„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

scheinbare Begründung

Der Sozialpsychologe Langer untersuchte 1978 zusammen mit Blank und Chanowitz die Bedingungen, unter denen Menschen in unreflektierte Konformität verfallen. Einen ihrer Feldversuche finde ich äußerst interessant:

1.   Keine Begründung: „Entschuldigen Sie, ich habe hier fünf Seiten. Könnte ich kopieren?“

2.   Echte Begründung: „Entschuldigen Sie, ich habe hier fünf Seiten. Könnte ich kopieren? Ich habe es wirklich eilig.“

3.   Scheinbare Begründung: „Entschuldigen Sie, ich habe hier fünf Seiten. Könnte ich kopieren? Ich muss hier nämlich ein paar Kopien anfertigen.“

Mit diesen Sätzen konfrontierten Langer und Kollegen ihre Versuchspersonen, die gerade am Kopierer standen. Ohne Bedingung (1) willigten nur 60% ein und ließen den Bittsteller vor. Mit einer „echten“ Begründung waren 94% der Probanden bereit zu warten und nachdem sie eine scheinbare Begründung gehört haben, waren es immer noch 93%. Begründungen müssen nicht immer logisch schlüssig sein. Anscheinend reicht es in manchen Fällen aus, eine Begründung nur überzeugt vorzutragen.

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Kommentare: 3
  • #3

    Köppnick (Dienstag, 21 Oktober 2014 06:14)

    Ich wollte eigentlich nicht das Versuchsergebnis anzweifeln oder die verwendete Methodik, sondern nur eine Interpretation anbieten: Menschliche Kommunikation bleibt unverständlich, wenn wir uns auf die logische Analyse der ausgetauschten Sätze beschränken. Es muss immer mitgedtacht werden, in welchem Zusammenhang Wörter verwendet werden. Wenn z.B. an anderer Stelle ähnliche Sätze gesagt werden von Menschen, die es tatsächlich eilig hatten, dann hat der Sprecher zwar nicht gesagt, dass er es eilig hatte, aber der Hörer hat es trotzdem aus den Sätzen erfahren.

    Ein einfaches Beispiel: Wenn zwei zusammenstehen und einer von beiden sagt: "Schönes Wetter heute.", dann ist das keine Aussage über das Wetter, sondern bedeutet: "Ich habe keine Ahnung, worüber wir uns unterhalten könnten, die Situation ist mir unangenehm."

  • #2

    sapereaudepls (Montag, 20 Oktober 2014)

    Nun kenne ich Langers Versuch nicht näher, aber habe mir ergooglet, dass er promovierter Sozialpsychologe ist. Die wissenschaftlich-methodischen Standards dürften ihm also geläufig sein und ebenfalls ein kurzes googlen ergab, dass in einigen öffentlichen Arbeiten auf das Experiment verwiesen wurde.

    Langer wollte einen Effekt untersuchen, nämlich dem der Überzeugungskraft von Scheinbehauptungen. Sein Anspruch als Wissenschaftler ist es nun, andere mögliche Variablen (wie etwa Sympathie, Attraktivität oder Gemütszustand der fragenden Person) zu isolieren, um die eine ungestört messen zu können. Etwa durch eine immer gleiche „Frage-Person“, die darauf bedacht ist immer gleich zu fragen. Dieser Anspruch ist für Sozialpsychologen sicher relativ schwer zu erreichen, da im Gegensatz zu ihm ein Chemiker sein Experiment einfach im Labor durchführen kann und er auf Feldversuche angewiesen ist.

    Ein paar Verzerrungsfaktoren, wie etwa Tages oder Jahreszeit, kann man durch eine hohe Anzahl N an Wiederholungen des Experimentes mehr oder weniger statistisch ausmerzen.

    Kurz & Knapp: Die Sätze allein implizieren meine Schussfolgerung noch nicht. Ansonsten würden Alltagshypothesen aus Beobachtungen den wissenschaftlichen Hypothesen aus Experimenten in nichts nachstehen. Der Umstand, dass der Urheber dieses behauptenden Sachverhaltes ein Experte auf diesem Fachgebiet ist, macht jedoch die Behauptung und somit auch meine Schlussfolgerung ungemein glaubwürdiger.

  • #1

    Köppnick (Montag, 20 Oktober 2014 19:53)

    Das Beispiel überzeugt nicht ganz, denn es impliziert, dass die gesamte Information für denjenigen, der einen vorlassen sollte, in den gesagten Worten bestand. Aber die Sprecher und die Hörer waren auch physisch präsent und man muss auch die Penumbra des Gesagten beachten: Wenn die Wortwahl des Gesagten üblich bei sich in Eile Befindlichen ist, dann hat der Betreffende zwar nicht mit seinen Worten gesagt, dass er es eilig hat, aber der andere hat diesen Sinn verstanden.


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