„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

USA keine Demokratie?

Demokratie ist der Exportschlager der USA. Zumindest sehen das die Amerikaner gerne so. Ob dem wirklich so ist, darüber lässt sich streiten. Eine Studie der Politikwissenschaftler Benjamin Page (Northwestern University) und Martin Gilens (Princeton University) stellt nun gar in Frage, ob die USA selbst als Demokratie angesehen werden sollte. Die Studie trägt den Titel „Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens” und vergleicht die Interessen der amerikanischen Bevölkerungsschichten mit 1.800 Gesetzgebungen zwischen 1981 und 2002. Das Ergebnis ist vielleicht nicht verblüffend, deshalb aber nicht minder bedrückend: Die Politik agiere nahezu immer im Interesse der Superreichen, die Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit finden dabei kaum Beachtung. Es ist stets von einer „Dominanz der Wirtschaftseliten“ die Rede, was einer „Herrschaft der Reichen“ sehr nahe kommt. Daher drängt sich der Eindruck auf, dass das Fazit der groß angelegten Studie da lautet: Die USA ist keine Demokratie. Die USA ist eine Oligarchie. Und die Urheber der Studie können diesmal nicht als ideologische, notorische Querulanten abgestempelt werden. Vielmehr sind es seriöse, renommierte Wissenschaftler. Sie und daher auch die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten sind ernst zu nehmen. Sehr ernst.

"Entgegen allem, was jahrzehntelange politische Forschung Ihnen glauben machen möchte, haben die Bürger in den Vereinigten Staaten praktisch keinen Einfluss auf das, was ihre Regierung tut. Aber wirtschaftliche Eliten und Interessengruppen, vor allem die Vertreter der Wirtschaft, haben ein erhebliches Maß an Einfluss. Die Politikgestaltung der letzten Jahrzehnten spiegelt die Präferenzen dieser Gruppen wieder - die Interessen von Wirtschaftseliten und der organisierten Interessengruppen."

- Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens

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Kommentare: 3
  • #3

    Wissenswert (Sonntag, 10 Dezember 2017 16:33)

    https://www.youtube.com/watch?v=gJ0kw37IfA0&feature=youtu.be

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 08 Februar 2017 00:24)

    Eine umfangreiche Studie, die 1.779 Gesetzesänderungen in den USA untersuchte, hat bestätigt, was schon oft behauptet wird:

    Die politischen Entscheidungen der "Demokratie" sind maßgeblich von der Lobby der Wirtschaftselite beeinflusst, während die Interessen der Mehrheit unterrepräsentiert sind.

    "Multivariante Analyse zeigt, dass Wirtschaftseliten und organisierte Gruppen, die Geschäftsinteressen vertreten, erhebliche unabhängige Einwirkungen auf die US-Regierungspolitik haben, während die Durchschnittsbürger und massenbasierte Interessensgruppen wenig oder keinen unabhängigen Einfluss haben. Die Ergebnisse liefern deutliche Unterstützung für Theorien der Dominanz der Wirtschafts-Elite und des des verzerrten Pluralismus, aber nicht für Theorien der Mehrheitswahldemokratie oder des Mehrheits-Pluralismus."

    "Trotz der scheinbar starke empirischen Unterstützung in früheren Studien für Theorien der Mehrheitsdemokratie deuten unsere Analysen an, dass die Mehrheiten der amerikanischen Öffentlichkeit tatsächlich wenig Einfluss auf die Politik hat, die unsere Regierung beschliesst. Amerikaner genießen viele Eigenschaften von zentraler Bedeutung für demokratische Regierungsführung, wie regelmäßige Wahlen, Meinungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit, und ausgedehntes (wenn auch noch umstrittenes) Stimmrecht. Aber wir glauben, dass, wenn Politik von mächtigen Wirtschaftsverbänden und einer kleinen Zahl von wohlhabenden Amerikanern dominiert wird, dann Amerikas Behauptungen eine demokratischen Gesellschaft zu sein, ernsthaft bedroht sind."

    Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens (2014)

    Martin Gilens (Princeton University); Benjamin I. Page (Northwestern University)

    https://www.princeton.edu/~mgilens/Gilens%20homepage%20materials/Gilens%20and%20Page/Gilens%20and%20Page%202014-Testing%20Theories%203-7-14.pdf

    In dem Zusammenhang fand ich noch folgende Analyse:

    http://scholar.harvard.edu/jrobinson/files/jr_west.pdf

    WHY DID THE WEST EXTEND THE FRANCHISE?
    DEMOCRACY, INEQUALITY , AND GROWTH IN HISTORICAL PERSPECTIVE by DARON ACEMOGLU AND JAMES A. ROBINSON

    Dort wird untersucht, warum die Eliten im 19. Jahrhundert die Demokratie als Zugeständnis an die Massen zuließen, um einer Revolution zu entgehen.

    Ähnliche Thesen fand ich früher schon bei dem Wirtschaftsdemokratie-Vordenker Fritz Naphtali in einem Buch von 1928 (hier schon auf den ersten Textseiten (Seite 7ff.)

    "in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern [ist] die „bürgerliche Demokratie", d. h. die Herrschaft der besitzenden Klasse mittels der demokratischen Herrschaftsform, vorhanden [...]

    Die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder sind aber diejenigen, wo die besitzlosen proletarischen Schichten die grosse Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Trotzdem findet sich in jenen Ländern immer noch eine Mehrheit für die Parteien, die politisch die Interessen der besitzenden Minderheit des Volkes vertreten.

    Fragt man sich nun, wie dies möglich ist, so lautet die Antwort, dass diese besitzende Minderheit dank ihrer wirtschaftlichen Übermacht, dank ihrer Privilegien des Besitzes und der Bildung bis jetzt gewaltige Beeinflussungs- und Druckmittel hat, denen zu widerstehen die Mehrheit der Bevölkerung bisher nicht imstande war. "

    https://archive.org/details/WirtschaftsdemokratieIhrWesenWegUndZiel

  • #1

    WissensWert (Samstag, 26 November 2016 15:15)

    https://www.youtube.com/shared?ci=8v0Pp72L5zo


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