„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Theodizee und die menschliche Willensfreiheit

Das Theodizeeproblem lässt sich so formalisieren:

(P1) Es gibt EINEN Gott.

(P2) Dieser Gott ist das summum bonum, das höchste Gut, d.h. insbesondere:
        (P2a)
 Dieser Gott ist allgütig, d.h. er möchte das Bestmögliche realisieren. 

        (P2b) Dieser Gott ist allmächtig, d.h. er kann alles realisieren, was er will.
        (P2c) Dieser Gott ist allwissend, d.h. er weiß, was das Bestmögliche ist und

                  und wie das Bestmögliche realisiert werden kann.

(C) AlsoGott hat das Bestmögliche realisiert, das heißt insbesondere, er hat die beste aller möglichen Welten realisiert.

Jedoch:

(B) Die aktuale Welt ist nicht die beste aller möglichen Welten. Denn in ihr existieren zahlreichen Übel wie z.B. Tod und Krankheit.

Das Theodizeeproblem besteht nun im Widerspruch zwischen (C) und (B):

Wenn es einen Gott gibt (P1), wie ihn die abrahamitischen Religionen beschreiben (P2a bis P2c), dann müsste diese Welt vollkommen sein (C). Dies steht im Widerspruch zur Beobachtung (B), dass die Welt hochgradig unvollkommen ist.

Auflösungsversuch

Der wohl bekannteste Auflösungsversuch des Theodizeeproblems geht so:

(A1) Es gibt Übel in der aktualen Welt, weil Gott uns mit einem freien Willen  ausgestattet hat.

(A2) Gott gab uns deshalb einen freien Willen, weil eine Welt mit freiem Willen besser ist als eine ohne und er die bestmögliche Welt erschaffen hat.
(A3) Freie Wille schließt notwendig mit ein, dass wir Menschen uns auch für Handlungen entscheiden können, die Übel verursachen.
(K1) Die bestmögliche Welt schließt notwendig die Möglichkeit von Übel ein.

Das Willensfreiheitsargument will den Widerspruch zwischen (C) und (B) also aufheben, indem sie schlichtweg behauptet, dass (C) und (B) nicht widersprüchlich sind. Gott habe die bestmögliche Welt realisiert (C) und diese steckt voller Übel (B), da in einer bestmöglichen Welt Menschen die Freiheit haben, sich für Handlungen zu entscheiden, die Übel verursachen.

Bei dieser Argumentation wird der Mensch statt Gott für die irdischen Übel verantwortlich gemacht. Die Theodizee wird zur Anthropodizee umformuliert.

Kritik

a. Annahme 1

(A1) Es gibt Übel in der aktualen Welt, weil Gott uns mit einem freien Willen  ausgestattet hat.

(1) Die Annahme (A1) ist falsch. Denn es gibt mindestens zwei Arten von Übel in der Welt, die unabhängig von freien Willensentscheidungen existieren:

(a) Übel, die nicht von Menschen verursacht wurden (z.B. Naturkatastrophen oder Seuchen)

(b) Übel, die zwangsläufig von Menschen verursacht werden (z.B. von Inuits[1]  oder vom Protagonisten im Trolley-Problem).

Wenn Gott tatsächlich nur dort Übel zulassen würde, wo das aufgrund unseres freien Willens notwendig ist, dürfte es die Übel (1) und (2) gar nicht geben. Gott muss sich zumindest für das Vorhandensein dieser Arten von Übel rechtfertigen.

(2) Die Annahme (A1) ist empirisch unplausibel. Denn die modernen Neurowissenschaften deuten darauf hin, dass unsere Entscheidungen auf deterministischen Hirnprozessen beruhen und deshalb gar nicht frei sind.

