„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Beweislast

Der Astronom und Exobiologe Carl Sagan behauptete einmal, in seiner Garage lebe ein nicht-materieller und unsichtbarer Drache. Er zeigte auf, dass eine solche These nicht widerlegbar und damit unwissenschaftlich sei. Wie denn auch? Aber wie soll man mit solchen Thesen umgehen? Wirklich glauben will man Sagans Aussage ja nicht, aber wenn man ihm einfach so ohne weiteres nicht glaubt, wie soll man dann argumentieren, dass man dies nicht glaubt und anderen Aussagen sehr wohl?

# „Du kannst mir ja nicht das Gegenteil beweisen!“

Auch in der Verschwörerszene findet man ähnliche Auffassungen. Da versprühen Flugzeuge hochtoxische Chemtrails und Nostradamus hat die uns unmittelbar bevorstehende Endzeit vorausgesagt. Wenn jedoch kein Aluminium, Barium & Co in der Luft gefunden wurde, oder die Erde dieses Jahr schon wieder nicht untergegangen ist, so behauptet man dann einfach die Partikel seien unmessbar klein oder legt die Schriften des Nostradamus wieder einmal neu aus. Diesen Geschichten möchte man irgendwie genauso wenig glauben wie der vom Drachen in Sagans Garage und tatsächlich tut man gut daran, skeptisch gegenüber diesen Auffassungen zu bleiben auch wenn man sie nicht auf Anhieb widerlegen kann. Denn die Beweispflicht liegt immer beim Behauptenden.

# Kann und muss ich auch gar nicht.

Aussagen von Verschwörungstheoretikern sind meistens Einzelaussagen. Einzelaussagen kann man in „Es-gibt..“-Sätze transformieren. Zum Beispiel „es gibt als Menschen getarnte Reptiloiden“, oder „es gibt Chemtrails unter den Kondensstreifen.“ Solche Thesen lassen sich kaum widerlegen, denn selbst wenn ich tausende von Menschen oder Wolken untersuche, bleiben noch immer unzählige Menschen oder Wolken übrig, die Reptioliden oder Chemtrails sein könnten. Erst wenn man alle Menschen bzw. Wolken negativ geprüft hätte, könnte die  entsprechende These als widerlegt angesehen werden. Es ist schlichtweg eine logistische Unmöglichkeit, jeden Kondensstreifen zu testen (schon allein, da jedes Testflugzeug wiederrum Abgase absondern würde). Man kann solche Thesen also nicht falsifzieren, aber wie Sagan mit seinem Drachen gezeigt hat, auf diese Weise auch wirklich alles behaupten. Wenn also jemand so etwas „wie manche Menschen sind Reptiloiden beteuert“, liegt es an ihm, als Verfechter der Prämisse, selbige auch zu verifizieren. Unsere Aufgabe als Rezipient, der selbst nichts behauptet hat, ist es lediglich, wenn Beweise hervorgebracht werden, diese unvoreingenommen zu prüfen. Ein Videoband, auf dem ein Flugzeug die üblichen Kondensstreifen nach sich zieht, oder ein Politiker seine Augen komisch verdreht ist sicher noch keine hinreichende Evidenz.

Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nine-Dragon_Screen-1.JPG
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nine-Dragon_Screen-1.JPG

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Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Samstag, 15 Oktober 2016 01:01)

    Beweislast

    Du hast gesagt, dass die Beweislast nicht bei der Person liege, die etwas behauptet, sondern es die Aufgabe von jemand anderem sei, die Behauptung zu widerlegen.

    Die Beweislast liegt bei demjenigen, der die Behauptung aufstellt, und es ist nicht Aufgabe von irgendwem sonst, die Behauptung zu widerlegen. Die Unfähigkeit – oder die fehlende Bereitschaft –, eine Behauptung zu entkräften, lässt sie keinesfalls wahr werden oder in irgendeiner Weise an Glaubwürdigkeit gewinnen. Dabei ist zu bedenken, dass es für nichts hundertprozentige Sicherheit gibt; daher müssen wir jeder Behauptung soviel Wert beimessen, wie die vorhandenen Belege hergeben. Etwas abzulehnen, nur weil es nicht zweifelsfrei bewiesen wurde, entspricht ebenfalls einer fehlerhaften Schlussfolgerung.

    Beispiel: Bertrand erklärte, dass just in diesem Moment eine Teekanne die Sonne umkreise – irgendwo auf der Höhe zwischen Erde und Mars. Da niemand beweisen kann, dass er falsch liegt, muss seine Behauptung der Wahrheit entsprechen.

  • #1

    WissensWert (Freitag, 01 April 2016 22:17)

    http://www.ratioblog.de/entry/beweis-mir-doch-mal-das-gegenteil-oder-die-bequeme-umkehrung-der-beweislast


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