„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

SehnSucht

Als Kindergartenkind sehnte ich mich das ganze Jahr über den Sommerferien entgegen. In diesen großen Ferien werde ich, so war ich damals entschlossen, die Welt auf den Kopf stellen. Staudämme bauen und den ganzen Tag Fußball spielen. Man hatte irgendwie das Gefühl, dann kommt der Moment, dann fängt das wahre Leben an. Als habe man nur kurz Luft geholt, waren die Sommerferien dann auch schon vorbei. Doch „Klick“ hatte es nicht gemacht.

Danach ist es das Teenager-Dasein. Die Schule, die großen Partys, das eigene Auto und das Studium. Wenn dieser Lebensabschnitt erst einmal erreicht ist, dann ist man frei, unabhängig und cool, dann fängt doch hoffentlich das Leben an. Doch man wird Schüler, Fahrer und Student und es hat nicht „Klick“ gemacht.

Rede ich jetzt mit älteren Herren, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Packt mich die bestimmte Angst. Sie sagen mir dann, ohne dies so verbalisieren zu können oder sich dessen bewusst zu sein, dass dieser Moment, dieser Moment in dem das wahre, richtige Leben anfängt, nie kam. Dass man 20 Jahre in der Schule und 40 Jahre in der Arbeit in 20 Jahre gute Rente rein funktioniert hat. Und es nicht jetzt und nie „Klick“ gemacht hat. Dass „Klick“ immer im nachher blieb. Diese Menschen haben ihr ganzes Leben lang auf etwas hingearbeitet. Gerannt ohne zu wissen wohin. Aus Angst nie anzukommen. Getrieben von dem Wunsch nach mehr als das, was ist. Und dieses Mehr verpasst. Eine Sehnsucht, unbestimmt und ungestillt. Übrig bleibt das Gefühl von Enttäuschung. Das Gefühl, dass das Leben nicht gehalten hat, was es uns versprach.

Doch das Leben hat uns nie etwas versprochen. Und doch irgendwie tausendfach gehalten. Dass du plötzlich angefangen hast zu existieren ist viel mehr, als du dir je vor deiner Existenz hättest verdienen können. Das Leben kommt nicht von selbst. Es liegt an uns, es zu suchen. Es ist an dir, ob du mit Träumen oder mit Erinnerungen stirbst.

„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohl überlegt leben. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht lebend war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.“

- Henry David Thoreau

*Dabei weiß ich nicht, wo dein Klick liegt. Vielleicht im Weniger, nicht im Mehr. Vielleicht am Meer. Aber sicher nicht immer im Nachher..  Sehne, Suche und Suchte, solange bis du weißt, wohin dich deine Sehnsucht treibt. Lenke selbst. Es liegt in deiner Hand, ob du schlussendlich einmal existiert, oder gelebt hast. 

<<                         alle Blogeinträge                         >>

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.