„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Hallo Zielgruppe

Hallo Zielgruppe,

 

Ihr fragt, warum wir so handeln? Die Antwort seid Ihr.

Wer den Menschen verstehen will, sollte viel von ihm in Bedürfnissen denken. Es gilt als Unternehmer mithin also den Konsumenten durch Bedürfnisbefriedigung nachhaltig an sich zu binden. Dieser einfache Umstand erklärt beispielsweise weitgehend euer deutsches TV-Programm.

Das gilt für Quizshows, Wetten Dass, Castingshows, Schnulzen, u.ä. Sendungen. Dem gemeinen Mensch bedarf in seine Leben nach dem Gefühl von Sicherheit und Spannung. Jedoch korrelieren diese Zwei im Realen so miteinander, dass sichere Situationen meist nicht sonderlich spannend und spannende Situationen für üblich nicht sicher sind. Denn dort heißt Spannung gerade die Absenz von Sicherheit, das merkliche Risiko etwas zu verlieren zu haben. Hier setzt die Medienbranche an und bietet Unsereins die Möglichkeit mit dem Schicksal Anderer mit zu fiebern und mit zu fühlen, ohne selbst jemals dem Risiko von persönlichem Verlust ausgesetzt zu sein.

Das gilt für (Scripted-)Reality Shows, Pseudo-Dokus u.ä. Sendungen. Der gemeine Mensch vergleicht sich mit anderen Menschen und schöpft infolgedessen einen großen Teil seines eigenen Identitätsbildes und SelbstwertgefühlsJedoch verlangt relativer Erfolg im Realen oft Anstrengung und Zeit. Hier setzt die Medienbranche an, stellt Unsereins scheinbar erfolgslose (z.B.: Hartz-4-empfangende), dumme (z.B.: nicht eloquente), unmoralische (z.B.: asoziale), primitive, traurige, faule, problemüberladene usw. Menschen gegenüber und suggeriert in uns somit ein Gefühl besser - dran - zu sein. Auch das sogenannte Bildungsfernsehen arbeitet oft mit dem Gefühl von Überlegenheit. Da sitzen nur allzu oft Menschen in einer Runde, die sich selbst als Intellektuelle bezeichnen und dilettieren ausschließlich des nach außen getragenen dilettieren wegen. Der Zuschauer fühlt sich intelligent o.ä., sich im Milieu des Bildungsbürgertums angekommen und erhöht sich damit gedanklich nicht ohne eine gewisse Schadenfreude gegenüber dem von ihm als „Unterschichtenfernsehzuschauer“ titulierten Menschen. Er hasst um zu hassen.

 

# Nach – richten.

# Bildungsfern – sehen.

Also beschwert euch auch nicht, dass große Teile des Internets zu einem Moloch von Pornografie und anspruchslosen Spielen verkommen. Ihr seid der Voyeurist, die virtuelle, traurige Befriedigung vor flimmernden Computermonitoren bis zur Sucht sucht. Ihr seid auf regelfreie Welten mit schnellem Belohnungssystem aus. Ihr seid die Nachfrage. Wir das resultierende Angebot. Innerhalb des Marktes kann der Unternehmer nicht intelligenter, moralischer, usw. produzieren, wie es die Käufer selbst sind. Ihr echauffiert euch über unsere Werbung? Langt euch an die eigene Nase. Unsere Werbung steht unter Quotendruck - ist immer so schlau, wie ihr es seid.

 

# Bei uns kann poppen und shoppen nichts toppen.

So werden wir den Kapitalismus in seinem Lauf nicht stoppen.

 

Ihr seid die 99%. Ihr habt die Macht. Wenn ihr morgen nur noch Biofleisch kauft, wird die Massentierhaltung selbst aussterben. Wenn ihr übermorgen alle auf Fleisch verzichtet wird kein Tier mehr für den menschlichen Fleischverzehr sterben müssen. Oder nehmen wir Fair Trade Produkte. Wenn ihr gegen sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse seid, dann hört doch einfach auf Nike-Schuhe und I-Phones zu kaufen. Jeder regt sich über das RTL-Programm auf und doch ist es der meistgesehene Privatsender Deutschlands. Wir leben in einer Demokratie und daher ist es widersprüchlich, dass sich die deutsche Bevölkerung über ihren Überwachungsstaat, schlechte Umweltpolitik und Waffenexporte in Krisengebiete aufregt und doch zu über 40% CDU gewählt wird. 

Vielleicht beherrschen wir die Welt. Doch ihr beherrscht uns. Traut euch, zwingt uns.        Wenn einer die Welt von morgen in der Hand hat, seid ihr das.

 

Gegenstimme

Wenn ich dir noch einen letzten, persönlichen Tipp geben darf. Das was du gerade machst ist eine Farce und subtil merkst du es vielleicht bereits. Es ist einfacher einfach gegen, als für etwas zu sein. Aber es ist nicht das Wahre nur gemeinsame Feindbilder zu erschaffen und so Freunde zu suchen. Überzeuge selbst. Schaffe dir deine eigene Identität. Es ist einfacher sich vor den Fernseher zu schmeißen, als groß zu lieben und zu trauern. Aber wahrhaftiges Empfinden geht nicht ohne Risiko, geht nicht virtuell. Virtualität ist nicht das Wahre, kein Realitätsersatz. Es ist leichter sich auf Schlechtere zu konzentrieren oder andere schlechter zu machen, als selbst besser zu werden. Doch das wirkliche Gefühl von Erfolg gibt nur letzteres. Und mit einem reinen Gewissen schläft es sich besser, als auf einem Kissen voll Geld. Also gehe heraus. Träume nicht länger dein Leben, lebe deinen Traum. Stelle dich der Realität. Traue dir Wirklichkeit zu.

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