„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Naturwissenschaft und Religion

1. Einleitung

Die Religionen und Naturwissenschaften streben beide nach eigenem Bekunden nach Erkenntnis. Und doch gelangen die beiden zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, Weltbildern. Wie kann das sein? Um diese Frage zu beantworten sollten wir uns fragen, wie Weltbilder bei Religion und Naturwissenschaft entstehen. Wenn wir diese Frage beantworten, kommen wir zu den grundlegenden Unterschieden zwischen Religion und Naturwissenschaft.

Es folgt eine bewusst polarisierende Streitschrift.

2. die Religion

Die Prämissen einer Religion weisen häufig folgende Charakteristika auf. Sie sind nicht falsifizierbar. Das heißt sie machen metaphysische o.ä. Aussagen die nicht empirisch überprüft werden können. Sie sind dogmatisch bis axiomatisiert. Das heißt sie sind nicht das Resultat theoretischer Überlegung oder praktischer Beobachtung, sondern vielmehr dogmatisch hinzunehmen. Sie sind unpräzise formuliert und uneinheitlich ausgelegt. Das heißt sie konkretisieren Lehre (z.B.: Endzeit) oder Worte (z.B.: Wahrheit) nicht und legen sie anders aus (z.B.: christliche Konfessionen). Sie sind mit einem absoluten Wahrheitsanspruch aufgestellt. Das heißt ihr Wahrheitswert gilt als unbezweifelbar wahr.

3. die Naturwissenschaft

Die Methodik einer Naturwissenschaft weist folgende Charakteristika auf. Es wird stets davon ausgegangen, dass eine Theorie falsch sein könnte. Wird eine Theorie widerlegt, wird sie verworfen. Wird eine Theorie empirisch oder theoretisch bestätigt, wird dies als Indiz für die Richtigkeit der Theorie angesehen. Es wird im angestrebten Idealfall eine präzise Fachsprache gebraucht, die aufgrund objektiver Kriterien früher oder später zu einem Grundkonsens führt. So ist man in der Wissenschaft um einheitliche Begriffsdefinitionen bemüht und zwei sich widersprechende Theorien können nur solange koexistieren, bis eine der beiden falsifiziert wird. (Allein aufgrund dieses Wettbewerbs der Theorien entsteht eine ergebnisoffene, skeptisch Grundstimmung und keine lange Überlebensdauer schlechter Theorien). Es wird versucht Fehler in den Theorien zu finden und mit möglichst wenigen Axiomen auszukommen. Das heißt zum einen mal, dass die Theorien einer ständig kritischen Überprüfung und somit Weiterentwicklung unterliegen. Zum anderen, dass die Theorien mit möglichst wenigen innersystemisch oder überhaupt nicht falsifizierbaren Prämissen aufgestellt werden. Es wird also stets darauf geachtet, dass wissenschaftliche Theorien falsifizierbar sind.

4. Wege und Ziele

„Wenn ich zum Beispiel vermute “Im Kühlschrank könnte noch Bier sein” und ich gucke nach, dann betreibe ich im Prinzip schon eine Vorform von Wissenschaft. Großer Unterschied zur Theologie. Da werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich also nur behaupte “Im Kühlschrank ist Bier”, bin ich Theologe. Wenn ich nachschaue, bin ich Wissenschaftler. Wenn ich nachsehe, nichts finde und trotzdem behaupte, es ist Bier drin – dann bin ich Esoteriker!“

Vince Ebert

Während sich eine Religion (mithin) gut anhand ihrer Lehre beschreiben lässt, zeichnet sich die Naturwissenschaft durch ihre Methodik, „ihrer Art zu ihrer Lehre zu gelangen“, aus. Es lässt sich simplifiziert sagen: die Religion ist das Ziel wichtiger und der Naturwissenschaft ist der Weg wichtiger. Dies lässt sich mit einer Schiffsreise vergleichen. Stellen Sie sich vor, die Einwohner der römischen Hafenstadt Humanitas wären auf der Suche nach der sagenumwoben Insel Verum. Im Laufe der Suchaktion haben sich grob zwei Fraktionen gebildet.

Die Religion um den Klerus hat eine alte Seekarte mit einem roten Kreuz gefunden. Seitdem markiert das riesige Kreuz für sie die Insel. Damit kennen sie die Antwort bereits. Jetzt sucht man die Gründe, die für die Antwort sprechen. Die Insel läge in Gewässern jenseits vom Ende der Welt. Deshalb seien die Angaben auch nicht überprüfbar und müssen ohne weiteren Grund hingenommen werden.Die Vermutung wird dabei nicht als solche wahrgenommen. Man ist sich einfach sicher, die Koordinatenlage der Insel somit zu kennen. Es entspricht dem Selbstverständnis der Religion, dass man Recht hat. Deshalb wird Kritikern auch kein Gehör geschenkt. Argumente gegen ihre Behauptung führen folglich auch nicht zu einer Auseinandersetzung mit diesen oder gegebenenfalls gar zu ihrer Revidierung. Dies führt zu der Isolierung einer auf ewig immer gleichen, aber nie beweisbaren Vermutung.