(3) Die Annahme (A1) widerspricht der Prämisse (P2c). Denn wenn Gott gemäß (P2c) allwissend ist, weiß er auch, dass ich zum zukünftigen Zeitpunkt t die Handlung X vollführen werde. Wenn Gott aber schon wissen kann, dass ich X vollführen werde, kann ich mich nicht für Y entscheiden und bin folglich auch nicht willensfrei. Falls es mir aber freisteht zwischen den Handlungsoptionen X und Y zu wählen, so ist nicht wissbar, welche Entscheidungen ich in Zukunft treffen werde und der allwissende Gott des Christentums kann nicht existent sein.

(4) Die Annahme (A1) ist selbstwidersprüchlich. Denn sie behauptet gleichzeitig die Existenz des christlichen (allwissendenden) Gottes und die der Willensfreiheit. Diese Annahmen sind nach (3) aber kontradiktorisch.

(5) Die Annahme (A1) ist theologisch strittig. Gott droht bei sündhaftem Verhalten mit der Hölle. Unsere Freiheit, uns angesichts dieser Höllendrohung gegen Gottes Moraldiktat zu entscheiden, gleicht der einer Person, der man eine Pistole an die Schläfe hält und sagt: "Du bist frei mir deine Brieftasche zu geben oder nicht, aber wenn du es nicht machst, dann knall ich dich ab."[2]

b. Annahme 2

(A2) Gott gab uns deshalb einen freien Willen, weil eine Welt mit freiem Willen besser ist als eine ohne und er die bestmögliche Welt erschaffen hat.

(1) Die Annahme (A2) ist moralphilosophisch strittigIst eine Welt mit Willensfreiheit und Übel tatsächlich besser als eine ohne die beiden? Der Utilitarismus, eine einflussreiche moralphilosophische Schule, sieht im Erzeugen von Glück und im Unterbinden von Leid (negativer Utilitarismus) die höchsten Ziele menschlichen Handelns. Und nicht etwa in der Freiheit dieser Handlungen. Wenn wir der utilitaristischen Priorisierung folgen, wäre selbst dann, wenn Gott keine Welt mit Willensfreiheit und gleichzeitig ohne Leid erschaffen kann, eine Welt ohne Willensfreiheit, dafür aber mit maximalen Glück und minimalem Leid, der unsrigen zu bevorzugen. Es stellt sich dann die Frage, warum uns Gott nicht zugunsten einer leidlosen Welt ohne freien Willen erschaffen hat.

(2) Die Annahme (A2) beruht auf einem einseitigen Freiheitsbegriff. Nehmen wir an, eine Person A möchte eine Person B vergewaltigen. Dann berücksichtigt Gott aller die positive Freiheit von A zu vergewaltigen und nicht die negative Freiheit von B vor Vergewaltigungen. Das widerspricht (P2a).

Die Vergewaltigung geschieht eindeutig gegen den freien Willen von B. Warum sollte Gott, zumindest um solche großen Übel zu verhindern, nicht in die Willensfreiheit von A eingreifen? Genau dafür haben wir auf der Erde Regeln und Gesetze. Und kaum einer würde ernsthaft die Auffassung vertreten, dass Gesetze abgeschafft gehören, weil sie die Freiheiten von Vergewaltigern einschränken.

Außerdem greift Gott doch sehr wohl auch in positive Freiheiten ein.[3] Laut der Bibel soll er Neugeborene getötet, Kriege entschieden, Wunder vollbracht und Menschen zu Salzsäulen erstarren lassen haben. Anscheinend beschränkt Gott also sehr wohl freie Willensausübungen, leider nur von Lots neugieriger Frau oder von andersgläubigen Pharisäern und nicht von Vergewaltigern oder Adolf Hitler.

c. Annahme 3

(A3) Freie Wille schließt notwendig mit ein, dass wir Menschen uns auch für Handlungen entscheiden können, die Übel verursachen.

(1) Die Annahme (A3) widerspricht der Prämisse (P1b). Wenn Gott allmächtig ist, dann besitzt er qua definitonem die Macht, Übel zu verhindern,  ohne dabei in den freien Willen einzugreifen. Besäße er diese Macht nicht, so wäre er offensichtlich nicht zu allem mächtig, das heißt er wäre nicht all-mächtig.

