„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Rollentausch: Imperialismus

Scharfe Polemik um gesellschaftliche Streitfragen gründet oft auf verschiedene, festgefahrene Wertesysteme oder voreingenommenen, parteiischen Geistern und führt immer zu ungerechten, subjektiven Urteilen. Die bewusste und offene Polarisierung einer Streitfrage aber kann helfen dem Adressat ferne oder ganz fremde Standpunkte näher zu bringen.

 

Der Journalist Hanns Joachim Friedrichs konstatierte einmal sehr treffend, "einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört."

Ein guter Schreiber hört aber auch die ungehörten, unterdrückten und stummen Stimmen und verschafft ihnen dann Gehör. Gerade das publik machen von unbekannten, unpopulären und ungewollten Standpunkten zeichnet investigative Köpfe grundlegend aus.

 

Inhaltlich ist kommendes Gedankenspiels weder objektiv, noch differenziert - was aber auch nicht dessen Anspruch ist. Vielmehr ist es meine Intention damit die spärlich bis überhaupt nicht ausgeleuchtete Situation der Bürger der von unseren Streitkräften intervenierten Nationen aufzuzeigen.

Rollentausch

Stellen sie sich folgende Szenarien vor.

 

Sie sind ein friedliebender Einwohner Bagdads. Über die Medien haben sie vor vielen Jahren von der zunehmenden Kriegsbereitschaft amerikanischer und britischer Politiker gehört. Ihr Land solle einen Anschlag mit Massenvernichtungswaffen auf die U.S.A. planen. Aber sie verstehen nicht, wie diese westlichen Politiker in einer Rede den Krieg als letztes Mittel bezeichnen und gleichzeitig den diplomatischen Diskurs mit den Herrschern ihres Landes ausschließen können.

In den darauffolgenden Wochen hörten sie aus ihrem Keller die Bomben auf ihre Heimatstadt niederregen. Ihre beiden Söhne wurden während dieser Zeit lebendig unter einem zusammenbrechenden Gewölbe erschlagen. Die heiligen Pilgerstätten ihrer Religion wurden beschmutzt und schlussendlich verzeichnete der Krieg eine halbe Million Zivilopfer. Mittlerweile wissen sie, dass die Geschichte um die angeblichen Massenvernichtungswaffen bewusst erlogen war, um den Genozid an ihrem Volk zu rechtfertigen. Bis heute wurde keiner von denen, an deren Händen das Blut ihrer Kinder klebt, zur Rechenschaft gezogen.

 

Hätten nicht auch sie Lust, sich einen Sprengstoffgürtel umzulegen?

 

Als Massai sind sie mit Kuhdunghütten und Wildjagd im östlichen Afrika aufgewachsen. Als Mann wurden sie traditionell zwangsbeschnitten und eine Frau ist für sie seit jeher ein Besitzobjekt. Diese Kultur und deren Wertesystem sind für sie nicht allein selbstverständlich. Sie sind auch Teil ihrer kulturellen Identität und religiöser Überzeugung. Ein Verlangen nach I Phone, Wahlen oder der Vorstellung eines ideellen, ethisch sittlichen, monogamen Sexuallebens würden sie schon allein deshalb nicht verspüren, weil der Mensch nicht misst was er nicht kennt. Und dennoch legitimieren Industrienationen ihr Eindringen in dein Land allein mit ihrem Diktat von Kapitalismus, Demokratie und gesellschaftlichen Normen. (Können die von einer Gruppe von Menschen verfassten Menschenrechte überhaupt einen Universalitätsanspruch für alle Menschen erheben?) Eine demokratische Wahl oder das Recht auf die freie Wahl eines mündigen Bürgers können sie vor und bezüglich des aufoktroyierten Wertesystems natürlich nicht wahrnehmen. Komischerweise verlieren die Invasoren plötzlich ihre ursprünglich, angeblichen Motive sobald sie die Ressourcen und somit auch dein Land selbst ausgebeutet haben und ziehen aus jenem ab.

 

Das sie in einer virginischen Zeitschrift, also einem Blatt aus dem Bundesstaat von dem aus vom Schreibtisch und per Fernsteuerung ihre Mitbürger via Drohnen abgeschossen werden, als radikal, grausam und zynisch bezeichnet werden können sie nicht mehr mitbekommen. Denn als Kind eines afghanischen Ehepaares werden sie nie das Licht der Welt erblicken. Aufgrund der von den Amerikanern verschossenen, panzerbrechenden Uranmunition sind sie nämlich bereits jetzt als Fötus dermaßen verkrüppelt, dass sie über die nächsten Tage unter Schmerzen sterben werden. 

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