„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Methodik & Rückzugsgefecht (Streitgespräch)

Ich frage mich gerade, inwieweit unser Gespräch zielführend sein kann. Ich meine, jeder von uns beiden ist felsenfest von seinem Standpunkt überzeugt und steckt tief in ihm drin. Wie sich ein promovierter Chemiker im interdisziplinären Dialog mit einem Philosophen schwer tut dessen Grundüberzeugungen nachzuvollziehen, weil er so an seine eigenen gewöhnt ist, geht es vielleicht auch uns, wenn wir die Ausführungen des jeweils anderen lesen. Zumal ich mich, als Wissenschaftstheoretiker, frage, ob sich unsere beiden Weltanschauungen überhaupt gegeneinander aufwiegen lassen. Denn unsere Methodiken der Erkenntnisgewinnung sind grundverschieden. Und folglich auch unsere Erkenntnisse selbst, daher sollten wir vielleicht eher unsere Methodiken vergleichen und  nicht ihre Resultate. Nun ja, was sicher keinem von uns weiterbringt, ist ein Streitgespräch das nur darauf aus ist den Gegenüber zu diffamieren. Angegriffene Menschen lassen sich nicht auf den anderen ein, sondern sie verteidigen sich. Daher wollen wir uns die Hände, nicht die Fäuste reichen. Lange Rede, kurzer Sinn. Ich habe mir für dieses Mal vorgenommen, Ihnen aufzuzeigen, wo ich Mängel in der Agitation der Idealisten sehe und gleich gutgemeinte Verbesserungsvorschläge mitzuliefern. Sodann!

Gott ist für viele von euch dort, wo die Wissenschaft nicht ist. Bevor Newton die Himmelskörper auf das Matheblatt holte und dort ihre Bewegung mit irdischer Mechanik erklärte (und zur vorkritischen Zeit eines Kleinkindes), war Gott im Himmel. Danach war Gott für das Wetter verantwortlich, bis man auch hierfür natürliche Erklärungen fand und sich allmählich die Wissenschaft der Meteorologie bildete. Heute seht ihr einen Beleg für eine metaphysische Notwendigkeit im Bewusstsein, Urknall, außerhalb des Universums und in den paar wenigen weiteren Erklärungslücken des wissenschaftlichen Weltbildes. Wie du siehst, war die Wissenschaft in den letzten Jahrtausenden sehr erfolgreich darin Erklärungsvorschläge zu finden und konnte so immer mehr von der Welt beschreiben. Dort, wo ihr also heute noch den Geltungsanspruch für eure Weltanschauung seht, sind wir möglicherweise nur noch nicht. Und so führt eure Seite seit den Vorsokratikern ein Rückzugsgefecht gegen uns. Aber das muss nicht so sein. Ja, ich bin der Meinung, ihr verkennt eure wahre Rolle wenn ihr diese Lückenbüßerrolle einnimmt. Denn ist es nicht erbärmlich, wenn man den Weltenlenker Gott nur in den 10^-35 Meter Energie kurz nach dem Urknall sieht? (Und hat ein solcher Gott dann doch auch nichts mehr mit einer allgemeinverständlichen Offenbarung gemein?)

So frage ich dich also, warum ihr euch affektiv auf alles stürzt, wozu es bei uns keine Erklärung gibt? Dass es bei uns für einen Sachverhalt keine Erklärung gibt, liegt daran, dass wir diesen mit unserer Methodik bislang nicht erfassen konnten. Indem ihr schlussfolgernd nur noch in die Löcher unserer Anschauungen schlupft, unterstellt ihr eure eigene Methodiken der unseren. Denn was wir meinen zu wissen, nehmt ihr auch so an. Mit alldem meine ich nicht, dass ihr im Leuchten der Sterne wieder Seelen oder in der Erde einen nur ein paar tausend Jahre alten Planeten sehen sollt. Nein. Ich möchte lediglich zum Ausdruck bringen, dass ihr euch von unseren ontologischen Hypothesen nicht bedrängen und eindrängen lassen müsst. Denn da sich unsere Methodiken der Erkenntnisgewinnung grundsätzlich voneinander unterscheiden, ist es ziellos die Erkenntnisse in einen Wettbewerb zu stellen. Wir sind empirisch, ihr nicht. Wenn überhaupt, sollten wir diskutieren, welche Methodik besser geeignet ist, die Welt zu erfassen. Dort aber gelangen wir schnell zum Problem der Letztbegründung (Was ist  die  zur Bewertung von Methodiken geeignetste Metamethodik?..). Und hier sind wir wieder am Anfang. Weil, wenn sich, und so meine These, auch als Anhänger des Popperschen Falsifikationismus, prinzipiell nie sicher sagen können werden welche unserer beiden Weltanschauungen auf die Welt an sich besser zutrifft, so können wir, und das ist doch eine recht angenehme Vorstellung, friedlich mit unseren gegensätzlichen Überzeugungen koexistieren. Dann müsst ihr auch nicht mehr flüchten, wenn wir mal wieder meinen etwas über die Welt an sich herausgefunden zu haben. Nun möchte ich aber doch noch mit einem provokanten Zitat eines deutschen Kabarettisten schließen:

„Jeder hat das Recht an etwas zu glauben, meine Damen und Herren. Das ist Religionsfreiheit. […] Aus meiner Sicht sind alle Leute, die an so etwas glauben, einfach nur zu faul um selber zu denken. Aber auch das ist nur meine Meinung. Wer Recht hat? (Achselzucken) Wer weiß das schon? Das  erfahren wir vielleicht irgendwann einmal.

Wenn ich Recht habe, erfahren wir es nie.“

 - Volker Pispers

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