„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

das Glauensphänomen

Ein Gläubiger Bekannter hat mich auf meinen Aufsatz „Warum glauben wir?“ hin gefragt, woher ich denn so sicher sei, dass der Mensch gerne glaubt was er will? Eine Antwort auf die Frage hatte ich schnell parat. Wenngleich sie mich auf eine komische, überraschende Weise selbst belehrte. Sie gehört wohl in die Kategorie von Erkenntnis, von der man unbewusst schon länger weiß. Die aber durch ihr Heraufholen in das Bewusstsein trotzdem einen intellektuellen Mehrwert liefert.

Die Richtigkeit der These, Wunschvorstellungen könnten sich auf unser Weltbild auswirken, erschließt sich intuitiv. Der Mensch - salopp gesagt –  will sehen was er sehen will. Aber wie kann man diese These empirisch untermauern? Ein einleuchtender Fall wäre dieser hier: Im Streit ist immer der andere schuld. Der Mensch ist sehr auf sein Selbstbild bedacht. So steckt die Welt voller Arschlöcher, aber man selbst ist nie eines. Und weil man sich wünscht „zu den Guten“ zu gehören, nimmt man die Fehler des Streitpartners verstärkt wahr und erfindet sich vielleicht sogar welche hinzu. Die eigenen Fehler werden (etwa durch verständniseinfordernde Entschuldigungen) relativiert oder gänzlich ignoriert. Wunsch formt  Weltbild mit. Solche und viele weitere Fälle kennen wir zuhauf aus unserem Alltag. Mir aber fiel spontan eine Erklärung ein, deren Aussage mich selbst überraschte. Viele große Entdeckungen waren enttäuschend. Alle Bereiche unseres Weltbildes standen über eine unkritische Phase hinweg von der Ratio unberührt da. So etwa die Annahmen alle Himmelskörper drehen sich um uns, der Mensch handelt vernünftig und der Mensch stammt von Gott ab. Dieser Mensch findet Gefallen an solchen Auffassungen. Man steht im Mittelpunkt des kosmischen Geschehens, man ist nicht Spielball seiner eigenen Triebe und man besitzt ein göttliches, unsterbliches Inneres. Dann aber kam es irgendwann dazu, dass diese Auffassungen hinterfragt wurden. Nikolaus Kopernikus brachte uns von einem geozentrischen, zu einem heliozentrischen Weltbild. Freud lehrte uns die Macht des Unbewussten und die Neurowissenschaften, das die Vernunft meist nicht mehr als die Werbeabteilung, zuständig für zuvor unterbewusst getroffene Entscheidungen und werbend vor dem Ich, ist. Darwin legte nahe, dass wir nicht von einem göttlichen Wesen, sondern von primitivsten Einzellern abstammen. Dass diese Entdeckungen die Menschen zur damaligen Zeit enttäuschten macht deutlich, dass ihnen die alten Vorstellungen besser gefallen hatten. Viele große Entdeckungen waren enttäuschend. Und die damalige Kongruenz zwischen tatsächlicher Welt und vom Verstand unberührtes Weltbild spricht sehr dafür, dass zweites erträumt wurde.

 

# Gibt es unabhängig von individuellen Wünschen harte Sachverhalte, die für einen allgütigen, allmächtigen und ewiges Leben Gott sprechen?

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