„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Naturalismus und Kritischer Rationalismus im Streitgespräch (veraltet)

Also zunächst einmal sei festgestellt, dass wir Naturwissenschaftler ja auch ein subjektives Erlebnis besitzen. Auch für uns kann die 5.te Sinfonie Beethovens mehr sein, als nur Schallwellen die gegen mein Trommelfell stoßen. Oder die schmeichelnden Worte des Liebespartners. Nur vermögen wir im Gegensatz zu den meisten von Euch zwischen solch subjektivem Erlebnis und der objektiven Realität zu unterscheiden. Zweiteres ist unser Forschungsgebiet. Und auch ersteres wird nach wissenschaftlichen Kriterien untersucht. Von Psychologen beispielsweise. Nur eben wissenschaftlich, objektiv, nicht pseudowissenschaftlich wie es die Esoterik oder Astrologie macht. Das ist eher euer „Forschungs-“gebiet. Denkt das nächste Mal dran, wenn ihr beklagt dass wir euch keine große Aufmerksamkeit schenken. Unser Anspruch ist es aber  nicht die Modalität von Erlebnissen zu kennen. Das haben wir auch nie behauptet. Wir wollen die dahinterstehenden  Gesetzmäßigkeiten objektiv erschließen. Ihr Idealisten kennt hingegen viele, individuelle Eindrücke und Vorgehensweisen. Daher auch die unterschiedlichsten Schlüsse und Lehren. So entbehrt alles worauf eure Ansichten beruhen jeglicher objektiver Grundlage. In einer gewissen Hinsicht ist uns die Subjektivität also tatsächlich fremd. Und in dieser Hinsicht sind wir so, als Berufsperson, auch aus Überzeugung.

Soviel zu ihrem zweiten Punkt. Nun aber zu ihrer restlichen Ausführung, Punkt 1 und 3. Sie haben Recht, wir wissen tatsächlich vieles noch nicht. Das haben wir nie behauptet und das ist auch kein wirklich legitimer Kritikpunkt an unserem Weltbild. Was wir meinen zu wissen, stellen wir als Hypothesen in den Raum und das darf und soll dann auch diskutiert werden. Und mit zunehmender Kenntnis wird unser Vorschlag der Welterklärung auch vollständiger und besser. So läuft Wissenschaft. Und dass du nicht verstanden hast, dass so Wissenschaft läuft zeigt sich in deiner völlig verfehlten Kritik. Du hast uns auf unser Unwissen hingewiesen, das tragen wir aber schon immer transparent vor uns hehr. Deine Argumentation bezieht sich nur auf „du kannst derzeit nicht“ und nie kommt ein „du kannst grundsätzlich nicht.“ Nie hast du unsere Vorgehensweise kritisiert oder aufgezeigt, dass wir etwas partout nicht naturalistisch klären könnten. Das menschliche Gehirn und Bewusstseinsforschung sind zwei unheimlich komplexe Sachen. Dass wir sie bislang noch nicht vollständig erklären können, heißt nicht dass wir dies prinzipiell nicht können. Unser Gehirn wurde evolutionär nie zuvor gebraucht, um eine archimedische-Punkt-Perspektive zu liefern. Also akzeptiert das und lasst uns Zeit. Jetzt anzunehmen wir würden Bewusstsein nie erklären können wäre naiv, sieht man doch auf eine jahrtausendlange Erfolgsgeschichte der Wissenschaft zurück. Ihr Religioten, Naturphilosophen und Co führt seit über tausend Jahren ein permanentes Rückzugsgefecht gegen uns. Vom geozentrischen, zum heliozentrischen Weltbild. Dass ihr euer Weltbild nun im Bewusstsein und Urknall versucht zu retten, zeigt doch dass ihr nur noch ein Platzhalter für das seid, was wir noch nicht wissen. Vom unerklärlichen Mythos zur stringenten Beweisführung, zum methodischen Atheismus. Wollt ihr unser Erfolgsgeheimnis wissen? Ich werde es dir verraten. Ich werde dir erklären, wie Wissenschaft läuft. Auf dass dein nächster Kritikpunkt auch wirklich einer ist. Dazu ein kleiner Exkurs in die Wissenschaftstheorie. Ich spreche dabei mal aus meinem Nähkästchen und nehme zur Veranschaulichung des Ganzen ein physikalisches Beispiel. Theorien sind zunächst einmal mathematische Modelle, die sich dann in der Empirie bestätigen müssen. Oder andersherum theoretische Modelle aus der Experimentalphysik, die sich bei den theoretischen Physikern bewähren muss. Allein durch entweder deduktive oder induktive Schlussfolgerungen und ohne Spekulation kommen wir auf unser vielerklärendes Weltbild. So war die klassische Mechanik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die erfolgreichste Theorie zur Beschreibung der Bewegung von Körpern. Dann aber bemerkte man, dass bei hoher Geschwindigkeit oder Gravitation weitere mechanische Kräfte wirkenAlso hat man die Theorie erweitert. Als man herausfand, dass die klassische Mechanik in der Quantenphysik vollständig versagt, etablierte sich die Quantenmechanik. Nun versucht man die Quantenphysik mit dem Makrokosmos zu vereinbaren. Und auf genau dieser Weise kommen wir der final richtigen Beschreibung der Realität immer näher. Über mathematische Theorie und spezifische Empirie irren wir uns nach vorne. Allein da du deine Texte auch auf einem Laptop oder ähnliches verfasst und diese über das Internet zur Diskussion stellst, alles doch funktionierende Errungenschaften der Technik, musst du doch zugeben, dass wir dass alles recht erfolgreich machen. Und selbst falls sich unser gesamtes Weltbild als falsch herausstellen sollte, wäre dies kein Problem. Derzeit ist unser Weltbild nach unseren Methoden, dass plausibelste, da es viele erklärende und nicht widerlegte Elemente enthält. Da bin ich Vollblutpragmatiker. Aber wenn ein völlig neues Grundkonzept die Welt wirklich besser erklären können sollte, sind wir die letzten, die sich dem verschließen. Gerade die getragenen Revolutionen in der Relativitäts- und Quantentheorie zeigen dies doch. Wir sind nicht ergebnisorientiert, wir sin methodikorientiert. Und diese Methodik, das „sich-nach-vorne-irren“, unser Erfolgskonzept hat einen Namen: kritischer Rationalismus. Es ist uns nicht möglich, Thesen zu verifizieren. Eure Thesen haben jetzt keinerlei falsifizierbaren Aussagen und sind daher unwissenschaftlich. Unwissen ist somit kein Problem. Unwissen ist das Potential von Wissen. Und wenn wir nie alles wissen sollten, dann ist der Weg das Ziel. Und dieser meiner Weg, davon bin ich überzeugt, ist der richtige zur Beschreibung der Welt.

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