Wenn (P1b) also wahr und Gott allmächtig ist, dann muss er eine Welt mit menschlicher Willensfreiheit und ohne Leid erschaffen können und (A3 muss falsch sein. Nimmt man zusätzlich noch an, (P1a) ist auch wahr, dann würde ein so charakterisierter Gott eine solche Welt nicht nur potentiell erschaffen können, sondern dies mit logischer Notwendigkeit auch so wollen! Somit wird das Argument der Willensfreiheit seinem Selbstanspruch nicht gerecht, die zentrale Kontradiktion zwischen (C) und (B) aufzulösen, es fügt nur noch neue hinzu.

(2) Die Annahme (A3) negiert alle religiösen Hoffnungen. Wenn wir den Widerspruch in (1) zugunsten von (A3) auflösen, dann kann Gott tatsächlich keinen Ort erschaffen, in dem sowohl Willensfreiheit als auch keine Übel herrschen. Dann kann es aber auch keinen biblischen Himmel geben!

Wenn wir den Widerspruch aber zugunsten von (P1a) auflösen, kann Gott einen solchen Ort erschaffen, und lässt Vergewaltigungen trotzdem geschehen.

Fazit

Es existieren noch unzählige, unaufgeführte Argumente im Stile der Theodizee. Sie alle lassen nur zwei Schlüsse zu:

(1) Ein allmächtiger Gott existiert nicht.
(2) Ein allmächtiger Gott existiert, er liebt uns aber nicht. So lässt sich das Leid auf der Erde auch erklären: Gott könnte es zwar mit Leichtigkeit verhindern, möchte es aber nicht.

In beiden nur möglichen Fällen gebietet es die (1) intellektuelle und (2) moralische Redlichkeit Gott nicht zu huldigen. Wenn (1) Gott nicht existiert, gebietet es die Vernunft, ihn auch nicht zu huldigen. Und wenn Gott den Holocaust hätte verhindern können, ohne dass dabei ein Aufwand oder irgendein Nachteil für ihn oder irgendwen entstanden wäre (er ist ja allmächtig), es aber nicht getan hat, gebietet es der moralisch Anstand, diesen Gott nicht zu huldigen.

Verachtung wäre die angemessene Haltung gegenüber einen solchen Gott.

Anmerkungen

[1] Einige Inuits haben selbst heute noch nur die Möglichkeiten, Tiere zu töten und zu essen, was Leid verursacht, oder selbst zu verhungern, was ebenfalls Leid in die Welt bringt. Die Welt ist hier so konzipiert, dass sie, selbst wenn das Universum vollständig determiniert und die Willensfreiheit nur eine Illusion sein sollte, eine der beiden nur möglichen Fälle eintreten und zwangsläufig Leid nach sich ziehen muss ("fressen oder gefressen werden"). Wenn jemand für dieses Leid verantwortlich zu machen ist, dann Gott, denn er hat die Welt so erschaffen, dass sie Handlungssituationen enthält, die, egal wie unsere Entscheidung ausfällt, Leid erzeugen müssen.

[2] Besonders perfide sind solche Fälle: Gott erschafft Menschen mit pädophilen und sadistischen Neigungen und bestraft sie dann für die Auslebung jener sündhaften Dispositionen und Zwänge, die er zuvor selbst in ihnen angelegt hat. Gott lässt Menschen also sehnlichst A wollen und sagt in all seiner Boshaftigkeit, sie sollten aber B machen. Er muss in seiner Allwissenheit  auch von vornerein gewusst haben, wohin das jeweils führen wird und hat trotzdem Menschen erschaffen, von denen er genau wusste, dass sie auf Erden großes Leid verursachen und danach dafür unendlich lange leiden müssen werden. Dies alles widerspricht der Vorstellung eines allgütigen Gottes (P4a).

[3] Hier zeigt sich der argumentative Doppelstandard vieler Theisten: Wenn was Gutes passiert, ist das ein Zeichen der Liebe Gottes, wenn aber etwas Schlechtes passiert, so sind Gottes Wege "unergründlich" oder er möchte nicht in die menschliche Willensfreiheit eingreifen.

