„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Anthropodizee

Die Anthropodizee frägt nach der Rechtfertigung des Menschen in Anbetracht des menschenverursachten Leides. Angelehnt ist dieser noch recht junge Begriff an die Theodizee, der Frage nach der Rechtfertigung Gottes. Atheisten stellt sich die Anthropodizee-Frage verstärkt, da sie ihr Sein nicht göttlich zu begründen vermögen.

Eng verwandt mit dieser Frage ist die, ob man überhaupt Kinder in die Welt setzen sollte. Ähnlich wie die Theodizee stellt sich auch diese vielen Menschen seit dem Holocaust in neuer Dimension. Eigentlich tangiert mich persönlich keine der beiden Fragen besonders. Sie sind existentiell-theoretisch und scheinen mir keinerlei Bezug auf mein praktisches Leben zu haben. Der Mensch ist nun mal da, ob nun gerechtfertigt oder nicht. Wenn ich meinen Kindern einmal einen ausreichenden materiellen und seelischen Wohlstand bieten kann, sollen sie gebären. In eine gottlose, oder in eine Welt Gottes. Aus ihnen könnte einmal ein Hitler, aber auch ein Gandhi hervorwachsen. Das allem Handeln begleitende Risiko entgegen der eigenen Absicht, etwas Schlechtes zu tun, sollte aber, wenn es den nicht allzu groß ist, kein Grund sein, gar nicht erst zu handeln. Und ein Stück weit wird die persönliche Zukunft meiner Kinder sicher auch durch mich bedingt sein. Nun bin ich aber jüngst auf eine doch sehr interessante Korrelation zwischen Religiosität und Demografie gestoßen. Und der Autor Dr. Karim Akerma, dessen Thesen ich hier referiere, sieht eben ein erklärendes Bindeglied in der Anthropodizee. Ich werde dabei keinerlei Wertung vornehmen. Dazu bin ich auf dem Gebiet zu unbewandert und kenne seine Arbeit zu wenig (nur aus Sekundärtexten). Sie haben mein Interesse geweckt. Und deshalb möchte ich sie, so wie ich sie verstanden habe, hier kurz darlegen.

Erst einmal die Korrelation. Es ist in der Demografie empirisch belegt, dass tendenziell Theisten weitaus mehr Nachkommen zeugen als Atheisten (regional und international). Fast keine gottlose Kultur schaffte es in der Geschichte über zwei Kinder pro Familie. Die religiösen jedoch brachten es stets auf 3,4,5,6 oder mehr und damit zu einem exponentiellen Bevölkerungswachstum. Deutlich zeigte sich dies im ehemaligen Westdeutschland. Angesichts des teuren Betreuungsangebotes waren die Konfessionslosen auch Kinderlos und umgekehrt. In der DDR hingegen gab es Bildung und Betreuung für alle, jedoch kaum Religion. Hier gab es kaum Familien mit keinem oder über drei Kindern. Dies ist wohlmöglich auch ein Grund dafür, dass die USA und Irland auch ohne staatliche Familienförderung eine höhere Geburtenrate haben (ich verschone Sie von Zahlen). Hier bin ich aber zu wenig Religionsforscher, um dies quantitativ beurteilen zu können. Und wenn man darüber nachdenkt, macht dies auch Sinn. Fruchtbarkeit, die Möglichkeit Kinder hervorzubringen, wird in vielen Religionen als Segen Gottes angesehen. Klar, dass man dann Kinder will, ist es doch ein Lob von ganz oben. Im gesamten alten Testament zieht sich das Motiv von vielen Nachkommen als etwas Gutes, Erstrebenswertes durch („ […] will ich dich reichlich segnen und deine Nachkommen so überaus zahlreich werden lassen, wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, […]“ 1. Mose 22). Ja, Gott befiehlt gar: „Seid fruchtbar und mehret euch!“

Noch viel mehr ist die Reproduktionsfreude der Gläubigen aber etwas Unbewusstes, und nicht etwa ein gezielter Akt. Die Demografie unterscheidet drei „Values of Children“: emotional, ökonomisch und normativ. Der ökonomische Faktor ist in Indien groß, wo die eigenen Kinder eine Art Rentenversicherung sind. Bei uns in den Industrienationen verkehrt er sich, Kinder sind ökonomisch nicht sinnvoll. Deshalb sind es die normativen und emotionalen Werte, die uns Kinder kriegen lassen. Die rein emotionale Intention verebbt meist bereits nach ein oder zwei Kindern. Keine noch so starke nicht-religiöse Ideologie, wie etwa der Nationalsozialismus oder der Realsozialismus in der Sowjetunion, lieferten eine normative Antwort auf die Anthropodizee. Normative Beweggründe schaffen bisher nur Religionen. Eine Welt Gottes ist für den Menschen angehäuft mit Sinn, Schönheit und Hoffnung. Eine Rechtfertigung, seine Kinder an ihr teilhaben zu lassen.

Bisher ging es mir auf dieser Seite, wenn ich auf Gott zu sprechen kam, stets um die Wahrscheinlichkeit seiner Existenz oder Nichtexistenz. Hier ist die finale Fragestellung jedoch eine Andere. Und ich finde es wichtig diese zwei Untersuchungsschwerpunkte zu unterscheiden. Nicht die Wahrheits,- sondern die Nützlichkeitsfrage steht hier im Mittelpunkt. Und zum Ankurbeln einer Geburtenrate kann die Religion tatsächlich ein geeignetes Werkzeug sein.

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Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Donnerstag, 01 September 2016 22:13)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropodizee

  • #1

    Michael Blume (Samstag, 24 Mai 2014 11:24)

    Sehr guter Blogpost, spannender Blog! Ich werde öfter mal vorbeischauen. :-)


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