Die Naturwissenschaft um die Aufklärer hingegen ist ergebnisoffen. Sie stellen Theorien jeweils auf und suchen Pro- und Contraargumente. Dies führt zu einer dynamischen Vermutung, die sich aber immer erfolgreicher einzupendeln scheint. Und selbst wenn sich der gesamte Kurs als falsch oder ein anderer als vielversprechender herausstellen sollte, ändert man den alten eben. Dann ist man der Wahrheit wieder ein Stück weit näher gekommen. Auch wenn sich das Unterfangen als zunehmend sehr komplex herausstellt, bereut man nie sich auf das offene Meer gewagt zu haben. Wer nicht sucht, wird sicher nicht finden.

Noch weiter aus dem Fenster gelehnt lässt sich folglich sagen: die Religion arbeitet ergebnisorientiert und wegoffen. Und die Naturwissenschaft arbeitet ergebnisoffen und..?

5. Schluss

Es könnte der Eindruck entstehen, die Naturwissenschaft arbeite „wegorientiert“. Das ist aber falsch. Auch die Wege der Naturwissenschaft sind nicht ideologisch gesetzt. Sie sind pragmatisch gewählt und unterliegen einer ständigen Kontrolle. Und mit ihrem derzeitigen Weg war die Naturwissenschaft in den letzten Jahren nun einmal sehr erfolgreich. Das zeigt sich, wenn du morgens das Licht deiner Nachttischlampe anknipst. Wenn du dir ein Ei kochst, kurz deine E-Mails mit deinem Smartphone abrufst und mit dem Aufzug in den 14.ten Stock hinauf ins Büro fährst. 

Und damit sind wir beim letzten Unterschied, den ich in diesem Blogeintrag beleuchten möchte. Tendenziell ist Naturwissenschaft etwas sehr Unpersönliches. Die Religion dagegen kann unsere tiefsten Ängste und Sehnsüchte berühren. Es kann uns egal sein, was die Wellenfunktion beschreibt oder ob wir vom Affen abstammen. Im Großen und Ganzen scheint es ja „zu laufen.“ Aber die Fragen, ob es wirklich eine universelle Bezugsperson, einen Sinn im Leben oder ein Leben nach dem Tod gibt, lassen kaum jemanden kalt.

# Am Anfang der Naturwissenschaft steht die Frage.

Am Anfang der Theologie die Lehre.

„Ich bin nicht die Antwort, nein, ich bin nur die Frage.
Wechsel meine Richtung, sofort, wenn ich neue Spuren habe.“ Amewu

Wir können also resümieren, dass Evolutionisten dies meist aus Forschung heraus sind. Kreationisten lernen oft nicht zu fragen, sondern die vorgefertigten Antworten kennen. Diese Glaubenssätze werden didaktisch und pedantisch behandelt. Außerhalb der eigens gesetzten Grenzen können Theisten ihren Geist kaum oder nur schwer walten lassen. Sie kommen meist nicht einmal auf die Idee, dies zu tun. Theisten machen sich Gedanken wie die Welt in einen Psalm oder eine Sure passt. Und nicht, ob die Sure oder der Psalm in die Welt passt. 

# Religion: die Wahrheit.

# Naturwissenschaft: die Wahrheit.

Ein Evolutionist ist froh über jeden fundierten Zweifler, da dieser ihn näher zu den Antworten auf seine Fragen bringt. Entgegnet man einem Kreationisten allerdings, sieht er die Zweifel nicht als Argument, sondern als Versuchung des Teufels o.ä. an. Er ist froh, wenn er wieder „von diesen Irrwegen genesen ist.“  Es gilt sogar als Tugend, trotz guter Gegenargumente zu glauben.

Und – er fühlt sich mit der anderen Ansicht sofort in seinem eigenen Schicksal attackiert. Und da steckt ein gefährlicher und vielleicht auch entlarvender Punkt. Gefährlich, weil dieser Dogmatismus unheimlich viel Leid in die Welt gebracht hat. Eventuell entlarvend, weil die meisten Gottesbilder vollkommen unseren Bedürfnissen entsprechen. Da liegt die Vermutung nahe, dass Gott ein Produkt unserer Bedürfnisse ist.

Natürlich ließe sich zu diesem Thema ausführlicher und prägnanter, allgemeiner und spezifischer und überhaupt alles anders schreiben. Pointiert lässt es sich wohl sehr gut mit diesen beiden Worten zusammenfassen.

WissenSchafft & GlaubensSätze

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