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Kommentare: 5
  • #5

    Danny (Freitag, 04 August 2017 20:14)

    Exakt genau so sehe ich es auch!


    Und, da, es einen schrecklichen Gott gibt, wünsche ich mir nur noch meine endgültige Auslöschung!
    Gott ist ein durch Quanten-techniches erklärbares Phänomen, er wurde durch Zufall "erschaffen", die absolute Macht wurde dieser völlig sadistischen Kreatur ermöglicht und damit auch das ABSOLUT BÖSE: dem Erschaffen, dem Schöpfen. Der Buddhismus lehrt: NICHT zu existieren ist GUT! GOTT ist nicht gut, er ist ein Kind, das ewig zornig ist, wegen seiner ewigen Langweile!

  • #4

    WissensWert (Freitag, 20 Januar 2017 15:02)

    Was für eine Quatschbehauptung. Menschen gibt es erst seit 200.000 Jahren. Empfindungsfähige Wirbeltiere gibt es bereits seit 500 Mio Jahren. Der riesige Teil des Leids hat sich VOR der Entstehung der Menschheit auf der Welt abgespielt.

    Der gesamte Fortbestand des höheren Tierrreichs besteht darin, dass empfindungsfähige Individuen von anderen empfindungsfähigen Individuen gejagt, geängstigt, verstümmelt, getötet und gefoltert werden.

    Die gesamte Natur beruht auf einem unsagbar grausamen Mechanismus von Fressen und Gefressen-werden (in dem Menschen sich eine kleine Insel geschaffen haben, auf der sie mit mehr oder weniger Erfolg versuchen, Gerechtigkeit durchzusetzen).

    Weiterhin sind Leidquellen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Lavinen, Bergrutsche, Erdabsenkungen, Tsunamis, natürliche Waldbrände, Asteroideneinschläge, Überschwemmungen durch zu heftige Regenfälle, Dürren, Unfruchtbare Wüsten die größer sind als manche Länder, Giftige Tiere und Pflanzen, Krank machende und tötende Viren und Bakterien, Tumore, Krebs, Radioaktives Gestein und Erze, usw... nicht menschengemacht und haben absolut nichts mit freiem Willen zu tun.

  • #3

    WissensWert (Sonntag, 04 September 2016 03:50)

    God is the creator of the nature and laws of the universe, he could create humans in a way in which they don't disobey and still have freedom. That is what's so stupid and illogical about god, "We are created sick, and commanded to be well" - Christopher Hitchens

  • #2

    WissensWert (Sonntag, 04 September 2016 03:49)

    "God is a comedian playing to an audience that is too afraid to laugh."
    - Voltaire

  • #1

    Peter (Freitag, 20 März 2015 16:14)

    Freier Wille = freie Wahl
    Es geht nur um unsere Entscheidung! Rechts oder links, gut oder böse…. Diese Dinge kann jeder wählen egal wie voreingenommen jemand ist oder welche Instinkte ihn treiben….!
    Gott will das man zu Ihm aus freien Willen kommt, nicht nur weil es bei Ihm gut ist!
    Niemand will Menschen um sich haben die nur wegen des Geldes oder wegen dem Status bei einem sind….. so auch Gott nicht die nicht zu Ihm aus freien Stücken kommen.

    Leid ist relativ und eher unwichtig, nicht mal das Leben an sich ist wichtig! Nur unsere Entscheidung!
    Da wir hier auf Erden nur kurz sind, und nur wegen unsere Entscheidung (für Gott oder gegen Gott) , ist Leid, Freuden, Schmerz und Tod nur Nebensache!
    Das Leben, unser Verstand, das Universum, alles um uns herum soll rein zufällig entstanden sein?!
    Und der Zufall selbst ist auch zufällig aus dem nichts entstanden?! Das klingt für mich um einiges unlogischer, als das man an einen Gott glaubt.


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