„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Sozialschmarotzer

Als Sozialschmarotzer gelten gemeinhin diejenigen Menschen, die anderen Menschen aus Faulheit oder ähnlichen, niederen Motiven ihren durch Arbeit verdienten Mehrwert wegnehmen. Asylanten, Langzeitstudenten und allen voran Hartz-4 Empfängern wird gerne ein Sozialschmarotzertum hinterhergesagt. Doch stimmt dieses Vorteil? Sind es die Arbeitslosen, die auf Kosten des Staates, und da sich der Staat über Steuern finanziert auf Kosten uns aller, leben? Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Es gibt Arbeitslose, die gerne arbeiten würden. Und auch solche, die gar nicht erst versuchen in die Arbeitswelt zu finden. Dass wir beim Stichwort Sozialschmarotzer aber intuitiv an die sozial Schwächsten unserer Gesellschaft denken, offenbart einen fundamentalen Irrtum. Die wahren, parasitären Lebensformen in unserer Gesellschaft sind andere.

Wir alle sind Sozialschmarotzer, oder zumindest Sozialtouristen. Khiati immigriert nach Deutschland und nutzt die Umstände auf Kosten von Max. Aber auch Max  nützt die Lebensumstände von Khiati´s Familie, die in einer Primark-Produktionsstätte arbeiten und kauft sich ein T-Shirt für 3,50€. Auch Max ist irgendwie ein Sozialtourist. Er begünstigt sich der Umstände in der dritten Welt auf Kosten niederbrechender Fabrikanlagen. Und er ist Sozialschmarotzer, wenn er die Drittweltländler ausbeutet, sie aber abwimmelt, wenn sie dann zu uns flüchten. Wäre Khiati in Deutschland und Max in Bangladesch geboren, ginge das Spiel andersherum. So tickt der Mensch gemeinhin. (Gleiches gilt für Nordafrika: Wer Waffen sät, wird Flüchtlinge ernten, unser aller Friedensnobelpreis eine Farce, wir haben Krieg nur outgesourced. Aber ich mäandere hier argumentativ herum..) Was wir unternehmen, ist keine Globalisierung, es ist eine Rosinen-Herauspick-Globalisierung. Doch gerade während hier Leute anfangen, mit dem Fahrrad in die Arbeit zu fahren, wollen sich die Asiaten kein Wasser von Weintrinkern mehr predigen lassen.

Was wir unternehmen ist auch kein reiner Kapitalismus, wie oft behauptet wird. Es ist eine enge Verflechtung von planwirtschaftlichem Staat und freiem Markt. Die sogenannte soziale Marktwirtschaft. Neben all ihren Verdiensten auch Wirtstier des größten Parasiten unserer Volkswirtschaft – der Bankenwelt. Zum einen saugen sie durch die „alternativlose“ Bankenrettung am Blut des Gemeinwesens. Auch hier lebt man „von der Bank aus der Tasche“ der Steuerzahler – von mehreren Dutzend Milliarden! Dass die Bankenrettung nicht alternativlos ist, zeigt Island. Dort wurden nur die Sparguthaben gerettet, die Banken ließ man pleitegehen. Wir aber privatisieren die Gewinne in der Finanzbranche und sozialisieren deren Verluste, wenn man sich da oben mal wieder verzockt hat. In einem wirklich freien Markt hätten die Banken, wie es auch jedes mittelständische Unternehmen muss, das in Schieflage gerät, Konkurs anmelden müssen. So leben sie an unserer Infusion. Doch nicht nur direkt. Auch indirekt. Denn Staatenrettung ist auch immer sehr viel Bankenrettung. Beispiel Griechenland: Unsere Hilfsgelder gewähren die Zahlungsfähigkeit des griechischen Staates. Die Gläubiger sind zum großen Teil private Gläubiger, darunter wiederum zum großen Teil deutsche und französische Banken. Im Falle einer griechischen Staatspleite wäre man logischerweise pleite. Zahlungsunfähig, die Schulden wieder auf null. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass die Banken leer ausgehen. In einer freien Marktwirtschaft wäre das so. Die Banken haben Staaten ohne Bonität teures Geld geliehen und wären somit „selber schuld.“ So das Gesetz des freien Marktes. Realiter aber büßen wir für die Fehler der Banken. Man kann auch sagen, die Spekulanten sind diejenigen Menschen, die anderen Menschen aus Faulheit oder ähnlichen, niederen Motiven ihren durch Arbeit verdienten Mehrwert wegnehmen.

„An Herrn Douglas Flint, […] Ich hoffe für Sie, dass es keine Hölle für schlechte Menschen gibt. […] Gar-nicht-liebe Grüße: Johannes Heinle.“

 

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