„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Aussehen & Charakter

Die freie Assoziation erlaubt es unterbewusste, mentale Verbindungen offen zu legen. Dem Analysanden werden dabei  Schlagwörter gegeben, woraufhin dieser ohne nachzudenken ausspricht, was ihm dazu in den Sinn kommt. Dass die Einfälle keiner bewussten Zensur (z.B.: da etwas als unmoralisch, unpassend, unangenehm, unsinnig oder unwichtig angesehen wird) unterlegen ist dabei essentiell für den Erfolg der Therapie.  Würde man willkürlich Leute auf der Straße nach ihren freien Einfällen bezüglich ihres Traummannes / ihrer Traumfrau fragen, würde man vermutlich überwiegend physische Attribute genannt bekommen. Schöne Augen, große Brüste, breite Schultern oder ein volles Portemonnaie wären wohl häufig zu hörende Assoziationen. Ein Mann der mit seiner Traumfrau assoziativ Charaktereigenschaften und Gefühle verbindet würde aus den durchschnittlich relativ oberflächlichen Verbindungen herausstechen.

 

Aber auch solche Menschen verlieben sich tendenziell eher in attraktive, gesunde und wohlhabende Leute. Meines Erachtens liegt dieser Umstand darin begründet, dass Charakter und Aussehen nicht als zwei separate Komponenten betrachtet werden können. Beide stehen (meist) in einer je nach Person mehr oder weniger großen Wechselwirkung zueinander. Ich beobachte beispielsweise, dass es meist hübsche Menschen sind, die sich ihre körperliche Liebe untereinander leichtfertig hergeben. Daraus lassen sich viele Vermutungen ableiten, die oft darauf abzielen, dass das Aussehen den Charakter eines Menschen mitbestimmen kann.

 

Nun ist möglicherweise für oben beschriebenen Mann tatsächlich der Charakter ausschlaggebend für sein Partnerideal. Da jetzt aber beispielsweise eine attraktive Frau tendenziell eher selbstbewusst, eine gesunde und schlanke Frau eher unbeschwert und lebensfroh usw. ist, könnte es sein dass sich dieser Mann in eine Frau verliebt, in die er sich nicht verlieben würde wäre diese in einem anderen Körper aufgewachsen.

 

Aus meinem Bekanntenkreis kenne ich jedoch ein schönes Beispiel dafür, dass sich der materielle Aspekt nicht zwingend auf die Partnerwahl auswirken muss. Vor 4 Jahren war ich Betreuer auf einem christlichen Zeltlager. Unser geistiger Leiter hat mir damals abends am Lagerfeuer erzählt, dass er seine Frau über eine Kontaktanzeige im Internet kennengelernt hat. Ihm war es von vornerein wichtig, dass sie ihm kein Bild von sich zeigte. Und so chatteten sie eine Weile. Nach einigen Wochen verspürten beide eine große Sympathie füreinander und beschlossen zu telefonieren. So nahm die Geschichte ihren Lauf und schlussendlich verliebten sich die beiden nach eigenen Angaben noch bevor sie sich das erste Mal sahen. Mittlerweile ist er nun seit vielen Jahren mit seiner korpulenten Frau verheiratet – und das überglücklich! Inwiefern sowas „über das Ziel hinausgeschossen“ ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Meine Hochachtung hat dieser Mann.

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