„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Maskenabiball

Wer weiß schon um Veranstalter, Motto und Veranstaltung Bescheid.

Und doch weiß man, als was man zu kommen hat.

Zeig Haut, nicht Herz.

Sei elegant, sei beherrscht, sei witzig, sei hübsch, sei stark.

Sei dies, nicht Du.

Denk´ nicht, tanz! 

Und alle schreien:

Ja, tanzt mit mir. Lasst uns tanzen.

Geben wir uns das Gefühl von Bedeutung!

 

Dem Jasper macht das Tanzen sichtlich Spaß.

Er vermag es gut zu tanzen und das signalisiert man ihm auch.

Das motiviert ihn wiederrum und er tanzt noch besser, und so weiter.

Man liebt hin hierfür. Und darin liegt eine kleine Gefahr.

Man liebt ihn zu sehr, um ihm böse sein zu können.

Und das ist ein Freifahrtschein.

Taktisch ist Herolds Verhalten intelligent, was nicht heißt, dass ich es gutheiße.

Er möchte eine Tanzpartnerin, die er nachher mit in das Bett nehmen kann.

Nach mehr verlangt Ihm nicht.

Oberflächlich betrachtet ist seine jetzige Partnerin erheblich weniger hübsch als er.

So hat die Partnerin das Gefühl, sich mit ihm glücklich schätzen zu können,

ihm wohlmöglich gar einen Gefallen, eine Gefälligkeit schuldig zu sein.

Dass sie ihn liebt, verstärkt die einseitige Abhängigkeit nur noch mehr.

Daher wird sie bei ihm bleiben und er muss sich auch nicht weiter um sie bemühen.

Taktisch klug, moralisch ist es verwerflich, das Machtgefälle derart auszunutzen.

Rudolf steht ein wenig im Schatten Herolds.

Er tanzt und ist ein wenig wie er. Jedoch nicht wirklich.

Ein Herold 2.0, oder besser 0.5.

Tamina möchte nicht mit Emil tanzen,

Er könnte sich anderweitig orientieren.

Theoretisch könnte es ihm egal sein,

aber der Ball ist das Leben, ist die Praxis.

Wilhelm fehlt es an Taktgefühl für den anspruchsvollen Tanz

seiner heimlichen Partnerin.

Er will heute Abend seinen Spaß, seine Gegenüber schert ihn wenig.

Er meint es nicht böse, aber auch nicht gut.

Der unhörbare Dirigent spielt ihm ohnehin zu schnell.

Und so tritt er der hochsensiblen Anna auf die Füße.

Kurz blitzt das unsichere, verletzte Gesicht hinter der Maske hervor.

Ihre Welt bricht zusammen, die Welt dreht sich unbehelligt weiter.

But the show must go on.

Der kleine Oswald möchte auch tanzen wie die Großen.

Jeder sieht, dass er sich künstlich auf Zehenspitzen stellt.

Dass er nicht die Größe der anderen Gäste besitzt. 

Janina findet sich gar eingeknickt am Rand.

„Ich will es mit dir versuchen.“

Und sie ergreift mit einem erwartungsvollen Lächeln seine Hand.

In ihren Träumen fordert sie jemand zum Tanz auf.

Bis dahin sitzt sie da wie ein Bettler, der alles nimmt.

Und so dreckig will sie leider auch niemand.

So drehen sich viele um sich selbst.

So bleiben viele einsam unter vielen Leuten.

Nick tanzt den Todestanz.

Er ist anders und man weiß darum.

Wenn er es schafft, darüber zu stehen,

kann er viel Spaß mit seinem Tanz haben.

Wenn.

Brigitte postet und feiert nach außen ihr virtuelles Leben.

Unvorsichtige Worte können sie im Innern sehr schnell verletzen.

Ihr scheint es mehr am Herzen zu liegen,

glücklich zu erscheinen als glücklich zu sein.

Ludwig tanzt den Ausdruckstanz.

Er möchte sich selbst ausdrücken.

Alle applaudieren. Alle bejubeln ihn.

Seinen Tanz tanzt er trotzdem alleine.

Vanda steht außen und analysiert.

Hin und wieder schreit sie rein, was sie besser weiß.

Und erntet dann böse Blicke von der Tanzgemeinschaft.

Ob eine solch passive Haltung eine Lösung darstellt, ist fraglich.

Für Joas scheint der ganze Tanz ein Test.

Hinter einer gestählten Brust

schlägt ein extrem unsicheres Herz.

Klaus reißt plötzlich Machosprüche.

Da ist die Partnerin von ihm gegangen.

Denn normalerweise spricht er nicht so.

Ein weiteres verletztes Herz leugnet sich selbst.

Michaela tanzt nach dem Takt der Anderen.

Michaela lässt führen. Michaela folgt.

Michaela hat alles getan, um zu gefallen.

Michaela gefällt sich selbst gar nicht mehr.

In den Pausen verschwindet Janita auf der Toilette.

Wischt sich eine Träne und malt ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Der Blick in den Spiegel erinnert sie daran, dass ihr Äußeres nicht gefällt.

Sie muss es schaffen, sich anderweitig in Szene zu setzen.

Anderweitig zu gefallen. Koste es, was es wolle.

Jutta sucht Achtung auf der Toilette

und wundert sich auf dem Weg heraus,

beim einem kurzen Blick in den Spiegel,

dass sie genau diese gerade vor sich selbst verloren hat.

Man hofft auf den Moment, wenn alle Masken fallen.

Zunächst werden Sie sich nackt und unwohl fühlen.

Daraufhin nackt und nicht mehr alleine damit.

Wenn es vorbei ist, sich was beweisen zu müssen.

Wenn man sich anvertraut.

Wenn alle merken, dass sie alle Gäste auch nur Menschen sind.

Menschen, die einfach umarmt werden wollen.

Hinter den Masken verstecken sich Gesichter, mit Ängsten und Sehnsüchten.

Verweise

 

Vertrauen: Niemand scheint niemandem zu vertrauen.

Doch Vertrauen bedarf es, damit sie dich hinter ihre Masken sehen lassen.
Lange Zeit kann es erfordern, bis Vertrauen aufgebaut ist.
Oder eine ganz besondere Situation.
Einen falschen Schritt braucht es, um Vertrauen gänzlich zu zerstören. 

 

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