„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

religiöse Gebote

Als Jesus nach dem höchsten aller Gebote gefragt wurde antwortete dieser mit folgenden Worten, die heutzutage als das sog. Doppelgebot der Liebe bekannt sind:

 

„Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.

Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen

und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 

Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“ - Mk 12, 29 ff 

Insbesondere dem zweiten Punkt mit der Nächstenliebe mag man auf den ersten Blick zustimmen. Wäre es nicht schön, wenn Jeder den anderen lieb hätte? Auf den zweiten Blick hin wird er zumindest mir zu fordernd, zu „imperativlastig“. Für gewöhnlich passieren Gefühle wie die Liebe einfach (genauso mit dem Glauben). Ich kann sie weder (auf göttlicher Aufforderung hin) erzwingen, noch verhindern. Nun mögen mir viele Gläubige entgegenhalten, es heißt „du sollst“ und nicht „du musst.“

Außer dem Doppelgebot der Liebe kennt die Theologie noch die ihr auch sehr wichtigen 10 Gebote, den Dekalog. Auch diese Gebote scheinen zunächst vernünftig und auch diese Gebote wurden mit dem Verb „sollen“ formuliert. Doch auf die Nichteinhaltung eines Gebotes (z.B.: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“), können harte Strafen folgen (z.B.: "durch ihre Abgötterei haben sie mich erzürnt. […] Vor Hunger sollen sie verschmachten und verzehrt werden vom Fieber und von jähem Tod. Ich will der Tiere Zähne unter sie schicken und der Schlangen Gift.“ 5.Mose 32, 21-24). Denjenigen, die “Jesu Opfertod“ nicht annehmen, wird gar unendliche, ewige Qual angedrohtSelbst wenn die also Gebote ursprünglich nicht als Befehl gedacht waren, ist man angesichts der Androhungen im Falle der Zuwiderhandlung nur bedingt frei. In etwa so frei wie ein Kind, dem man eine Pistole gegen den Kopf gedrückt hält und sagt er solle seine Eltern respektieren. Da ist das Sollen nicht weit weg vom Müssen, wenn man leben will. 

Denke ich ein wenig darüber nach, wirken für mich auch die 10 Gebote nicht mehr sehr human (dabei gilt das alles genauso gut für den Islam). Die ersten 3 von 10 Geboten drehen sich ausschließlich darum, dass man Gott poussieren und unterwürfig sein soll. Nur Gott anbeten, sich kein Abbild von Gott machen; Gottes Namen nicht missbrauchen und Gott jede Woche einen Tag widmen. Auch die restlichen sieben Gebote sind stellenweise gar nicht so humanistisch. Zur Untermauerung dieser These will ich gleich das nächstfolgende Gebot heranziehen. Du sollst deinen Vater und deine Mutter heiligen – so kategorisch ist das pädagogisch höchst fragwürdig, auch im historischen Kontext („Kinder als Altersversorgung“) betrachtet. Und warum nicht andersherum („Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ Sprüche 13,24)? Als ich in der letzten Religionsarbeit begründen musste warum die Bibel für die Gleichberechtigung aller Menschen stehe, kam mir das furchtbar zynisch vor. Das Ganze endet dann mit dem patriarchalischen 10.ten Gebot, dass die Frau als Besitz ansieht und Sklavenhaltung bagatellisiert. Das nach den 10 Geboten folgende Kapitel (2.Mose 21handelt dann übrigens vom Recht hebräischer Sklaven. Solcherlei Passagen sind auch nicht „in den modernen Zeitgeist zu übertragen“, sondern in ihrem Inhalt per se inhuman.

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Samstag, 04 Februar 2017 03:01)

    Liebe deinen Nächsten mehr als deinen Fernsten?

    Liebe deinen Nächsten hängt von der Definition ab, wer der Nächste ist und wer nicht. Liebe deinen Fernsten liegt außerhalb des emotionalen Tellerrandes, aber dank Globalisierung in der Reichweite der unbewussten ökonomischen Macht der eigenen Kaufkraft.

    Liebe deinen Nächsten reicht nicht mehr aus, in einer Zeit, in der du mit deinem Gang zum Supermarkt deinem Fernsten schaden kannst, ohne es zu merken.

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 24 Januar 2017 00:08)

    Abt. Diskurswerfen:

    Warum sollte man göttlichen Geboten folgen?

    1. Weil er die Macht hat, einen zu bestrafen?

    Dann handelt man unfreiwillig aus Angst. Man wird erpresst - wenn man zu einer Handlung erpresst wird, ist man dafür moralisch nicht verantwortlich. Dann ist das keine Frage der Moral, sondern eine Frage der Macht.

