frau misst offensichtlich mit zweierlei Maß, muss sich Susi eingestehen. Einerseits wünscht sie sich von Maurice bedingungslosen Rückhalt, wenn es darauf ankommt, andererseits wird sie dann selbst oft schwierig, ja irgendwie komisch und letztens hat sie ihm sogar gedroht Schlusszumachen. Die erste richtig schwierige Phase und sie wäre es fast gewesen, die weg gewesen wäre. Das unzuverlässige Element. So hat Susi sich noch gar nicht gesehen, bis zum jetzigen Moment wenn Maurice ihr es vorwirft. Sie würde Dinge von ihm verlangen, die sie selbst nicht zu geben bereit ist.

Er selbst habe schon richtige Angst im Alter an Attraktivität zu verlieren. Versagensängste. Ein brüchiger Sandboden als Fundament, der durch die Uhr des Lebens riesele. Sie selbst war sich bezeichnenderweise zu schade mit ins Fitnessstudio zu gehen oder auch mal auf die Ernährung zu achten. Trotzdem wölle sie sich durch seine Augen als reizend gesehen wissen. Instrumentalisiert zum wortlosen Aufladestation ihres Egos. Wenn Sie ihm mal irgendwas geschenkt habe, dann war das etwas mit dem er überhaupt anfangen konnte. Mühe gemacht hatte sie sich nicht, aber nun konnte sie sich gut fühlen, sich selbst als gute Freundin fühlen. Sie meinte es nie gut mit ihm, immer nur gut mit sich selbst. Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass er nur solange in ihrer Gunst steht, wie er ihr Gutes tun kann.

Traurig. Sicher. Aber vermutlich geht es vielen von uns so. Vor allem im Streit sieht man die Fehler und Notwendigkeit zur Veränderung allem voran im Anderen.

Maurice und Susi haben einen gemeinsamen Kontext gefunden: Man habe sich auseinandergelebt. In diesem Fall eine euphemistische Formulierung für den Umstand, dass man sich – ja nicht einmal hasst – langweilt halt. Anfangs verdrängte Differenzen kamen wieder zum Vorschein, man sagte viel und hatte sich doch nichts zu erzählen und nun „sitzt man alleine da mit seinem gebrochenen Herzen“, dachte sich Susi. Sie vermisste, wie er ihr sagte sie sei intelligent, attraktiv, witzig. Das ist kein gebrochenes Herz. Das ist ein gebrochenes Ego, störte sie gedanklich Maurices Stimme im Liebeskummerselbstmitleid. „Bin ich wohl doch nichts Besonderes. Werde ich wohl doch nicht geliebt“, seufzt sie schwermütig.

Nie mehr wieder will sie lieben und am besten gar keine Gefühle“, sagt sie sich. Sich selbst bekräftigend fügt sie hinzu: „Wenn es doch eh immer wieder so endet.“

II. to-do

Ich bin gerade in einer Verfassung, in der ich ziemlich konzeptlos einige in meinem Kopf  umherschwirrende Gedanken festhalten möchte. Auch daher werde ich sicher nicht auf alles eingehen können, was Susi wohlmöglich so alles falsch macht.

Sie und du, ich und jeder andere, man kann niemanden zwingen sich in einen zu verlieben. Liebe kann man weder erzwingen, noch verhindern. Liebe passiert. Man kann Liebe wenn dann nur wahrscheinlicher machen, indem man etwa unter die Leute geht, anstatt sich zu isolieren oder jemand Liebenswertes und nicht griesgrämig oder hinterfotzig ist. Aber auch bei allen Vorkehrungen kann man die Verliebens-Wahrscheinlichkeit bei sich oder dem Gegenüber nie auf eins bringen. Einige Intelligenzforscher sehen in diesem Moment der Unkontrollierbarkeit einen Grund dafür, dass sich Hochbegabte wie etwa viele Autisten so schwer im sozialen Leben tun. Es ist doch vieles nicht so geradlinig und rational wie im Mathebuch.

Was ist eigentlich Liebe? Ich glaube Liebe manifestiert sich oft in dem grundlegenden Gefühl einer „Seelenverwandtschaft.“ Der andere tickt gleich oder versteht Einen in seinen Eigenheiten. Doch zu viel „Seelenverwandtschaft“ ist meist auch nichts. Stellen Sie sich vor, Sie würden sich selbst begegnen – einen mit ihnen absolut 100%ig seelenverwandten Menschen. Worüber wöllten sie reden, was ihm oder ihr zeigen? Parallelen sind vielleicht ein wichtiger Grundbaustein, Differenzen machen aber erst den Reiz. Auch deshalb ist es unerlässlich für jede Beziehung Toleranz für andere Lebensentwürfe zu zeigen.

Wenn das mit der Liebe erst einmal passiert (nicht erreicht! Bei Liebe ist es wie mit einem Gast, der an die Tür klopft. Man muss schon aufmachen, wenn er kommt. Dass er kommt, liegt aber nicht in deiner Hand) sollte man schon an ihr Arbeiten. Das Aufzeigen der ganzen Erwartungen soll nicht heißen, dass man keine mehr haben sollte, aber:

Vielleicht sollte man eher so etwas wie Vorstellungen, als Erwartungen an den Partner stellen. Vorstellungen von dem, was einem glücklich machen könnte. Aber keine Erwartungen, an dem der andere und schlussendlich die ganze Beziehung scheitern kann. Positive, anstatt negative Motivationen wählen, denn dem Partner Gutes zu tun ist ja auch für einen selbst wohltuend, wenn die Versagensängste erst einmal genommen sind. „Ich will das tun, weil ich ihn oder sie glücklich machen möchte. Aber ich weiß, dass ich auch geliebt werde, wenn ich es nicht schaffe.“

Zweitens partizipieren beide davon, wenn sich ein jeder mehr auf das Geben, denn auf das Nehmen konzentriert.

Noch einmal kurz zu dem: „Vorstellungen, statt Erwartungen.“ Die Grenze zwischen den Beiden ist wohl ein wenig künstlich. Wichtig ist mir ein festes Fundament, das nicht an Kleinigkeiten zerbricht. Glauben führt zu Enttäuschung. Glaube nicht, aber sei bereit.

Außerdem gibt es, so glaube ich, eine Erwartung, die jeder an seinen Partner stellen sollte und aus dem sich fast alles für eine gute Beziehung relevante ergibt, aber dazu mehr, wenn mir das nächste Mal die Schreiberei überkommt.

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