„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Quantenbewusstsein

kritische Anmerkungen

 

 

Ein Gespenst geht um im Internet – das Gespenst des Quantenbewusstseins.

Die Vorstellung der meisten Naturalisten ist es, unser mentales Erlebnis sei ein Resultat von Gehirnaktivitäten und somit auf Materie zurückzuführen. Diese Auffassung sehen die Idealisten als geeigneten Angriffspunkt und führen ins Feld, dass keine erklärende Brückezwischen objektiv beobachtbaren neuronalen Vorgängen und den subjektiven Erlebnisgehalt von Bewusstseinszuständen bekannt ist (allgemeine Korrelationen hingegen kennt man sehr wohl). In diesem Spannungsfeld der Weltanschauungen wird sowohl von spirituell-religiösen, aber auch von naturwissenschaftlichen Seiten die Vermutung geäußert, Bewusstsein könne auf mikrokosmologischer Ebene seinen Ursprung haben. Die einzelnen Vorstellungen von der Entstehung eines Quantenbewusstseins sind dabei mannigfach, grundverschieden und werden hier auch deshalb nicht alle dargestellt. Eine These stellen alle Quantenbewusstseinstheorien aber auf. Bewusstsein sei auf quantenphysikalische Prozesse zurückzuführen. 

Die eher spirituell angehauchten Dualisten meinen Materie und Geist verschmelzen allein in den einzelnen Neuronen auf quantenphysikalischen Größenskalen zu einer Entität und so entstehe Bewusstsein. Da diese grundlos aufgestellte Theorie keine falsifizierbaren Thesen aufstellt (eigentlich gar keine weiteren) ist sie definitionsgemäß keine wissenschaftliche (nach Karl Popper). Es kann so sein, kann aber auch nicht. Genauso gut, wie das Bewusstsein durch göttliche Fügung zustande kommen könnte oder sonst wie. Und bis diese Fraktion keine wiederlegbaren Annahmen hervorbringt, mögen Spirituelle ihren Spaß daran haben. Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit kann diese nackte Behauptung nicht sein.

Bei diesem Glauben sticht mir unabhängig von fehlenden Anhaltspunkten aber noch was Anderes ins Auge. Er ist reduktionistischdass heißt er denkt das Phänomen des Bewusstseins auf niederster Ebene komplett erklären zu können. Man möchte also biologische Vorgänge im Hirn auf chemische Prozesse und diese auf (quanten-)physikalische Gegebenheiten zurückführen und da die Subjektivität, das Ich, entdecken. Ich selbst neige aus einem Bauchgefühl heraus zu der Annahme, dass Bewusstsein sei wie die Vernunft ein evolutionäres, irreduzibles Emergenz-Phänomen. Ein Gehirn ist ein komplexes System aus Neuronen, die laut gegenwärtiger Neurologie durch gegenseitige Interaktion über Synapsen zu erheblich mehr fähig sind, als sie es ohne einander wären. Ich glaube darunter fällt auch das Bewusstsein. Das ist aber wie gesagt auch nicht (viel) mehr als ein Glaube den ich auch als solchen benennen will. Eine solche persönliche Tendenz hängt immer auch von nichtrationaler Intuition und individuellem Vorwissen ab. Diese Theorie bringt jedoch noch eine andere, äußerst weitreichende Implikation mit sich. Ein auf Neuronen zurückgeführtes Bewusstsein würde sich auf das Nervensystem beschränken. Wenn man aber den Ursprung des Bewusstseins in Elementarteilchen o.ä. vermutet, muss man beachten dass sich unsere komplette materielle Realität aus diesen Grundbausteinen zusammensetzt und folglich bewusst sein müsste. Dieser pantheistische Ansatz ist nach derzeitigem Kenntnisstand auch nicht empirisch widerlegbar.

Dann gibt es noch eine andere Art von Theorien, die von mehr Wissenschaftlern getragen wird als die erste. Diese gehen alle in etwa davon aus, dass sich bekannte oder unbekannte quantenmechanische Effekte (z.B.: die Quantenverschränkung) auf neuronaler Ebene auswirken. Dies ist eine sehr interessante Idee, die leider kaum erforscht wird. Der englische Physiker Roger Penrose aber konkretisierte diese mit dem Zellspezialisten Stuart Hameroff. Und Penrose ist zwar einerseits für seine auf den ersten Blick exotischen, andererseits aber auch auf den zweiten genialen Hypothesen bekannt. Ich glaube trotzdem nicht an sowas wie ein Quantenbewusstsein.

Hierzu ließe sich natürlich (wie nahezu immer) noch viel mehr schreiben. Da ich jedoch generell lieber viele Themenbereiche ein wenig abgrasen möchte, als eines ganz belasse ich es hierbei. So mache ich den Leser vielleicht neugierig und Lust sich weiterhin mit einem Thema zu beschäftigen.

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