    2. Weil man zu einer Gruppe gehören möchte, die für ihren Gehorsam belohnt wird?

    Dann handelt man aus Eigennutz. Das ist aber keine Frage der Moral, sondern des Nutzens. Ein Tier z. B. braucht keine Moral, um sein Verhalten anhand von Belohnungen auszurichten.

    3. Weil man den Sinn der Regeln erkannt hat?

    Wenn das der Fall ist, ist Gott überflüssig - ein wenig Vernunft und Handeln aus Einsicht täte es auch. Wer nicht vernünftig ist, wird auch keine vernünftigen Regeln befolgen!

    4. Weil die Moral von Gott kommt?

    Dann handelt es sich entweder um willkürliche Regeln, deren Befolgen nichts mit Moral zu tun hat, oder um sinnvolle Regeln, deren Befolgen aus Vernunft erfolgt und für die Gott schlicht überflüssig ist.

    Moralisches Handeln setzt ein autonomes Subjekt voraus, dass den Regeln freiwillig folgt. Jeder Zwang setzt daher moralisches Handeln außer Kraft, sei es durch Belohnung, Bestrafung oder schiere Macht. Gehorsam setzt eine Aufgabe der Moral voraus: Wer immer gehorsam ist, handelt nicht moralisch, weil er die Verantwortung abgegeben hat.

    Gibt es Gott, und einer der Punkte trifft zu, gibt es keine Moral, kein moralisch verantwortliches eigenständiges Handeln.

    Wenn man sich moralisch verantwortlich handelnde Menschen wünscht, sollte man hoffen, dass es keinen Gott gibt! Eine freiwillig gemachte gute Handlung ist mehr wert als tausend erzwungene, denn am Anfang aller erzwungenen Handlungen, sofern der Zwang von einer Person ausgeht und nicht den Umständen, steht schon ein Unrecht.

    Ohnehin beruht das Ganze auf schlichter Unkenntnis über die Ursprünge und den Zweck der Moral.

  • #1

    WissensWert (Samstag, 06 August 2016 17:01)

    Matthäus 22, 39: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

    Christen stellen diese Regel als ultimative, objektive (weil gottgegebene) Moralbasis schlechthin dar. Sie mag in vielen Situationen zu guten Ergebnissen führen, doch nicht nur war Jesus nicht der Erste, der diese Regel verkündete (Konfuzius war etwa früher dran), sie ist für eine göttliche Regel auch recht fragwürdig.

    Das zentrale Problem: So, wie das Gebot formuliert ist, ist der Massstab für Moral die eigene Vorstellung von Liebe. Damit wird aus dem "gottgegebenen Gebot" eine subjektive, individuelle Angelegenheit - es existieren so viele Moralkonzepte, wie es Menschen gibt. Und woher weiss man jeweils genau, wie man in einer spezifischen Situation behandelt werden wollen würde? Und wie kann man davon ausgehen, dass alle anderen immer so "geliebt" werden sollten?

    Vor allem wird auch oft vergessen, dass dieses Gebot nicht zum Rest der Lehre Jesu passt. Jesus verkündete nämlich auch einige Gebote, die zu beachten seien, unabhängig davon, ob sie der eigenen Vorstellung von Liebe entsprechen, die jemand hat. Jesus soll wiederholt betont haben, dass das gesamte alte Gesetz - inklusive Ungläubigen- und Hexenmord - weiterhin zu beachten sei (Matthäus 5, 17+18 / Lukas 16, 17) und soll sich etwa spezifisch für die Hinrichtung unfolgsamer Kinder stark gemacht haben (Markus 7, 9+10). Auch soll er etwa gesagt haben, Begehren sei auf einer Stufe mit Ehebruch (Matthäus 5, 27) und man solle sich nicht gegen Gewalt zur Wehr setzen (Matthäus 5, 39). Wir sind nicht mit Jesus einverstanden, auch die meisten Christen nicht. Aber weshalb?

    Weil es einen praktikableren Massstab für Moral gibt, und das ist das Wohlergehen von Menschen. Wohlergehen soll gefördert und unnötiges Leid möglichst vermindert werden - mit dieser Basis kann man arbeiten. Ja, es ist immer noch oft schwierig, daraus für jede Situation "richtige" Regeln herauszubilden, aber etwas anderes behauptet ein säkulares Moralkonzept ja auch gar nicht - das tut nur das Religiöse mit seinen dogmatischen Geboten.


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